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Merken   Drucken   07.09.2008, 11:00 Schriftgröße: AAA

Interview: "Duftreisen in die totale Ekstase"

Nie zuvor parfümierten Menschen sich und ihren Alltag so lückenlos wie heute. Wohin wird uns das Verlangen nach Düften noch treiben? Bleibt dabei unser Geruchssinn auf der Strecke? Drei visionäre Nasen beantworten Susanne Opalka Fragen zur olfaktorischen Zukunft.
Alessandro Gualtieri   Alessandro Gualtieri
ALESSANDRO GUALTIERI komponierte Düfte für Romeo Gigli, Versace, Valentino, Helmut Lang und Diesel, bevor er in Amsterdam seine eigene Marke gründete. Er taufte sie Nasomatto, was auf Italienisch "verrückte Nase" heißt. Sein Traum: Halluzinogene Duftdrogen.
Financial Times Deutschland: Herr Gualtieri, Düfte sind immer auch Ausdruck von Sehnsüchten. Wonach werden wir uns, sagen wir im Jahr 2117, sehnen?
Alessandro Gualtieri: Nach Lust, viel Lust!
FTD: Und wie wird die riechen?
Gualtieri: Die riecht heute wie gestern und morgen nach Begierde. Wie genau? Das ist unbedingt individuell.
FTD: Lässt sich die Duftwelt von morgen überhaupt vorhersagen?
Gualtieri: Ich glaube, der Duft von heute ist uns schon voraus, er weist schon in die Zukunft. Und wenn wir uns den Duft der Zukunft vorstellen wollten, wäre das, als ob wir eine Zukunft der anderen vorwegnehmen würden.
FTD: Aber Hoffnungen dürfen Sie schon hegen.
Gualtieri: Oh ja. Ich hoffe und bin mir fast sicher, dass es in, sagen wir, 234 Jahren halluzinogene Duftdrogen geben wird, die uns auf virtuellen Duftreisen in die totale Ekstase entführen werden. Vielleicht werden wir dabei konzentrierte Gerüche von Wald, Meer oder Schnee im Gepäck haben.
FTD: Natur aus dem Flakon?
Gualtieri: Ja, da sind wir schon heute nah dran. Aber noch lassen sich die vielfältigen und feinen Nuancen der Natur nicht sämtlich synthetisch nachbilden. Manches riecht einfach künstlich.
FTD: Welche Rolle wird in der Gesellschaft von morgen unser eigener Geruch noch spielen?
Gualtieri: Er ist und bleibt einer der bedeutungsvollsten Aspekte in zwischenmenschlichen Beziehungen, sowohl der Körpergeruch wie auch unser Parfüm. Wer glaubt, wir könnten uns nur noch per Handy und Internet austauschen, den warne ich: Wer sich dem Geruch entzieht, entzieht sich der Zukunft. Die Zukunft ist nicht nur technischer Fortschritt.
FTD: Werden also Klassiker wie Chanel No. 5 ewig bestehen?
Gualtieri: Ja, und sollte es sie nicht mehr auf dem freien Markt geben, dann in einer Art Parfümbibliothek.
FTD: Wie würden Sie selbst gern riechen, in 100 Jahren?
Gualtieri: Nach Black Afgano oder Adrem, zwei noch nicht fertigen Parfüms.
Das Duftlabor der gebürtigen Norwegerin steht in Berlin. Sie ist zudem Professorin für Unsichtbare Kommunikation und Rhetorik an der Harvard Business School. Ihre Vision: Mit Düften kranken Menschen helfen
Financial Times Deutschland: Frau Tolaas, wie viel Duft vertragen wir und unsere Umgebung?
Sissel Tolaas: Die Überflutung unserer Nasen mit Informationen wird noch viel extremer werden. Bis die Leute radikal reagieren und zurück zum Nichts wollen. Zurück zum Körper.
FTD: Der seine eigenen Duftstoffe absondert.
Tolaas: Ja, zum Beispiel unterschiedliche Formen der Angst, die sich im Schweiß ausdrücken. Mit solchen Phänomenen beschäftige ich mich. Ich erforsche Gerüche aus der Realität und reproduziere sie.
FTD: Sie haben auf Basis Ihres eigenen Körpergeruchs Ihr ganz individuelles Parfüm entwickelt. Ist das die Zukunft? Jedem sein ureigener Duft?
Tolaas: Jedenfalls wird Duft immer persönlicher werden. Er kann unterstreichen, was du denkst und fühlst, was dein Charakter, deine Absicht ist. Eines Tages wird man uns durch Geruch statt durch Fingerabdrücke identifizieren.
FTD: Unser olfaktorischer Sinn wird also nicht weiter abstumpfen?
Tolaas: Nein, ich glaube, wir entdecken die Geruchswelt als Informationsquelle. Aber wir brauchen eine Sprache dafür. Ich arbeite daran, sie heißt Nasalo, man kann sie lernen wie das Abc. Nur wer Geruch benennen kann, kann auch Geruch denken, kritisch sein und Düfte bewusst nutzen. Sicher, Parfüms sollen weiter auf der emotionalen Seite funktionieren, das ist schön. Aber bitte nicht nur. Dafür kann unsere Nase viel zu viel.
FTD: Was sollte sich in 100 Jahren geändert haben?
Tolaas: Das Bildungssystem muss erkennen, wie wichtig die Nase ist. Wir können ohne Augen, Ohren, Haptik und Geschmack existieren. Aber ohne Luft - und jeder Atemzug trägt Gerüche und damit wertvolle Informationen heran - überleben wir kaum ein paar Minuten. Wenn Riechen zum Lehrplan gehört wie Mathematik, werden wir unsere Nase so benutzen wie unsere Augen.
FTD: Welche Vision in der Duftforschung ist die schönste?
Tolaas: Das versuchen wir in tollen Projekten, etwa an der Berliner Charité, herauszufinden. Wir untersuchen, welche Gerüche die Atmosphäre der Kinderklinik verbessern und die Heilung der kleinen Patienten fördern können. Wenn das die Zukunft ist, dann bin ich die Zukunft.
Dort entwickelte er Youth Dew Amber Nude für Estée Lauder, Ralph Lauren Polo Blue und Thierry Muglers Le Parfum. Ab Oktober führt er seine eigene Firma in New York. Sein Projekt: Riechunterricht an Schulen.
Christophe Laudamiel   Christophe Laudamiel
Financial Times Deutschland: Herr Laudamiel, derzeit werden Damendüfte holziger, bei den Männern kommen Blumen zum Einsatz. Eine Entwicklung mit Zukunft?
Christophe Laudamiel: Eher eine Welle. Lange dominierten transparente, fruchtige, unkomplizierte Düfte. Die Zielgruppe waren 20-Jährige. Zehn Jahre später wollen die aber ernstere Düfte. Die Nischenparfüms haben Frauen mittlerweile an mystische Retronoten gewöhnt, an Amber, an Edelhölzer. Dem folgen nun die großen Marken. Für Männer galt: frisch oder Fougère, eine Komposition aus Lavendel, Eichenmoos und Kumarin. Jetzt wird auch mit untypischen Duftfamilien experimentiert. Man entdeckt: Parfüms sind flexibler als Mode!
FTD: Wird Qualitätsparfüm zum Luxusgut, das sich nur noch wenige Menschen leisten können? Und die Masse riecht uniform?
Laudamiel: Vieles spricht dafür. Es wird Allerweltsdüfte und Projekte für Kenner geben, die kontroverse Düfte schätzen. Immer speziellere Unikate, die zum Charakter, zur Situation und Umgebung passen, etwa zum Haus oder ins Auto.
FTD: Klingt, als ob Sie und Ihre Kollegen viel zu tun bekommen.
Laudamiel: Und das bereits in den nächsten zehn Jahren. Ich höre viel von Forschungsarbeiten zum Geruchssinn. Biologen, Neurologen, Chemiker, Psychologen finden das Thema spannend und zukunftsträchtig. Aber sie sind keine Parfümeure, sie kennen sich nicht mit Düften aus.
FTD: Dabei ist unser Alltag schon jetzt mit Duftstoffen überfrachtet, nur unser Geruchssinn kommt nicht mit.
Laudamiel: Auch das wird sich ändern. Wir bereiten eine Pilotstudie zur Erziehung des Geruchssinns an 2000 Grundschulen in den USA und Europa vor. Die Kinder spielen mit der Nase und lernen: Wie riechen eine Erdbeere, ein Apfel, verschiedene Hölzer? Sie lernen Duftfamilien kennen.
FTD: Die Menschen werden immer älter. Können Düfte beim Altern helfen?
Laudamiel: Studien belegen, dass das Riechen eine Art Aerobic fürs Gehirn ist, ein Work-out, der neue Neuronenverbindungen schafft.
FTD: Sie haben einen Wunsch frei: Heute in 100 Jahren ...
Laudamiel: ... spielen Düfte eine ebenso wichtige Rolle in unserem Leben, wie es Farben heute tun.
  • FTD.de, 07.09.2008
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