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Merken   Drucken   05.09.2006, 10:00 Schriftgröße: AAA

Interview: Wilbert Das: "Es gibt da draußen abgrundtief grässliche Hosen"

Diesel-Designchef Wilbert Das beweist mit umjubelten Defilees in New York, dass die Jeans Couture sein kann. Dabei behandelt er sie denkbar schlecht: Er traktiert das Beinkleid mit Steinen, Laserstrahlen und Nagelwalzen. Siems Luckwaldt sprach mit dem Holländer über den Charme zerstörten Denims.
htsi: Sie sehen gehetzt aus.
Wilbert Das: Ich war auf der Flucht, aber jetzt geht es mir schon wieder besser.
htsi: Wer hat Sie verfolgt?
Das: Ich war mittagessen mit Grace Jones und ihrer Entourage, im Meatpacking District. Als ich mich verabschiedete, um hierher zu fahren, schrie sie plötzlich voller Inbrunst durch das Restaurant: "Neeeeiiinn, verlass mich nicht." Die anderen Gäste waren völlig entgeistert und starrten mich vorwurfsvoll an. Wahrscheinlich hielten mich alle für einen Wüstling. Ich war froh, als ich draußen war und heil im Auto saß. Grace ist extrem unterhaltsam, aber auch komplett verrückt.
htsi: Bei Ihrer Modenschau saß sie als Stargast in der ersten Reihe.
Das: Ja, ich wollte sie unbedingt dabeihaben. Wie sie als Sängerin, Model und Schauspielerin in den 80ern die Leute aufgemischt hat, das war mutig und extraordinär. Und es hatte immer Klasse. Ich bin ein Fan, doch direkt vor der Show hätte ich sie am liebsten zum Teufel gejagt. Sie wollte partout nicht aus ihrer Garderobe kommen, und ohne sie konnten wir nicht anfangen. Ich glaube, sie lässt die Leute gern zappeln. Sie ist eine unglaublich wilde Person.
htsi: Ist es aufregend, als Jeansmarke auf der New York Fashion Week zu zeigen?
Das: Ja, auch beim dritten Mal noch. Die "ernsthafte" Mode hat ja immer noch Vorurteile gegen Jeans. Da ist mir der Respekt, den uns die Teilnahme an den Schauen in Manhattan verschafft, natürlich sehr wichtig. Es tut gut, wenn Karl Lagerfeld, für dessen Label Lagerfeld Gallery wir Jeans entwickelt haben, sagt: "Mit Diesel oder gar nicht!"
htsi: War das vor oder nach seiner Wunderdiät?
Das: Das ist drei Saisons her, und er trug die schmalste Jeans, die wir haben: 28. Eigentlich unsere Frauenmodelgröße, unglaublich.
htsi: Tom Ford hat den Casual Look unlängst als modische Sackgasse bezeichnet, er sei davon gelangweilt.
Das: Es ist doch gerade die formelle Mode, die uns einschränkt: Jacketts werden immer ein Revers haben, Taschen ein bis drei Knöpfe und so weiter. Bei Hosen ist es noch strikter. Das Jeans-Genre ist da viel umfangreicher und spannender, gerade jetzt, wo die Grenzen zur Business- und sogar Abendmode aufweichen.
htsi: Trotzdem, Jeans bleibt Jeans. Warum haben wir nie die Nase voll von ihr?
Das: Weil sie ihrem Träger einen tollen runden Arsch verleihen. Punkt.
htsi: Jeans machen die Menschen schöner?
Das: Genau. Das ist und bleibt ihr stärkster Trumpf. Wenn sie mit Verstand und Expertise geschnitten ist, hat die Hinterpartie einen optischen Lifteffekt. Sie hebt den Po nicht wirklich an, aber es wirkt so. Zudem haben sich Menschen über Jahrzehnte so sehr an dieses Kleidungsstück gewöhnt, dass es aus vielen Outfits gar nicht mehr wegzudenken ist. Außerdem sind Jeans extrem bequem ...
htsi: ... solange sie nicht frisch gewaschen sind ...
Das: ... und man sich in fiese Röhrenschnitte mit dem Schuhlöffel hineinzwängen muss. Ein weiterer Vorzug ist ihre Anpassungsfähigkeit. Sie altern mit ihrem Träger, wie ein guter Wein. Ich wüsste außer gutem Leder kein anderes Material, das mit den Jahren besser oder schöner wird. Dabei ist es völlig egal, wie viel Veränderungen und modische Spielereien eine Jeans mitmacht, sie bleibt immer ziemlich taff.
htsi: Ursprünglich wurden sie von Cowboys durchgeritten oder von Minenarbeitern zerschlissen.
Das: Ironischerweise sehen ausgerechnet unsere teuersten Jeans den verlebten Originalen der Schwerstarbeiter besonders ähnlich.
htsi: Wollen sich die Leute das wilde, harte Leben von einst zurückkaufen?
Das: Ja, aber ohne Muskelkater. Mir geht es da nicht anders, auch ich mag Jeans, die mir den Anstrich von handfester ehrlicher Arbeit geben. Also greife ich zu Looks wie 'Used' oder 'Destroyed' und verschaffe mir eine Aura, die mein tatsächliches Leben vielleicht gar nicht widerspiegelt.
htsi: In den 80ern waren weiße und "Moon-washed" Jeans extrem angesagt.
Das: Das Wie ist entscheidend. Ich bin kein großer Fan von schwarzen Jeans, auch wenn wir sie in der Kollektion haben. Schwarzer Denim ist nicht so spannend wie blauer, mit schwarzem Leder kombiniert aber absolut okay. Auch bei Weiß bin ich pragmatisch, ohne eine Miami-Vice-Phobie. Grüne, rote oder gelbe Jeans wird es bei Diesel aber ganz bestimmt nicht geben.
htsi: Weinen Sie innerlich, wenn Jeans und Träger Welten trennen? Etwa als Roseanne in wahren Denimzelten durch die Kulissen ihrer Sitcom stapfte?
Das: Ach, in puncto Größe bin ich ziemlich tolerant. Aber es gibt da draußen zweifellos abgrundtief grässliche Hosen!
htsi: Ihr Worst-dressed-Erlebnis?
Das: Gerade gestern habe ich etwas Fürchterliches gesehen. Ich lief durch Manhattan, den Blick gesenkt, weil ich die meisten Menschen erst von der Gürtellinie abwärts betrachte, als mir eine Jeans im missglückten Used-Look in die Quere kam. Sie war gestreift! Den Job möchte ich sehen, bei dem die Jeans des Arbeiters Längsstreifen bekommt.
htsi: Was haben Sie gemacht? Weggeguckt?
Das: Nein, denn auch im scheußlichsten Outfit steckt Inspiration. Ich grüble, warum das so nicht gut aussieht, wie man es machen müsste und so weiter. Wir würden uns doch zu Tode langweilen, wenn die Leute immer nur toll aussehen und in perfekten Klamotten rumlaufen würden.
htsi: Was haben Sie getragen, als Sie noch in der holländischen Provinz lebten?
Das: Jeans. Nicht jeden Tag, aber die meiste Zeit. Oder Lederhosen, meine andere Leidenschaft. Lustigerweise trug ich sogar zur Erstkommunion mit elf Jahren einen ungewaschenen Jeansanzug von Levi's. Blue Jeans und ein Denim-Jackett.
htsi: In Italien, wo Sie heute leben, käme als Nächstes die Exkommunikation.
Das: Tja, das war ja auch in Holland.
htsi: Ein Modedesigner aus Arnheim erzählt den Italienern, was cool ist. Was sagt er ihnen?
Das: Cool ist, wer kompromisslos zu sich steht und in der Mode seinen eigenen Weg verfolgt. Und wenn das dümmste T-Shirt auf die fürchterlichste Jeans trifft. Selbstbewusst und selbstverständlich Sachen zu tragen, die andere vielleicht schrecklich finden, das hat meinen Respekt. In einigen Fällen sogar meine Bewunderung.
htsi: Zum Beispiel?
Das: Boy George. Womit wir wieder bei 80er-Ikonen wären. Als Leute wie Boy George und Grace Jones zu Stars wurden, dachte doch jeder, ein Ufo sei gelandet. Sie haben die damaligen Grenzen des Geschmacks gesprengt.
htsi: Apropos Geschmacksverirrung ...
Das: ... das habe ich nicht gemeint.
htsi: Wird das Jeanshemd zurückkehren?
Das: Das wird es. Allerdings ganz anders als früher.
htsi: Als Westernfans mit Kragenspitzen und Schnürsenkel-Krawatte zum Squaredance schlurften.
Das: Für unsere Linie Diesel Denim Gallery haben wir gerade ein wirklich tolles Hemd gemacht: handgenäht, mit vielen Details und Used-Effekten. Generell ist ein Jeanshemd, so ein richtiges Machoteil, äußerst schwer zu entwerfen. Es sieht eigentlich nur pur gut aus. Oder ultrabehandelt.
htsi: Kopiert man mit einem scheinbar zerschlissenen Hemd oder einer abgewetzten Hose eigentlich immer ein echtes Vintage-Stück?
Das: Nein. Natürlich studieren wir getragene Jeans, um unser Repertoire an Gebrauchsspuren zu verfeinern. Das Ziel bleibt jedoch, eine völlig neue Hose à la Diesel zu kreieren.
htsi: Setzt eine Jeans der Fantasie nicht eher enge Grenzen?
Das: Überhaupt nicht. Ich kann mich bereits an einem Knopf austoben, einer Naht, der Machart eines Knopflochs. Sicher, die Möglichkeiten sind begrenzt, aber umso subtiler und mit mehr Raffinesse umzusetzen und zu "tarnen".
htsi: Sie sind Chef eines 50-köpfigen Teams. Wozu brauchen Sie so viele Leute?
Das: Da sind zum Beispiel die Spezialisten für Grafik-, Industrie- und Verpackungsdesign und die Kollegen, die unsere weltweite Schaufensterdekoration entwerfen. Reine Modeschöpfer haben wir vielleicht 30, und mit denen entwerfe ich jede Saison immerhin 3000 Kleidungsstücke und Accessoires, inklusive unserer Kinderlinie.
htsi: Und das meiste davon ist Denim. Schon mal dran gedacht, was anderes zu machen?
Das: Das ist kein Gedanke, der mich bis drei Uhr früh wach hält, aber Möbel würde ich unheimlich gern entwerfen. Als Erstes einen Stuhl. Es gibt zwar zig Millionen davon, aber keinen, der mir gefällt.
WALK LIKE AN ITALIAN
Eine Übersicht aller Diesel-Läden weltweit findet sich unter: www.diesel.com
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