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Merken   Drucken   21.09.2008, 10:00 Schriftgröße: AAA

Portrait: Der die Fliege macht

Sie landet auf dem Revers, im Haar, auf Taschen - und manchmal auch da, wo sie hingehört. Alexis Mabille hat die Fliege vom schrulligen Image befreit und auf neue Flugbahnen geschickt. Alexa von Heyden über den Meister der Mikro-Couture.
Als Alexis Mabille seinen Chefs von seinem Entschluss erzählte, waren sie fassungslos. "Junge, bist du verrückt?", fragten sie. Das hier ist Christian Dior! Du machst für Christian Dior den Modeschmuck! Du bist auf dem Weg, eine Berühmtheit zu werden. Was willst du noch? Die Argumente, die Fragen wogen schwer - Mabille hatte sie sich alle selbst schon vorgelegt. Richtig, er war weit gekommen in den letzten acht Jahren bei Dior. Gleich am Anfang, 20 war er da, hatte Chefdesigner John Galliano zu ihm gesagt, du kannst das, du machst den Schmuck für meine Haute Couture. Und später, als Hedi Slimane den Stab übernahm, kam noch der Schmuck für die Männerlinie hinzu.
Aber es half alles nichts. Alexis Mabille, 28, kündigte, ging nach Hause, setzte sich an seinen Küchentisch und entwarf - eine Fliege. Die erste Fliege unter eigenem Namen.
Alex Mabille   Alex Mabille
Heute, drei Jahre später, liegen seine Kreationen bei Colette in Paris (und nicht nur da!), und wenn man wissen will, ob Mabille die richtige Entscheidung getroffen hat, muss man sich nur ein paar Minuten in der berühmten Boutique in der Rue Saint-Honoré umsehen. Der Laden ist ein Tempel für Trendjünger, das Interieur blitzt ultramodern, und die Verkäufer sind so cool, dass sie selbst Prominente in den Umkleidekabinen schmoren lassen. Einer von ihnen trägt zum T-Shirt eine mit goldenen Pailletten besetzte Fliege um den Hals. Auf die Frage, woher sie stamme, haucht er "Treizeor" und zeigt auf ein Regal, vor dem sich Kunden drängen.
Treizeor ist Mabilles Kollektion. Die Pariser Jeunesse trägt seine Stücke morgens auf dem Weg zur Uni und beim nächtlichen Klubbesuch. Seine Fliegen haben nichts mit dem schrulligen Propeller für den Abiturball gemein. Er macht sie aus Leder, Tüll oder Mohairwolle. Es gibt sie in klein, groß und riesig, mit Pompons oder Quasten, Rüschen und Fasanenfedern bestückt. Jede hat einen Namen: "Mimosa" ist ein knuffiges Gebilde aus buntem Karostoff, "Glycine" ein Fähnchen aus pfirsichfarbenem Organza. "Was Farbe, Form und Material anbelangt, kenne ich keine Grenzen. Mein Stil ist frivol!", proklamiert Mabille.
Fantasie bewies er auch mit der Modenschau, die ihm Anfang letzten Jahres zum Durchbruch verhalf. Mabille ließ die Models bei Deyrolle, einem Pariser Fachgeschäft für ausgestopfte Tiere, zwischen Giraffen und Eisbären posieren, seine Fliegen pinnte er zwischen Schmetterlinge, riesige Käfer und Heuschrecken. Colette bestellte das komplette Sortiment und übernahm die Präsentationsidee. Nur wenig später schillerten die tropischen Falter und Schleifen im Schaufenster. Karl Lagerfeld war dermaßen beeindruckt, dass er eine Zeit lang jede Woche in seinem weißen Hummer vorfuhr und ein neues Modell erwarb.
Mabilles Werke entstehen in der Rue Sainte Anne nahe dem Louvre. Die Straße war in den 20er-Jahren berühmt für ihre Schwulenszene, heute kommt man wegen der vielen japanischen Restaurants hierher. Der Modeschöpfer öffnet die Tür zu seinem Atelier im zweiten Stock und führt in einen sonnendurchfluteten Raum. Die Fenster stehen offen, Vögel zwitschern. Raschelnd heften Näherinnen - in Hochzeiten arbeiten bis zu 20 von ihnen hier - mit flinken Stichen Schleifen zusammen, die man als Haute Couture en miniature bezeichnen kann: Für jedes Modell gibt es ein Schnittmuster, die Produktion kann bis zu fünf Stunden dauern, je nachdem, wie kniffelig Material und Form sind.

Teil 2: Eine Fliege aus Krokodilleder mit einem Diamanten

  • FTD.de, 21.09.2008
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