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Merken   Drucken   07.11.2007, 16:00 Schriftgröße: AAA

Portrait: Jakobs Weg

Die Kunstwelt liebt Otto Jakob. Seine Schmuckstücke sind nicht einfach schön, sie verzaubern und irritieren, sind Bildhauerei und Malerei. Der Gulliver der Goldschmiedekunst entführt Lorenz Wagner in sein Liliput.
Natürlich musste Immendorff diesen Mann einfach malen. Er sieht aus, als könne er einen Baum ausreißen und zurück in den Boden rammen. Und im Märchentheater könnte er mit etwas wilder Schminke einen Kinderfresser spielen. Doch Immendorff malte nicht das Grobe, das Ungeschlachte an Otto Jakob, nicht den breiten Rücken, nicht den vorstehenden Schneidezahn. Er malte die Hand und lässt sie schweben. Golden, mit Flammenflügeln. "Du bist der Beste", sagte er dem Gemalten, als er ihm das Gemälde schenkte. Der beste Goldschmied der Welt.
Seitdem thront es in Jakobs wundersamem Wohnzimmer, in dem sich Lampen wie Blumenkelche öffnen, in dem Pflanzen Elefantenfüßen gleichen und an den Wänden genadelte Rosenkäfer schillern. In solch einem Zauberzimmer hängt ein Gemälde natürlich nicht einfach stumm herum, nein, es nimmt Anteil an der Familie. Ob Jakob neapolitanische Musik hört, seine Frau ihr duftendes Boeuf Bourguignon kocht oder der Sohn mit einem Hendrix-Film zu Besuch kommt, immer ist das Gemälde dabei, es hört und isst und freut sich mit, und in schweren Stunden, wenn mal wieder der Zweifel nagt, wenn Jakob sich fragt, ob sein Lebenswerk, das er in ein Köfferchen packen könnte, wirklich bedeutend ist, ob es noch in 500 Jahren besteht - dann muntert ihn das Gemälde auf, lässt seine Farben leuchten und sagt: "Ach, geh zaubern."
Und der Goldschmied steigt die Treppe seiner Jugendstilvilla hinab, tritt in die Werkstatt, die nach Staub und Wachs riecht, in der auch ein Grobschmied oder Zahntechniker arbeiten könnte, sie fänden vertraute Werkzeuge, Pinzetten, Skalpelle, Bohrer, Sägen, nur bei manchem Utensil gerieten sie ins Staunen: Wofür, bitte schön, braucht man einen Pinsel mit genau zwei Marderhaaren?! Nun, um auf eine winzige Hand aberwinzige Wolfsmilchdornen zu malen, und überhaupt um Werke zu schaffen, die erst unter dem Mikroskop ihre wahre Schönheit entfalten.
Am liebsten ist Jakob am Abend hier unten, kein Telefonklingeln, keine Lehrlingsfrage weckt ihn aus seinen Träumen, im Ofen verbrennt das Modellierwachs, neben seinen Füßen schnarcht Labrador Kamla, und der Goldschmied werkelt einfach vor sich hin, er schnitzt und sägt, feilt und fräst, ziseliert, emailliert, schmiedet. Aus Korallen macht er Blüten, aus Ebenholz Gorillas, aus Roségold Schlangenvögel - Meisterwerke, geliebt von Stars und Diven und Künstlern wie Sigmar Polke, Markus Lüpertz und Georg Baselitz.
Bei Baselitz hat Otto Jakob einst Malerei studiert. Ein Irrweg. Jakob malte mit allzu wildem Schwung, schrie mit Farbe das Atelier nieder und fand doch keinen Frieden. Immer hatte er das Gefühl zu malen, was längst gemalt war. So wollte er nicht leben. In dieser Mittelmäßigkeit. Gleich nach dem Studium warf er hin. "Ich werde Goldschmied."
Schmuck war schon früh seine Liebe. Als Jakob17 Jahre alt war, fing es an. Er war mit seiner Freundin nach Rom gereist, wo Hippies an der Spanischen Treppe Silberschmuck verkauften. "Lass mal, das kann ich besser", sagte Jakob zu seiner Veronika. Zu Hause besorgte er sich
Silber und bog ihr einen Ring, so schön, dass Veronikas Freundinnen auch einen wollten. Bald war Jakob der Schmuckheld aller Mädchen an der Schule.
Nach dem Abitur wandte er sich von der Schmuckarbeit ab. Künstler wollte er werden. Ein großer Maler. Bis er eben hinwarf. Die anderen Studenten konnten es nicht glauben, belächelten seine wiederentdeckte Handwerkerambition. Sie ahnten nicht, dass Jakob Künstler wurde, indem er der Kunst den Rücken kehrte.
Er las Bücher über Goldschmiedekunst und bestellte aus einem Katalog "nach Form und Mutmaßung" Werkzeuge. Er führte sie falsch. Die Zangen waren zu groß, die Goldschleuder ein Desaster. An die Wand flog sie, und das flüssige Gold tropfte aufs Bett. Aber sein Schmuck lebte. Baselitz kaufte die ersten Werke.
Jakob wühlt in einer Holzkiste, entnimmt einen Bergkristall. Als greife King Kong nach der Schönen. Schaufelhände mit krummen, schwarzen Nägeln, sanft und zärtlich. Schmieden ist Fühlen. Stahl oder Plexiglas? Kaltes, totes Zeug. Aber Lapislazuli, kühl, blau, verlässlich, oder Ebenholz, schwarz, schwer, voll Wärme, diese Stoffe liebt er. Das heißt nicht, dass er sie ständig einsetzt. Ein Künstler wählt seine Zutaten mit Bedacht. "Stoffe sind Sinnträger." Koralle steht für Blut, Ebenholz für das Fremde - und Bergkristall, Jakobs liebster Stoff, der ist Kindheit und Antike zugleich. "Die alten Griechen", sagt er leise, "die glaubten, er wäre Eis, so tief gefroren, dass es nie mehr schmilzt."
Leicht und kühl liegt der Kristall in seiner Hand, noch milchig und kantig. Eine diamantenbesetzte Schleifscheibe glitzert auf, der Goldschmied hält den Stein dagegen, dreht ihn hin und her. Es sirrt wie beim Zahnarzt, duftet verbrannt, die Finger färben sich mehlweiß. Auf Jakobs Stirn verschwinden die drei Falten, die seinem Gesicht etwas Missmutiges geben, selbst wenn er über den Indienurlaub plaudert oder alte Geschichten erzählt, etwa über die Pizza, die sich in LSD-seligen Hippiezeiten in ein Gesicht verwandelte. Jakob schrumpft ein, Schultern, Rücken, Augen, alles wird kleiner, sein Mund steht offen, als schaue er zum ersten Mal in ein Mikroskop hinein, blicke zum ersten Mal in einen Kristall, sehe zum ersten Mal, wie Schlieren und Kratzer zu Spalten und Kratern werden, tiefer und tiefer geht die Reise, der Kristall wird vom Mikrokosmos zum Kosmos.
Schon als Kind ist Jakob in Steinwelten getaucht, beugte sich über die Kristalle eines Nachbarn, "ein heiliger alter Steinsammler, als ich zehn war, vermachte er mir 'Klockmann's Lehrbuch der Mineralogie'. Und ich fraß den Inhalt in mich hinein". Oft wachte der kleine Otto nachts auf, die Lupe und seine neuen Freunde unterm Kissen, Steine, die er in den Kristalllagern des Schwarzwalds gefunden hat: Bleiglanz aus Urberg, Baryt aus Wolfach, Pechblende aus Menzenschwand, giftgrüne Kristalle, radioaktives Zeug, sie strahlten auf seinem Nachttisch.
Noch heute hütet Jakob Kindheitsschätze. Impactglas aus dem Nördlinger Ries, wo ein Meteorit vor Urzeiten niederkam. Als er einschlug, verflüssigte sich Gestein und flog Hunderte Kilometer weit. In der Luft erstarrte es zu daumenlangen Tropfen. Einige warten nun in Jakobs Werkstatt darauf, dass er sie zu einem Kunstwerk macht, vielleicht zu einem Amulett, wie diese Silberlocke aus China, reines Silber, wie die Natur es geformt hat, zu weich, um es frei zu tragen. Jakob hat sie zur Reliquie erhoben, auf einen Sockel gestellt, mit Scheiben aus Bergkristall verschlossen und einen Regenwurm drum herumgeschmiedet.
Er streichelt das Amulett mit den Fingern und Augen. So viel sagt es über ihn. Jakob hasst Glitzerorgien. Er verbirgt Wertvolles, damit es eine neue, geheimnisvolle Pracht entfaltet, eine Goldhand überzieht er mit hauchdünner weißer Emaille, einem Negligé aus Glas. Oder aber er lädt Wertloses mit Wert auf, wie die schlichte Silberlocke. Zwei Scheiben Bergkristall, ein wenig Silber, etwas Roségold und Emaille - daraus ist eines seiner größten Werke geworden.
Natürlich hat er das Amulett von allen Seiten ausgearbeitet, jedes Schmuckstück ist auch Bildhauerarbeit. Und natürlich ist die Emaille nicht einfach rot, sie ist regenwurmrot, voll Glanz und Ringelleben, jedes Schmuckstück ist zugleich Farbenwerk eines Malers. Und natürlich enthält das Amulett eine Andeutung, einen Kitzel, wie ihn ein Trenddesigner nie suchen würde: Eine Reliquie vereint sich mit einem schlüpfrigen Regenwurm.
Jakob lächelt leise. "Eigentlich müssen Sie etwas Tabuloses machen können, das eine Pfarrerin kauft." Sein Werk strotzt vor Spielereien und Andeutungen: ein Rosenkranz aus giftigen Samen, Manschettenknöpfe in Bohnenform, zugleich keimend und madenzerfressen. Leben und Tod, Gut und Böse, Tugend und Verderbtheit - immerzu prallen sie aufeinander. So ist die Welt, so ist die Natur.
Jakob braucht nur in seinen Garten zu gehen, den kleinen Südgarten vor dem Haus, wo im Sommer Feigen und Anemonen blühen, in den geliebten Schattengarten hinterm Haus, unter den Ahornhimmel, ins Grillengezirpe. Neben dem Komposthaufen verblühte Fuchsien und toter Bärlauch. Aber die Farne strotzen, japanischer Glanzschild, Aronstäbe, Jakob bricht Beeren heraus. "Wenn Sie die in Gold gießen, sehen Sie, welche Klasse das hat."
Tag für Tag treibt es ihn hinaus, er fragt die Natur um Rat, betrachtet alles mit dem Blick eines Kindes, das in der Wiese hockt. Er sieht Schneckenfühler, die im Regen zucken, sieht Ameisen mit Erdhummeln kämpfen, von jedem Spaziergang bringt er etwas mit, Halme, Blätter, Steine, eine Schafgarbe "mit wunderbaren Kerben", einen aufgerollten Glanzschildfarn, "das ist ein perfekter Bischofsstab".
Von dieser Perfektion macht Jakob Gipsabdrücke, dann brennt er den Farn aus, bläst die Asche weg und schleudert Gold in die Form. Einfüllen genügt nicht, flüssiges Gold ist wie Quecksilber, kugelig, es würde nicht bis in die letzten Zipfel dringen. Oh, wie es zischt und brodelt, wenn er das Gold nachher ins Wasser wirft! Hexenwerk. Das Gold ist dann erst mal rußschwarz, muss noch mit Säure gesäubert werden.
In Jakobs Arbeit finden sich viele der "magischen Naturentnahmen", wie er sie nennt. Aus einem Hirschkäfer wird eine Ringschiene, aus Eschenzweigen ein Sockel, aus Schafgarbestängeln die Arme eines Goldkreuzes. Manchmal lässt Jakob die Natur unbearbeitet, Nüsse, Samen, Hölzer. Aus roten Korallen schafft er eine Mohnblüte, die Staubgefäße sind golden emaillierte Drähte, einzeln setzt Jakob sie ein, eine Quälerei, doch er liebt diese Miniaturarbeit, "weil ich so groß gewachsen bin, mache ich so gerne kleine Dinge", sagt er. Mit seinen Pranken wirkt er Ösen, fein wie ein Haar, formt Kügelchen, winzig wie Mohnsamen. Seine Werke sind Detailwunder, geschaffen mit Techniken, die viele Goldschmiede nicht mal aus der Ferne kennen, etwa die Granulation, mit deren Hilfe die Etrusker einst Goldkügelchen zum Funkeln brachten wie Diamanten.
Lang haben die anderen Goldschmiede über ihn die Köpfe geschüttelt, über seine Detailwut, die ungewöhnlichen Techniken, seine Figürlichkeit: Totenschädel, Drachen, Frösche - und immer wieder tiefschwarze Köpfe, die ihn von der Ferne träumen lassen. Und all dies in einer Zeit, in der Europas Goldschmiede den Minimalismus und die Abstraktion zum Gesetz erhoben haben.
Heute schweigen die Lästerer. Das Figürliche ist in die Kunstwelt zurückgekehrt. Und die reißt sich um Jakob. Geldgeber haben ihn gefragt, ob er Läden in Amerika eröffnen möchte. Allein der Gedanke mache ihn müde, sagte er ihnen. Und Museen, die nun seine Arbeiten ausstellen möchten, wimmelt er ab. "Ich will mit denen nichts zu tun haben. Ich bin ein Sonderfall."
Wer will sich mit ihm messen? "Es sind wenige da. Schade. Ich fände wunderbar, wenn ich ein paar richtige Gegner hätte." Joel Arthur Rosenthal, das wäre einer, "gegen den würde ich eine Ausstellung machen, gegen ihn und mit ihm", seine Werke sind groß, glitzernd und radikal.
Im Radikalen liegt die Kraft.Längst geht Jakob keine Kompromisse mehr ein. "Lassen Sie mich machen", sagt er den Kunden, "wenn's gut ist, ist es gut, wenn nicht, behalte ich es eben." Noch nie ist das vorgekommen. Aber er sagt es immer, auch wenn er teure Steine verarbeitet, auch wenn ein Ring 70.000 Euro wert ist. Ohne diese Freiheit könnte er diese "Strafarbeit", wie er sein Handwerk nennt, nicht machen.
"Ach, Sie haben aber einen schönen Beruf", sagen die Leute immer, die Ahnungslosen. Ja, schön ist es, ein Gedanke, ein Gefühl zu einem Kunstwerk zu machen, aber der Weg dahin ist weit und schwer, wenn mal wieder der Rücken schmerzt, wenn die Nasenlöcher schwarz sind vor Ebenholzstaub, wenn Jakob mit Gift hantieren muss, mit bleihaltigem Emailleglas. Und dieser ewige Drang, der Beste zu sein, "ein Schmuckstück zu machen, so schön, wie ich es noch nie gesehen habe"! Und ist ihm das gelungen, keimen sofort die Zweifel. "Einen Tag bin ich stolz, aber dann ..." Dann hilft ihm Immendorffs Gemälde.
Den Abschiedsschmerz kann es nicht lindern. Natürlich hat Jakob sich in die Silberlocke verliebt, die nun ein Orchideenzüchter seiner Frau schenkt. Und an welchen Ohren bald diese Aquamarintropfen hängen? Blau leuchten sie wie die Südsee in der Morgensonne. Lange Nächte hat Jakob mit ihnen verbracht. Solche Werke hatte Edgar Allan Poe im Sinn, als er die Schauergeschichte des Goldschmieds Cardillac erzählte, der nachts in die Häuser der Kunden stieg, um zu morden und den Schmuck zurückzuholen.
Jakob braucht keine Raubzüge. Er bewahrt sich sein Werk im Herzen auf. Und in der Lunge. Jede Schleifarbeit, jedes Feilen und Fräsen hinterlässt eine Spur. Wer so voll Gold ist, braucht keinen Schmuck mehr anzulegen. Otto Jakob trägt keine Kette, kein Amulett, nichts. Nicht einmal seinen Ehering.
WEGWEISEND
Individuelle Auftragsarbeiten und kleine, hochwertige Serien der Schmuckstücke von Otto Jakob sind über den Künstler selbst erhältlich:
Otto Jakob, Karlsruhe
Tel. 0721/85 59 11
Repräsentanten
Galerie Daniel Blau
Odeonsplatz 12, München
Tel. 089/ 29 73 42
Colnaghi
15 Old Bond Street, London
Tel. 0044/ 20/74 91 74 08
Steven B. Fox Fine Jewelry
8 Lewis Street, Greenwich, USA
Tel. 001/203/629 33 03
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