Das spektakulär tiefe Funkeln eines veilchenblauen Spinells, die edle Frische eines minzfarbenen Turmalins, das Feuer eines gelben Saphirs. Ein seltener sechsstrahliger Stern-Peridot aus Norwegen oder smaragdgrüne Jade aus der chinesischen Provinz Yunnan - kein Zweifel, die hohe Goldschmiedekunst schwelgt in Mineralien wie schon lange nicht mehr. Vor allem die farbensprühenden Naturschätze haben es den Kreativen angetan. Zwar ist die kühle Eleganz eines weißen Diamanten aus der Haute Joaillerie nicht mehr wegzudenken, der aufregende neue Look im Schmuckdesign aber lebt von der Emotionalität der Farbe. Und die kommt am besten zur Geltung, wenn ein großer, kostbarer Stein im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Wie einen Star behandeln ihn die Goldschmiede, sie bauen ihm eine standesgemäße Bühne und weisen den anderen Mitspielern des Stücks nur Nebenrollen zu. Das Schmuckobjekt, dem diese Art der Inszenierung am besten steht: der Ring. Je extravaganter, desto besser.
Victoire de Castellane beherrscht die Ringdramaturgie perfekt. Für ihre Kollektion "Le Coffret de Victoire" pflanzt sie riesige Edelopale in bildnerische Fassungen; gehalten von Schlangen, Händen, Blättern und Schmetterlingsflügeln, glänzen die Steine in unergründlichem Schwarz oder schimmern blau und grün wie die Erdkugel aus Sicht des Astronauten. "Ich liebe es, bei Ringen mit 70- oder 80-karätigen farbigen Steinen zu arbeiten, weil ich an ihren Rändern kleine Geschichten erzählen kann", sagt die Kreativchefin von Dior Joaillerie. Nicht die Größe an sich ist ihr wichtig, sondern das gestalterische Potenzial, das sie ermöglicht. "Opulenz ist nur interessant, wenn die Stücke äußerst raffiniert und handgefertigt sind."
Bedingungen, die Sevan Bicakci schon aus Prinzip erfüllt. Der türkischstämmige Goldschmied und Juwelier kreiert hauptsächlich Ringe, jeder ein Meisterwerk in Miniatur. Bicakci wendet eine außergewöhnliche Technik an, er graviert und malt Bilder, die wie magisch in einem riesigen, rohen oder im Rosettenschliff bearbeiteten Edelstein zu schwimmen scheinen. Als ganz junger Mann erlernte er die Goldschmiedekunst auf dem großen Basar in Istanbul und tauchte so in die Ästhetik byzantinischer und osmanischer Paläste, Kirchen und Moscheen ein. Sein großes Ziel ist es, diese alte Kultur in einzigartigen Juwelen lebendig werden zu lassen. Er arbeitet mit traditionellen Miniaturmalern, Kalligrafen und Graveuren zusammen, die auf Buntglas-, Schildplatt- und Perlmuttintarsien spezialisiert sind.
Mit dem Stilempfinden eines modernen Architekten baut dagegen der Londoner Juwelier Hirsh die Kulissen für seine Hauptdarsteller. Wie Brückenkonstruktionen streben in seiner Kollektion Passion einige Fassungen empor, um den Stein ins rechte Licht zu heben. "Zu uns kommen Schmuckliebhaber", so Jason-Paul Hirsh, "die nach weniger traditionellen Formen und interessanten Edelsteinen suchen, für die sich früher nur Gemmologen und Sammler begeistern konnten."
Sogar Allüren dürfen sich die Stars der Steine erlauben: Kleine "störende" Eigenschaften, ein Einschluss etwa oder eine Farbunregelmäßigkeit, die in der konservativen Schmuckkunst zur Abwertung führen, stehen hier für den individuellen Charakter. Eine neue Lust am "Barbarismus" konstatiert Pierre Rainero, bei Cartier verantwortlich für das Markenimage, denn die naturgegebene Unvollkommenheit eines Steinriesen bringe Impulse in die Haute Joaillerie: "Der Mix aus Roh und Fein schafft neue Reize." Auch Anja Heiden, zuständig für den Einkauf von Farbedelsteinen beim deutschen Juwelier Wempe, lobt den vermeintlichen Makel: "Man kauft nicht nur nach Qualität. Je eigener ein Stein, desto größer die Inspiration für den Gestalter." Eine Meisterin im Umgang mit der "B-Prominenz" der edlen Brocken ist die Brasilianerin Kim Poor, die sich intensiv mit der Transparenz und Beschaffenheit ungewöhnlicher Edelsteine befasst. Die unterschiedlichen Temperamente ihrer Protagonisten zähmt sie mit ihrer vom Art déco beeinflussten Designdisziplin.