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Merken   Drucken   18.10.2010, 10:00 Schriftgröße: AAA

Wäis Kiani in bester Gesellschaft: Das Leben der Mittsechziger liegt in Trümmern

An meinem Geburtstag - einem halbrunden - wollten wir uns lockermachen, geil sein und chillen. Klar, dass ich meine gleichaltrigen Freunde nicht dabeihaben wollte. Besonders nicht die reichen Nichts-Checker. von Wäis Kiani 
Vor Kurzem hatte ich Geburtstag. Es war ein semirunder, und ich war in euphorischer Stimmung über mich selbst. Ich deklarierte das Datum als Tagung und lud nur wenige, aus­gesuchte Teilnehmer ein.
Die Tagungsaktivitäten dauerten drei Tage und zwei Nächte und fanden indoor, outdoor, zu Wasser und an Land statt. Das letzte Konzert der göttlichen New Yorker Band LCD Soundsystem war das Finale unserer Tagung. Alle Teilnehmer waren in Abendgarderobe in einer dreckigen Bar zwischen Tausenden hysterischen Engländern.
Ich kann leider keine Details preis­geben, nur so viel: Das Alter meiner Geburtstagstagungsteilnehmer war zwischen 21 und 34. Sehr viel jünger, als ich es bin. Meine gleichaltrigen Freunde musste ich auf undiplomatische Weise abweisen, denn in Zeiten von Facebook ist das eigene Privat­leben ja transparenter als eine Rolle Papyrus. Sorry, sagte ich, aber wir wollen uns lockermachen, geil sein und chillen. Das ist nichts für dich.
Ich ignorierte das beleidigte Gemecker aus reinem Überlebenstrieb. Man muss wissen: Meine letzten Treffen mit meinen gleichaltrigen Freunden waren entsetzlich deprimierend. Mengen von Unglück. Bei Waltraud war es so schrecklich, dass ich auf der Heimfahrt im Auto körperliche Schmerzen hatte. Ich brauchte einen Comic und laute Eminem-Musik, um wieder ich selbst zu werden.
Illustration: Daniel Matzenbacher   Illustration: Daniel Matzenbacher
Ich habe Waltraud vor zehn Jahren als unzufrieden und ­verbittert kennengelernt. Damals war ich auch unzufrieden und verbittert, also konnten wir zusammen klagen. Im Gegensatz zu ihr fiel mir dann plötzlich ein, wie ich gern leben würde und richtete mich danach. Auch Walti hatte Glück: Nach unerfüllten Jahren als Fernsehredakteurin, viel Gejammer über das deutsche Wetter und unzureichende Boyfriends mit leeren Taschen traf sie ihren Traummann. Groß, cool, reich, mit Riesenvilla in der andalusischen Sonne und schwer verliebt in sie. Doch sie hatte nichts kapiert. Mit ihrem Gejammer über Hitze, spanisches Essen und langsame Handwerker ging sie ihm nach zwei Jahren so auf den Sack, dass sich seine große Liebe in großen Hass verwandelte. Jetzt sitzt Walti als alleinerziehende Mutter wieder in Berlin und schimpft über den bösen Ex.
Jacketts im Trio, für jeden Wohnsitz eins
Meine andere Freundin, Caroline, war schon immer in erster Linie eines: sehr reich! Erbin eines Wäsche­konzerns. Ich beneidete sie darum, dass sie Jacketts von Jil Sander im Trio kaufen konnte, für jeden Wohnsitz eins. Doch innerlich dachte ich: An ihrer Stelle, als Wäscheerbin, würde ich nebenbei mal die coolsten Unterhosen der Welt produzieren lassen. Sie dagegen heiratete lieber einen Fabrikantensohn, reich wie sie selbst. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus und sie auf Tabletten. Ihre Innenarchitektin sieht sie häufiger als ihren Mann.
Kommen wir zu meiner alten Freundin Bita: Sie war das schönste Mädchen der Schule, sah aus wie Brooke Shields. Heute sitzt sie als Hausfrau verheiratet mit einem weinsüchtigen Lehrer in der Pampa in Florida. Sie ist aufgeschwemmt vom Nächtedurchsaufen und Computeranglotzen. Online schwelgt sie mit ihren alten Schulfreundinnen in der Vergangenheit und stellt mir entsetzlich auf Facebook nach, obwohl ich sie seit 30 Jahren nicht mehr gesehen habe und Florida, genau wie Lehrer und Weinsucht, asozial finde.
Ein anderer Freund, wohlhabend, fand seine Liebe, aber hatte Pech. Vor 20 Jahren machte er ein einfaches Mädchen zu seiner Fabrikantengattin. Nachdem sie in Schanghai, wo er eine Asien-Dependance aufbaute, einen Banker mit mehr von allem getroffen hatte, verließ sie ihn mit Sohn und Tochter. Merke: Einer brät immer einen dickeren Fisch. Doch was er dann tat, war der wirkliche Fehler. Er heiratete seine unattraktive Praktikantin, bekam mit ihr zwei Kinder, baute ein neues Haus, kaufte zwei neue Kombis. Seitdem spult er lustlos noch einmal denselben Film ab, nur ohne verliebt zu sein. Und wundert sich, dass er unglücklich ist.

Was ihr fehlt, ist ein geiler Job

  • FTD.de, 18.10.2010
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