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Merken   Drucken   16.11.2010, 10:00 Schriftgröße: AAA

Wäis Kiani in bester Gesellschaft: Es lebe die Diktatur

Nichts wirkt sich katastrophaler auf den eigenen Kleiderschrank aus, als ein Lieblingsdesigner, der sich dazu hinreißen lässt, für eine Billigkette zu entwerfen. Eine Suada gegen die Demokratisierung der Mode. von Wäis Kiani 
Meine Schwester und ich saßen auf dem breiten, dunkelgrünen Chesterfield-Samtsofa in der Bibliothek unseres Ferienhauses in Südengland und taten das, was wir dort immer tun: neben­einander vor unseren MacBooks sitzen, schweigend auf die Monitore glotzen und im Netz rumblödeln. Aus den kleinen Bose-Boxen, die im Haus ins­talliert sind, schallte das neue Album von Belle & Sebastian. Alles war gut.
"Lanvin macht jetzt auch eine ­Kollektion für H&M", sagte meine Schwester plötzlich. "Sollen sich beide verpissen", antwortete ich, vielleicht eine Spur zu schnell. Meine Schwester schob ihre schwarze Jarvis-Cocker-Brille hoch, schaute mich direkt an und fragte: "Warum so verbittert?" Ich zuckte zusammen. Verbittert zu sein ist wirklich das Schlimmste. Vor allem als Frau meines Alters. Da muss man auf­passen, denn in dieser Phase sind viel zu viele, eigentlich fast alle frustriert.
"War das verbittert? Tut mir leid, das wollte ich nicht. Aber es wird einem auch alles vergällt! Alles, was ich mag, wird verramscht. Und ich muss mir was Neues suchen, was dann wieder vom Mainstream verwässert wird. Dabei gibt es doch schon fast nichts mehr." Meine Schwester runzelte die Stirn, und wir versanken in unsere Monitore.
Sie hatte recht. Ich bin tatsächlich verbittert, zumindest was den Zustand von Mode und Ästhetik in unserer ­Gesellschaft angeht.
Illustration: Daniel Matzenbacher   Illustration: Daniel Matzenbacher
Alle Kooperationen von H&M mit Designern sind in meinen Augen ­menschenverachtend und lebensverneinend. Bei Matthew Williamson hat sich mir der Magen umgedreht, billig und lieblos hingen die Kleider in Pink, Grün und Gelb in einer Ecke. Bei Stella McCartney war ich geradezu entsetzt. Wie konnte sie erlauben, dass schlecht zusammengeklebte Fetzen aus einem Material, mit dem in Bangladesch Kinder gewickelt werden, unter ihrem Namen angeboten wurden? Bei Jimmy Choo: dito. Den Vogel aber schoss die von mir sonst sehr geachtete Strickmodedesignerin Sonia Rykiel ab. Ich war noch eingeschnappt, weil wieder ganz Zürich außer mir zu der Präsentation eingeladen worden war, da sah ich die Bilder von dem Event. Die Models sahen aus wie das Flugpersonal von ­Easyjet. Ihre Kleider: zwar pink statt orange, aber sonst gleicher Schnitt, gleicher Stoff. Ich möchte noch erwähnen, dass die sogenannten Designerstücke immer doppelt so teuer sind wie normale Teile von H&M, nur sehen die normalen Teile im Vergleich hochwertig aus.
Und jetzt Lanvin. Lanvin!!! Wie kann Designer Alber Elbaz das tun? Das ist, als würde ich eine Sexkolumne für den "Hustler" schreiben. Braucht er das Geld? Denkt er, so gewinnt er Kundschaft? Nein, er verliert sie. Mich zum Beispiel, denn ich kann meine Lanvin- Kleider nicht mehr anziehen. Jetzt, wo von chinesischen Kindersklavenhänden zusammengeheftete Karikaturen an Leute verkauft werden, die bereit sind, am ersten Verkaufstag um sechs Uhr morgens im Novembernebel dafür Schlange zu stehen.
Bevor ich hier in eine falsche Schublade gesteckt werde, möchte ich betonen, für wie ungeheuer fortschrittlich ich es halte, dass überhaupt etwas wie H&M existiert. Als ich ein Teenager war, gab es Esprit und Benetton für die Mittelschichtskinder. Danach kamen Lacoste und Chevignon. Fand ich alles blöd. Ich wollte Jil Sander, Joop und Daniela Bechtolf. Ankleiden mit Attitüde war damals entsetzlich schwierig, alles war entweder zu spießig oder zu teuer. Aber man wusste eine neue ­Lederjacke zu schätzen und trug sie mindestens drei Jahre. Das Label zählte nicht, die Jacke musste stimmen. Solange das Leder handschuhweich war und der Strickbund exakt auf der Hüfte saß, war alles okay. Selbst wenn die Jacke bei Peek & Cloppenburg gekauft werden musste, weil meine Mutter sich weigerte, Geschäfte zu betreten, in ­denen Siouxsie and the Banshees lief und die Verkäufer aussahen wie Punks.

Es ist eben nicht mehr überall Nutella drin, wo Nutella draufsteht!

  • FTD.de, 16.11.2010
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