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Merken   Drucken   08.12.2010, 10:00 Schriftgröße: AAA

Wäis Kiani in bester Gesellschaft: Verliebt in Berlin

Schnauze voll von der spanischen Party-Insel, auf in die deutsche Hauptstadt! Unsere Kolumnistin besucht Berlin, labt sich an Steinpilzen, findet Kunstpartys immer noch blöd und trifft tatsächlich einen verständnisvollen Taxifahrer. von Wäis Kiani 
Neulich war ich in Berlin. Ich weiß, jeder fährt nach Berlin, aber ich wollte trotzdem hin. Viele meiner Freunde leben dort, und nach vier Jahren Schweiz und vier Monaten Ibiza trug ich eine Euphorie in mir, die nur mit der von Kriegsheimkehrern zu vergleichen ist. Es fing damit an, dass der Herbst meine liebste Jahreszeit ist. Ich liebe es, wenn die Blätter den­selben Teint haben wie ich, nämlich gülden, und es auf allen Speisekarten Steinpilze hagelt.
Illustration: Daniel Matzenbacher   Illustration: Daniel Matzenbacher
Ich wohnte in meinem neuen Lieblingshotel, dem kürzlich eröffneten Weinmeister in der Weinmeisterstraße. Eigentlich habe ich Angst vor neuen Hotels, weil dort noch nichts funktioniert. Aber ich wurde angenehm überrascht. Das Bett war riesig, die Wanne auch, die Dusche ein mattgrau gekacheltes Zimmer! Ein Zimmer, in dem ich mit ausgestreckten Armen stehen und mich aus allen Richtungen mit Wasser bespritzen lassen konnte. Frühstück gab es 24 Stunden lang aufs Zimmer, der Fernseher war ein weißer iMac. Und es gab ausreichend Steckdosen! Für meinen Laptop, meine beiden Blackberrys und was ich sonst noch so aufladen muss. Steckdosen sind in Fünf-Sterne-Zimmern eine Rarität.
Mein Freund Jacob wollte mich zum Essen treffen. "Aber vorher ins Soho House!", sagte ich. "Echt?", fragte er etwas angewidert und ging mit mir hin. Ich kannte den Londoner Klub, aber die Berliner Version ist nicht nur größer, es saßen auch überall uralte Raver-Freunde, die ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, in den geblümten englischen Sesseln und Sofas. Toll hier, meinte ich, während Jacob von einer surrealen Chinareise erzählte. Ich sagte ihm, dass ich im Moment keine Welterforschungstriebe verspüre und nirgendwo anders sein möchte als in Berlin. Zum Essen gingen wir ins Borchardt, wo Freunde einen Tisch bestellt hatten. Es war grauenvoll: Überall Touristen und geliftete Frauen in geschnorrten Abendkleidern. Ich fand trotzdem alles herrlich und aß ein Steinpilzgericht.
"Genau wie meine Feten Anfang der 80er in Bielefeld" Irgendein Galerist in der Gipsstraße gab ein Fest, wo alle hinwollten. Art-Partys sind das Letzte, dachte ich, aber da saß ich schon im Taxi. In der Galerie stand ein Haufen schlecht gekleideter Menschen, trank aus Plastikbechern und schrie gegen die scheppernde Musik an. Genau wie meine Feten Anfang der 80er in Bielefeld, dachte ich, nur dass jetzt statt Punks lauter Kunstbeflissene mit eckigen Brillen in der Fabrik­etage herumlungerten. Herrlich, fand ich, Abrisshaus-Trash ist der neue VIP-Klub. Der Taxifahrer, den ich danach auf der Straße anhielt, war voller Verständnis dafür, dass ich in meinen Pumps keine 200 Meter mehr zum Hotel laufen konnte, und fragte mich sofort nach meinem Leben aus. Gerührt fiel ich in mein weiches Bett mit richtiger Decke ohne diesen Laken-und-Überdecke-Quatsch, der einem sonst den Schlaf raubt.
Am nächsten Tag klingelten meine Blackberrys nonstop. Ich war es nicht mehr gewohnt, dass man mich anruft und fragt, ob ich auf eine Party oder zum Mittagessen wolle, und zwar sofort und nur, weil man mich mag. In der Schweiz muss man sich drei Wochen vorher um einen privaten Termin bemühen, und auf Ibiza kommen selten Verabredungen zustande, weil, na ja, egal, ist eben so.

Teil 2: Absacker in der King Size Bar

  • FTD.de, 08.12.2010
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