Financial Times Deutschland: Herr Schmidt, Ihre Logos und Produktdesigns haben unseren Alltag geprägt. Apollinaris, Beck's Bier, die Trophäe des Deutschen Fernsehpreises, etliche Parfümflakons - das alles und mehr trägt Ihre Handschrift. Was lernt man über die Deutschen, wenn man so viel für sie gestaltet?
Peter Schmidt: Man lernt, ihre Mentalität zu verstehen. Bei Kaffee, Bier oder Schokolade zum Beispiel sind Deutsche sehr traditionell. Bier muss wie Bier aussehen, nicht wie ein Modegetränk. Der Biertrinker urteilt nach dem Etikett. Sieht das Rot auf der Beck's-Flasche nur einen Hauch zu hell aus, behauptet er, das Bier schmecke anders. Ähnlich beim Kaffee: Nach dem Krieg, als es wieder echten Kaffee gab, wollten die Deutschen Kaffeebohnen auf der Verpackung sehen. Das ist noch heute so. Deutsche sind nur schwer an Neues zu gewöhnen.
FTDi: In den vergangenen Jahren haben Sie sich den schönen Künsten zugewandt und sehr erfolgreich Bühnenbilder entworfen. Aber dann verpassten Sie plötzlich dem urdeutschen 4711 einen neuen Flakon. Sind Sie zurück an der Flasche?
Schmidt: Ich habe das Potenzial dieser Marke immer gesehen. Denn für die ursprüngliche Eigentümerfamilie, die 1994 so zerstritten war, dass die Firma erst an Wella und später an Procter & Gamble verkauft wurde, habe ich schon früher gearbeitet. 4711 ist dann von den Amerikanern völlig vernachlässigt worden, und als es wieder nach Deutschland verkauft wurde, war ich sehr dafür. Die Marke funktioniert international: Jede Kultur kann 4711 lesen. Aktuelle Verkaufszahlen, zum Beispiel bei Harrods, bestätigen das.
FTD: Meine Großtante benutzte 4711.
Schmidt: Ich habe versucht, 4711 ohne dieses verstaubte Image zu sehen. Das war schwierig, aber spannend. So eine Aufgabe bekommt man selten. Etwas Neues zu machen ist einfach, viel leichter, als einer Marke mit Oma-Flair neuen Glanz zu verleihen. Aber sie war mir einfach sympathisch, wie sie da in der Ecke stand. Genau wie ich früher in der Schule.
FTD: Wieso standen Sie in der Ecke?
Schmidt: Weil ich frech war.
FTD: Und 4711?
Schmidt: Weil es nicht frech war.
FTD: Der Flakon ist relativ verspielt. Sind Sie nicht eher ein Purist?
Schmidt: Ich denke ja, denn so habe ich mein Metier gelernt. Meine Lehrer waren Bauhaus-Schüler. Ihre Strenge hat mich enorm geprägt, und so ist mit mir ein deutscher Stil in die Parfümwelt eingezogen. Chanel-Flakons in den 70er- und 80er-Jahren waren geschwungen und mit Blümchen verziert. Dann kamen wir mit unseren viel nüchterneren Designs für Hugo Boss, Joop und Jil Sander. Das war international erfolgreich. Bis heute ist Davidoff Cool Water das meistverkaufte Herrenparfüm. Damals versuchte Estée Lauder, mich abzuwerben, und ich wurde mit der Concorde nach New York eingeflogen. Auch die Japaner waren vernarrt in die deutsche Strenge, weshalb ich eine Zeit lang häufig in Japan gearbeitet habe.
FTD: Ihre Villa ist voll mit japanischer Kunst.
Schmidt: Ich liebe Japan, ich könnte dort leben. Man muss nur die Rituale berücksichtigen, um dort sein Ziel zu erreichen. Der Chef einer Firma, für die ich Coffeeshops entworfen habe, sagte mal zu mir: "Petersan, was du sagst, gilt. Aber du musst bis nachmittags schweigen und es erst dann sagen." Und so war's. Die Japaner brauchen die Qual der langen Diskussion. Und wenn dann jemand eine brauchbare Lösung vorschlägt, sind sie erleichtert. Ich liebe Rituale, sie sind mühsam, aber gut für den Kopf. Auch die japanische Vorsicht im Umgang miteinander hat mich immer beeindruckt. Die Zuverlässigkeit und Disziplin.
FTD: Das sind sehr deutsche Tugenden.
Schmidt: Ja, wobei uns die Zuverlässigkeit etwas abhandengekommen ist.