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Merken   Drucken   18.12.2011, 09:00 Schriftgröße: AAA

BB International: Lärmstufe Rot am Großflughafen

Nächstes Jahr ist es so weit: Der Großflughafen Berlin Brandenburg nimmt den Betrieb auf. Mitten zwischen den Landebahnen liegt Selchow. Schon heute ist das Dorf vor allem eines - laut. Ein Ortsbesuch. von Jens Tartler  Selchow
Die Maschine von Easyjet  fliegt genau über die Orchideen von Astrid Nold und Uwe Brosinski. Zumindest sieht es so aus. Die mit viel Liebe gepflegten Blumen stehen auf der Fensterbank, wenn man rausschaut, sieht man das Nachbarhaus. Und über dessen First schwebt der orange-weiße Urlaubsflieger. Ein Ensemble, gerahmt von einem Kunststofffenster: Orchideen, Haus, Flugzeug.
"Ich verstehe gar nicht, warum die alle hier wegziehen", sagt Brosinski. Er hat es sich in Jogginghose und Hausschuhen auf seiner Couch gemütlich gemacht. "Sehen Sie, da kommt wieder eine runter", sagt seine Lebensgefährtin. "Man hört die kaum. Dabei steht das Balkonfenster auf Kippe."
"Kaum" ist relativ. Dafür, dass man die Maschine vom Balkon aus fast vom Himmel pflücken könnte, ist sie tatsächlich erstaunlich leise. Wenn aber alle fünf Minuten eine startet oder landet, nervt es doch - sollte man annehmen. Aber das hier ist Selchow. Das kleine Dorf lebt seit 1934 mit dem Flughafen in Schönefeld bei Berlin. Erst flogen hier die Nazis, dann die Sowjets und heute eben Easyjet. Nächstes Jahr im Juni beginnt für die Selchower noch mal eine neue Ära. Dann wird der ehemalige DDR-Flughafen Schönefeld zum Großflughafen Berlin Brandenburg International. Und das 230-Einwohner-Dorf Selchow wird mittendrin liegen. Genau zwischen den beiden Start-und-Lande-Bahnen. Und als wäre das nicht schon genug, entsteht am Ortsrand gerade das neue Messegelände des Flughafens.
Eine Easyjet-Maschine fliegt über den kleinen Ort Selchow bei Berlin   Eine Easyjet-Maschine fliegt über den kleinen Ort Selchow bei Berlin
Wer Selchow auf den neuen Landkarten sieht, denkt spontan: Und da sollen Menschen leben? Wer nach Selchow rausfährt, sieht: Ja, hier leben Menschen. Und viele von ihnen werden auch dann noch hier leben, wenn der neue Flughafen richtig Kerosin gibt. Wer durch Selchow läuft und mit den Bewohnern spricht, kann lernen, wie unterschiedlich Menschen mit dem Lärm umgehen, wie unterschiedlich ihre Erwartungen an die Politik sind, an die Flughafenmanager und ihr eigenes Leben.
Astrid Nold und Uwe Brosinski gehören zu den Stoikern. "Ich bin '68 geboren", sagt Nold, "so lange, wie ich lebe, fliegen die Flugzeuge. Und früher die Russenmaschinen waren viel lauter." Dann sagt sie: "Sind wir doch mal ehrlich: Wer ist noch nicht mit dem Flugzeug in Urlaub geflogen?"
Das klingt allerdings noch selbstloser, wenn man weiß, dass Astrid Nold vor Kurzem zum ersten Mal im Leben in einer Maschine gesessen hat. Zu ihrer Tochter nach Köln ist sie geflogen. "War schon praktisch, wie Busfahren."
Ihr Lebensgefährte Uwe sagt: "Ich bin ein Flugzeugfanatiker." Dabei hat er Flugangst und würde eine Maschine freiwillig nicht betreten. Aber er kann jedes Flugzeug am Himmel genau typisieren. Schon jetzt freut er sich auf die Internationale Luftfahrtausstellung, die ILA, die direkt neben Selchow stattfinden wird. Der A380 direkt über seinem Grundstück - für Brosinski das Größte. "Aber hier die Scheune müsste weg, dann könnte man noch besser gucken", sagt er.
Astrid Nold und Uwe Brosinski stören die über Selchow fliegenden ...   Astrid Nold und Uwe Brosinski stören die über Selchow fliegenden Maschinen überhaupt nicht. Sie leben gern im Ort - wegen der Flugzeuge
Er und seine Astrid leben mit Astrids "Mutti" zusammen. Und die wohnte sei 1954 in Waßmannsdorf, direkt neben Selchow. Aber ihr großer Bauernhof wurde jetzt abgerissen. Er musste Platz machen für den neuen S-Bahnhof. Die Mutter bekam eine Entschädigung, und die Gemeinde wies ihr eine neue Wohnung zu. "Aber meine Mutti sagte, sie lässt sich nicht in eine Zweiraumwohnung stecken", sagt Nold. So leben sie jetzt alle zusammen in einem Haus, das tatsächlich einem Bauernhof ähnelt. Nächstes Jahr werden sie in das Haus des Nachbarn ziehen. Der hat sein Haus an die Flughafengesellschaft verkauft und baut in einer ruhigen Gegend.
Selchow sieht aus wie viele brandenburgische Dörfer: eine Hauptstraße, einige erstaunlich schöne Altbauten und dann immer wieder dunkelgraue DDR-Zweckbauten. Aber Selchow ist auch anders: Noch mehr Häuser als woanders stehen leer, die Kneipe in der Hauptstraße ist schon lange dicht. Der Arzt ist nach Schönefeld gezogen, was gerade für die älteren Selchower bitter ist. Da hilft es ihnen auch wenig, dass die Hauptstraße mit einer neuen Asphaltdecke überzogen wurde. Flughafen und Gemeinde versuchen mit Geld, die Stimmung zu heben. So spendierte die Flughafengesellschaft ein Löschfahrzeug für die freiwillige Feuerwehr.
Alfred Mette würde aus Selchow wegziehen - wegen der Flugzeuge. ...   Alfred Mette würde aus Selchow wegziehen - wegen der Flugzeuge. Aber er findet keinen Käufer für seinen Hof - wegen der Flugzeuge
Alfred Mette junior, der Fatalist, steht auf seinem Hof. Er hat einen Zulassungsdienst für Autohäuser. "Die Landwirtschaft mache ich nur noch nebenbei", sagt er. Gut 50 Hektar gehörten mal zu seinem Hof, aber einen ordentlichen Teil davon hat er an den Flughafen verkauft. Mette hat permanent einen Rechtsanwalt, der ihn berät, wenn er Grund verkauft und dafür an anderer Stelle zukauft. Und bekommt er vom Flughafen faire Preise für sein Land? "Was heißt schon fair?", fragt Mette zurück. "Ich habe ja nicht die Wahl." In seinem Wald muss er die Bäume kürzen, wegen der Einflugschneise. Auch Mette lebt mit dem Flughafen jetzt mehr als 50 Jahre. "Aber wenn der Großflughafen am Start ist, weiß ich nicht, ob das noch lebenswert ist." Will er seinen Hof verkaufen? "Wer kauft denn hier schon?" Mette sagt, er sei skeptisch, wenn er zehn Jahre weiterdenke. "Ich glaube, ich mache hier das Licht aus."
Im Erdgeschoss des barrierefreien Neubaus im Zentrum des Ortes wohnt Magdalena Habernik. Sie ist 86, aber immer noch hellwach. Aus dem Spreewald kam sie 1966 nach Selchow. Ihrem Mann zuliebe, der war Eisenbahner. Viele Jahre hatten sie eine Wohnung im Bahnhofsgebäude. Ende der 80er starb ihr Mann. 2004 zog sie in das barrierefreie Haus. "Ich hatte ja überlegt, ob ich in meine Heimat zurückgehe, aber dann wollte ich doch den Neubau genießen." Sie mag die Wohnung, den prächtigen Garten vor ihrer Terrasse pflegt sie immer noch selbst. Aber Selchow gefällt ihr nicht mehr. "Das verändert sich so, auch mit dem Messegelände." Schon heute könne sie wegen des Lärms nicht mehr draußen sitzen. "Jetzt habe ich mich doch im Altersheim im Spreewald angemeldet."
Die letzte Straße von Selchow, direkt neben der Riesenbaustelle für das neue Messegelände, ist das Widerstandsnest. Ute Fichte öffnet die Tür. Das große Haus mit den weißen Bodenfliesen und den Wänden in den Farben des Sonnenuntergangs ist ihr ganzer Stolz. Vor neun Jahren haben sie und ihr Mann Rainer hier gebaut. Da war schon klar, dass hier der neue Flughafen entstehen würde. "Dass sie hier fliegen würden, war absehbar, das stimmt", sagt die Kosmetikerin. "Aber nicht das Gesamtpaket. Von der Messe war nicht die Rede. Und die lässt dieses kleine Dorf aussterben." Die Menschen in den zwölf Häusern in ihrer Straße wollten "lieber heute als morgen weg".
Udo Haase, der Bürgermeister von Schönefeld, kennt diese Probleme, Selchow gehört zu seiner Gemeinde. "Wir würden die Leute ja umsiedeln", sagt er. "Aber dazu bräuchten wir einen Investor, der die Grundstücke übernimmt. Nur weil es einem nicht mehr gefällt, kann er ja nicht einfach umziehen." Schon für 500 Menschen, die in der Nähe des Flughafens wohnten, hat er eine neue Heimat gefunden. Aber wenn er jetzt durch Selchow geht, vorbei an der renovierten Kirche und der neuen Bushaltestelle, wirkt er dann doch etwas resigniert. "Sie haben ja alles gekriegt, was sie sich gewünscht haben", sagt er über die Selchower und zuckt mit den Schultern. "Aber wenn das immer noch nicht reicht ..."
  • FTD.de, 18.12.2011
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