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Merken   Drucken   09.10.2010, 11:00 Schriftgröße: AAA

Culture Club: Ostermeiers weißer Othello

Was soll das Theater, wo spielt die Musik? Unser Experte weist den Weg durch den Kulturbetrieb der nächsten Woche. von Willy Theobald 
Wie, ins Theater gehen Sie sowieso nicht? Das ist ein kapitaler Fehler. Dabei können Sie viel Geld sparen. Jeder Besuch eines Opern- oder Schauspielhauses in Deutschland wird mit 110 Euro gesponsert. Aber Theater und Theater - das sollten Sie auch als Bühnenhasser wissen - ist ein Riesenunterschied.
So gibt es zum Beispiel Regisseure, die in fast jeder Inszenierung nackte Frauen über die Bühne jagen. Wieder andere beschallen das Publikum mit krachiger Rockmusik. "Highway to Hell" von AC/DC gehört anscheinend zu den Favoriten vieler Theaterschaffender. Noch andere lassen Manager, Päpste oder Invaliden in Strapsen über die Bühne hopsen. Es gab auch schon Opernregisseure, die Leichenteile von Soldaten aus dem Orchestergraben geworfen haben. Was Sie also spätestens jetzt gemerkt haben sollten: Man weiß zwar meistens nicht, wieso - aber im Theater ist immer was los!
Thomas Ostermeiers "Othello" an der Schaubühne am ...   Thomas Ostermeiers "Othello" an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin
Im Hamburger Schauspielhaus wurden in einer Inszenierung sogar fast nur Witze erzählt. Kostprobe? Zwei Blondinen starren gebannt auf ein Schachbrett. Etwa 20 Minuten lang passiert überhaupt nichts: Dann fragt die eine: "Hast du die Regel im Kopf?" Die andere schreckt auf und antwortet erstaunt: "Wieso - blute ich aus der Nase?"
Thomas Ostermeier verzichtet in Berlin auf solchen Klamauk. Der Chef der Schaubühne am Lehniner Platz gehört zu den besten deutschen Regisseuren. Er bringt am Samstag Shakespeares "Othello" auf die Bühne - eine überarbeitete Fassung seines gefeierten Festivalbeitrags im Amphitheater von Epidauros. Dass sein Othello nicht schwarz, sondern weiß ist - das werden Sie überleben. Immerhin ist der Titelheld keine Frau und weder schwul noch lesbisch. Auch muss er seine Mutter nicht zu AC/DC-Klängen schänden.
Ostermeier überzeugte schon vor zwölf Jahren mit der Inszenierung des englischen Skandalstücks "Shoppen und Ficken" (so ein Titel zieht immer!) an einer kleinen Berliner Experimentierbühne. An der Schaubühne, die er seit elf Jahren leitet, entwickelte er dann eine eigene, ganz individuelle Regiesprache, die regelmäßig für Premierenhighlights sorgt. Ein großer Coup gelang ihm 2003 mit Ibsens "Nora". Die verließ in Ostermeiers Inszenierung nicht nur ihre Familie - vorher erschoss sie noch schnell ihren Ehemann. Das war sogar mehr als ein Jahrhundert nach der Uraufführung eine überaus originelle Idee.
Theater - diese Erkenntnis haben viele von uns noch aus ihrer Schulzeit abgespeichert - ist entweder Weihnachtsmärchen oder langweilig. Manche glauben sogar an ein hartnäckig dem Ballett unterstelltes Vorurteil: Da rennen erwachsene Männer in Strumpfhosen durch die Gegend.
Doch auch das stimmt schon lange nicht mehr: Im modernen Tanztheater sehen Sie immer häufiger ganz normal angezogene Menschen, die mühsam einstudierte Bewegungsabläufe vorführen, die Sie auch in jeder Disco um die Ecke sehen können. Aber - das sollten Sie bedenken: Disco ist heutzutage viel teurer als Oper. Oder hat Ihnen schon mal jemand einen Discobesuch mit 110 Euro gesponsert?
 
"Othello", Premiere am 9.10. um 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin; www.schaubühne.de
  • FTD.de, 09.10.2010
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