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Merken   Drucken   31.10.2008, 11:30 Schriftgröße: AAA

Dauer-Demo vor dem Weißen Haus: Obamas neue Nachbarn  

Vor dem Weißen Haus in Washington findet die wohl hartleibigste Protestaktion aller Zeiten statt: Seit 27 Jahren stehen dort zwei Aktivisten und demonstrieren gegen Atomkraft - Tag und Nacht. von Nadine Sieger
Schöne Aussicht für den Präsidenten: So präsentieren sich die Dauerdemonstranten vor dem Weißen Haus Der Einsatz für den Frieden hat seine Spuren hinterlassen: Concepcion Picciottos Lächeln zeigt mehr Lücken als Zähne. Auf dem Kopf trägt sie einen Schutzhelm, den sie unter einer Perücke und einem Tuch versteckt. "Seit mich damals ein betrunkener Marine verprügelt hat, bin ich vorsichtig geworden", sagt die zierliche Frau. Mit einer Hand streckt sie der Kamera ein Peace-Zeichen entgegen, die andere hält ein Schild mit chinesischen Schriftzeichen hoch.
"Das heißt 'Bush ist verrückt' und 'Weltfrieden'", übersetzt die Touristin aus China, die sich stolz mit Picciotto fotografieren lässt. Deren Protestmaterial ist in verschiedenen Sprachen erhältlich - je nach Bedarf.
Für einige Besucher ist die 72-Jährige mit dem "Bush Lies"-Button an der Brust die Hauptattraktion in Washington. Andere sind eigentlich hier, um das Weiße Haus zu fotografieren. Manche schütteln nur den Kopf. Was macht die alte Frau mit den Plakaten da? Auf einem der Schilder steht es: Die gebürtige Spanierin demonstriert mit ihrem Kameraden für den Frieden und gegen Atomkraft - und das schon seit 27 Jahren, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr, im Schichtbetrieb. Die Touristen sind fasziniert und fassungslos zugleich: Was für ein Durchhaltevermögen! Was für eine Sturheit!
Erreicht haben die zwei Marathondemonstranten in all den Jahren zumindest eins: Sie gehen der US-Regierung unfassbar auf die Nerven. Seit Jahrzehnten verderben sie den jeweiligen US-Präsidenten die Aussicht. Der friedlich plätschernde Springbrunnen, das satte Grün des Rasens vor dem Weißen Haus - wie würdevoll und repräsentativ wäre das alles ohne das notdürftige Camp am Lafayette Park! Wobei "Camp" eigentlich schon übertrieben ist: Es handelt sich um eine Liege, die provisorisch mit Plastikplane überdacht ist. Rechts und links ragen zwei gelbe Protestschilder wie Wachtürme in die Höhe, eine US-Flagge flattert demonstrativ kopfüber im Wind. Klein und gelb und wehrhaft steht das Friedenslager dem Weißen Haus gegenüber wie in einem Duell. David gegen Goliath.
Anfänge reichen in die Reagan-Ära zurück
Begonnen hat die längste Demo der Welt am 3. Juni 1981 - Ronald Reagan war gerade US-Präsident geworden. An diesem Tag setzte sich ein junger Aktivist namens William Thomas Hellanback auf den Bürgersteig vor dem Weißen Haus und ging einfach nicht mehr weg. "Wanted: Wisdom & Honesty" stand auf dem Schild, das er bei sich hatte.
Picciotto gesellte sich noch im gleichen Jahr zu ihm; kurz darauf schloss sich Hellanbacks spätere Frau Ellen an. "Ich war vom ersten Augenblick fasziniert. Er hat mich dazu gebracht zu leben, woran ich glaube", sagt die 61-Jährige heute. Sie kündigte ihren Job als Anwaltsassistentin, verschenkte Hab und Gut und ging auf die Straße. Heute steht Ellen nicht mehr selbst an der Front: Seit 2002 managt sie den Widerstand im Hintergrund, hält Vorträge und aktualisiert die Website der Protestler. Als Basis dient das Peace House - ein altes Brownstone-Gebäude, das Hellanback von einem Freund geerbt und eigenhändig renoviert hat. "Früher hatten wir diesen Luxus nicht und mussten jede Nacht draußen neben den Schildern übernachten", erinnert sich Ellen. "Ich muss gestehen, dass ich mich oft gefragt habe, ob ich noch ganz gescheit bin."

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