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Merken   Drucken   04.12.2010, 12:00 Schriftgröße: AAA

Digitale Nomaden in New York: Wohnungslos und Spaß dabei

Viel Freiheit, wenig Ballast: Das ist das Ziel einer neuen Kaste von IT-Arbeitern ohne festen Wohnsitz. Als digitale Nomaden tingeln sie umher, übernachten bei Freunden - und überleben mithilfe von Laptop und Smartphone. von Gerti Schön
Josh Klein macht einen verblüffend erfolgreichen Eindruck, jedenfalls für einen, der bis vor Kurzem keine eigene Wohnung hatte. Mit seinem winzigen Laptop sitzt der 35-Jährige am Tisch eines hippen New Yorker Cafés im Stadtteil Tribeca und hackt auf der Tastatur herum. Klein berät Unternehmen, wie sie soziale Netze für sich nutzen können, er schreibt Romane, und er reist. Kaum vorstellbar, dass sich dieser Mann mal eine Zeit lang als Wohnungsloser durchgeschlagen hat - mit seiner Frau, dafür ohne feste Adresse, ohne Kleiderschrank, ohne einen eigenen Haustürschlüssel.
Neun Monate lang sind sie damals durch die Gegend gezogen, von Queens nach Brooklyn, von Brooklyn nach Manhattan, alle zwei Wochen in eine neue Bleibe. Sie passten auf jede Menge Hunde und Katzen auf, denn es ist ein ständiges Problem für die viel reisenden New Yorker, einen zuverlässigen Sitter für das Hausgetier zu finden. Und weil die beiden die Wohnung oft in einem besseren Zustand verließen, als sie sie vorgefunden hatten, wurden sie oft gebeten wiederzukommen. Für Klein war es ein Abenteuer. "Aber nicht zu wissen, wo man am nächsten Tag schläft, war schon ziemlich stressig", gibt er zu.
Viele junge IT-Arbeiter sind nicht mehr zwingend auf feste ...   Viele junge IT-Arbeiter sind nicht mehr zwingend auf feste Wohnsitze odder Arbeitsplätze angewiesen
Klein gehört zu einer neuen Kaste von Arbeitnehmern, die Technologie bis zum Extrem in ihr Leben integrieren: Diese digitalen Nomaden geben ihre Besitztümer auf und überleben vor allem mithilfe ihrer Laptops und Smartphones. Einige behalten ein paar Habseligkeiten, andere gehen den radikalen Weg und tingeln lediglich mit einem Rucksack durch die Gegend - so, wie Klein es vorübergehend praktiziert hat. Es ist eine Form der selbst gewählten Wohnungslosigkeit, gegen die die viel beschworene "digitale Boheme" mit deutschen Vertretern wie Sascha Lobo geradezu bürgerlich wirkt.
"Ich habe einige Auftragsarbeiten gemacht - Texterjobs, manches aus dem Technikbereich", erzählt Klein über seine Zeit als moderner Nomade. Was auf diese Weise an Honoraren zusammengekommen sei, habe für ihn und seine Frau mehr als ausgereicht: "Viele Hausbesitzer haben uns Essen dagelassen, und Miete mussten wir auch nicht zahlen." Alles kein Problem, solange man keine ausschweifenden Bedürfnisse habe, findet er. Komplizierter ist da schon die Frage, wie man die bürokratischen Dinge des Lebens ohne festen Wohnsitz über die Bühne bekommt. Für Steuerbehörde und Krankenversicherung braucht man schließlich auch in den USA eine feste Anschrift - Klein und seine Frau behalfen sich mit einer Postfachadresse.
Themen wie diese werden in der Online-Diskussionsrunde "Technomads" bei Google Groups besprochen: Dort beschreiben Technikfreaks und Globetrotter ihre Erfahrungen mit dem digitalen Minimalismus. Viele haben sich über einen beschränkten Zeitraum hinweg einem spartanischen Lebensstil verschrieben und ziehen mit Fahrrad oder Wohnwagen, mit Interrailpass oder gar zu Fuß durch die Welt. Manche leben ein paar Monate von ihren Ersparnissen, andere halten sich - wie die Kleins - mit Kurzzeitjobs über Wasser. Ihre Honorare lassen sie sich per Paypal überweisen, die Post geht bei vielen an Internetservices wie Earth Class Mail oder Virtual Post Mail: Dort werden eingehende Briefe gescannt, und der Empfänger kann sie online lesen. So spart man sich sogar das Postfach.

Teil 2: Erinnerung an Thoreaus "Walden"

  • FTD.de, 04.12.2010
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