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Merken   Drucken   18.12.2010, 10:00 Schriftgröße: AAA

Freundschaftsplattform: Rent a Friend

Sie haben keine Zeit mehr für echte Freunde? Dann mieten Sie sich doch welche im Internet. Dort gibt es "perfekte Allrounder" für "unvergessliche Erlebnisse zu zweit". von Hanna Klimpe, Berlin
Mit Anfang 20 habe ich bei einem Umzug meinen ersten osteuropäischen Schwarzarbeiter bestellt und kam mir ziemlich unanständig dabei vor. Und jetzt werde ich jemanden dafür bezahlen, zwei Stunden lang mein Freund zu sein, während ich auf meinen Zug warte. Fühlt sich nicht viel besser an.
"In Japan gibt es das schon total lange", behauptet die Freundin, die mir die Idee eingeflüstert hat. Friendstorent heißt die Website, auf die sie neulich gestoßen ist, eine Onlineplattform, auf der Freundschaftsdienste vermietet werden. Wer hat das denn nötig? "Die klassischen Kunden sind erfolgreiche, junge Geschäftsleute oder Mediziner, die keine Beziehung suchen, aber ein emotionales Erlebnis haben wollen", sagt Marcus Riva. Er ist nicht der einzige, der die Nische zwischen Facebook, Escortservice und Partnervermittlung besetzen will: Neben dem Schweizer Startup-Unternehmen bietet mittlerweile auch die amerikanische Plattform Rent-a-friend ihre Dienste in Deutschland an.
Sie haben keine Zeit mehr für echte Freunde? Dann mieten Sie sich ...   Sie haben keine Zeit mehr für echte Freunde? Dann mieten Sie sich doch welche
Ich aber halte mich an das seriöser wirkende Friendstorent und lege mir ein Profil als "angehende Geschäftsfrau" an. Auf der Website sieht es aus wie in jedem anderen Onlinesupermarkt. Statt Stiefeln und Büchern werden hier eben Damen und Herren mit einem Preisschildchen versehen, 4000 bieten schon ihre Dienste an, die der Kunde hinterher mit einem bis fünf Sternchen bewerten darf. Als "passende Angebote" werden mir eine Treuetesterin angezeigt sowie ein "sinnlicher Mann", der ein "unvergessliches Erlebnis zu zweit" verspricht. Darunter versteht er kochen und tiefschürfende Gespräche. Schön, aber vielleicht doch nicht das richtige für den Zeitvertreib am Bahnsteig.
Sinnliche Erlebnisse der anderen Art versprechen die Detailaufnahmen von gepiercten Brustwarzen, die es laut Riva eigentlich gar nicht geben dürfte. Eindeutige Angebote, sagt er, werden sofort gelöscht - allerdings entdecke ich beim Surfen mehr als ein prekäres Profil. Doch die meisten User, das stimmt, bieten schlicht und ergreifend ihre Begleitung an.
So wie David, der "perfekte Allrounder", geeignet "fürs Geschäftliche oder für die Freizeit". Ich schreibe eine Mail, er antwortet: "Ich habe Zeit. Miete mich! *lach*" Und so sitze ich mit einem mir gänzlich unbekannten jungen Mann, der für die nächsten Stunden mein Freund ist, im Berliner Hauptbahnhof bei Starbucks.
Ich rutsche in meinem Sessel hin und her und betone mehrfach, dass ich ihn nur aus Spaß gebucht habe. "Das machen in den seltensten Fällen Leute, die es nötig haben", beruhigt mich David, der das hier auch nicht nötig haben will: Er arbeitet als Einzelhandelskaufmann und für eine Escortserviceagentur.

Teil 2: "Alles, außer Sex und Achterbahn"

  • FTD.de, 18.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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