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Merken   Drucken   29.05.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Hobbys: Stirb, Steckenpferd!

Kürbisse züchten, Buddelschiffe bauen, Mineralogie: Als Ausgleich zum Job hatten unsere Väter noch echte Hobbys. Irgendwann in den letzten Jahrzehnten muss uns diese Fähigkeit abhandengekommen sein - was ist da bloß passiert? von Nina Anika Klotz, Berlin
Horst Seehofer  ist ein Mann der alten Garde. Denn Seehofer hat, wie man in einer (beinahe) preisgekrönten "Spiegel"-Reportage über den bayerischen Ministerpräsidenten erfahren durfte, ein valides Hobby: Modelleisenbahnen. An Wochenenden und Feiertagen lässt der 61-Jährige gern seine Märklin durch den Keller fahren - den Hobbykeller, wie man annehmen darf.
Und jetzt überlegen Sie mal, ob Sie da mithalten können. Haben Sie ein vergleichbares Steckenpferd? Basteln Sie Flugzeugmodelle? Seidenmalerei, Mineralogie, Kaninchenzucht, eine Briefmarken- oder Münzsammlung? Ein klassisches Hobby eben? Nein? Dann sind Sie Teil einer überwältigenden Mehrheit: Die allermeisten Deutschen unter 49 sind mittlerweile komplett hobbylos.
Hat neben Biertrinken auch noch andere Hobbys: Horst Seehofer   Hat neben Biertrinken auch noch andere Hobbys: Horst Seehofer
Während die Generation unserer Eltern noch mit rührender Ernsthaftigkeit einer regelmäßigen Freizeitbeschäftigung nachging, machen wir heutzutage irgendwie nichts so richtig und alles ein bisschen. In unserer Freizeit schauen wir fern (laut einer Umfrage des Ifak-Instituts mit Abstand die Top-Freizeitbeschäftigung), wir treffen Freunde, wir gehen mal ins Museum und mal ins Fitnessstudio, wir machen ein bisschen Yoga und gucken Bundesliga, wir bloggen ab und zu und laden Musik runter - aber ein echtes Hobby wie früher ist bei all dem Amüsement nicht dabei. Nicht einmal mehr im Lebenslauf tauchen Steckenpferde noch auf: Personalberater empfehlen, auf die Nennung von "Hobbys" zu verzichten. Denn entweder sind die Angaben gelogen (Klassik? Ganz ehrlich?) oder nichtssagend (Lesen, Reisen, Sport - wie aufregend!).
Irgendwann in den letzten Jahrzehnten muss uns Deutschen das gute alte Hobby also abhandengekommen sein. Stellt sich nur die Frage: Wie kam das bloß? Peter Zellmann, Leiter des Wiener Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung, hat eine ebenso simple wie überzeugende Antwort: "Die Zahl der Briefmarken- und Schmetterlingssammler hat sich in den vergangenen 30 Jahren in etwa halbiert, weil die Konkurrenzangebote sehr groß geworden sind." Will sagen: Hätte es in Seehofers Jugend schon die Xbox gegeben, wer weiß - vielleicht wäre er nie auf Modellbahnen gekommen.
Das klassische Herren-Hobby: Die Modelleisenbahn   Das klassische Herren-Hobby: Die Modelleisenbahn
Stattdessen aber wuchs Seehofer in der Entwicklungsphase der Wohlstandsgesellschaft auf, als die klassischen Hobbys gerade zur Blüte gelangten. Man muss bedenken: Der Begriff "Freizeit" war erst knapp 100 Jahre zuvor geprägt worden. Grimms Wörterbuch von 1878 kannte ihn noch nicht. Damals war arbeitsfreie Zeit der Oberschicht vorbehalten; für alle anderen war das lediglich "Restzeit", die man nicht wirklich sinnstiftend nutzte. Hobbys des einfachen Mannes waren allenfalls Kirmesbesuche und Besäufnisse. Erst mit der Einführung einer vertraglich geregelten Arbeitszeit entstand auch deren Gegenstück: die Freizeit. Das Bürgertum begann schnell, sie zu schätzen und zu nutzen. Hobby Nummer eins um die Jahrhundertwende war der Gang ins Kaffeehaus, verbunden mit Musik, Malerei und Poesie.
Auch nach den Kriegen wurden die Hobbys der Deutschen immer wichtiger, vor allem bei den Bildungsbürgern. Kreative Steckenpferde wie Zeichnen, Basteln und Gestalten waren en vogue, sagt Ingo Mörth, Kulturwissenschaftler und Soziologe an der Johannes Kepler Universität in Linz: "Mit so einem Hobby nahm man teil an der Hochkultur, man übte sie selbst aus. Damit zeigte man sich als kultivierter Mensch." Die Leute hätten häufig Hobbys ausgeübt, um ihren verfeinerten und besseren Geschmack zu beweisen. Überhaupt, sagt der Kulturwissenschaftler, dienten Hobbys häufig dazu, die Dazugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht zu demonstrieren - oder aber vorzutäuschen.

Teil 2: Neue Medien ersetzen traditionelle Hobbys

  • FTD.de, 29.05.2011
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