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Merken   Drucken   14.01.2012, 13:00 Schriftgröße: AAA

Nichts als die Wahrheit: "Siri, du Schlampe"

In Zeiten der Sprachsteuerung nimmt das Beschimpfen von technischen Geräten ganz neue Ausmaße an. Unser Kolumnist kann darin allerdings viel Positives erkennen. von Tillmann Prüfer 
Ich war neulich unangenehm berührt, als ich in einem Café saß und das Gespräch der Herren neben mir mithörte. Sie gebrauchten die ganze Zeit Begriffe wie "geiles Stück" und "Luder". Nun ist so ein Wortgebrauch in Berlin nichts Ungewöhnliches. Aber die Männer trugen alle Krawatten und hatten Laptops.
Dann sah ich, dass sie sich nicht miteinander unterhielten, sondern mit ihren iPhones. Sie sagten etwa "Siri, du Schlampe". Ich habe schon öfter gehört, dass Männer ihr iPhone beschimpfen, sobald sie ein Gerät mit Sprachsteuerung haben. Das ist wohl menschlich. Ich beschimpfe zum Beispiel regelmäßig den Drucker in meinem Büro, sobald er Papierstau hat. Offenbar ist es ein Mittel zu Stressabbau. Besser, wir beschimpfen Apparate als einander, finde ich.
Tillmann Prüfer   Tillmann Prüfer
Bei der Technikmesse CES in Las Vegas sollen vor allen neue Systeme zur Sprachsteuerung vorgestellt worden sein. Das ist eine gute Nachricht. Wir können also noch effektiver unsere Geräte erniedrigen und einander mehr achten. Daran, wie Menschen schimpfen, habe ich gelesen, kann man ablesen, welche herrschende Moral im Land die Menschen bedrückt.
In Deutschland, wo die Ordnungsliebe so stark ist, machen sich die Leute Luft, indem sie anale Begriffe wie "Arschloch" und "Scheiße" benutzen. In den USA, wo eine strikte Sexualmoral herrscht, hilft man sich, indem man "fuck" und "motherfucker" sagt. Die sexuelle Belästigung von Siri zeigt also, das wir insgesamt amerikanischer geworden sind.
Übrigens soll das Gerät auch schon zurückgeschimpft haben. In England hat ein Zwölfjähriger angeblich "Shut the fuck up" zu hören bekommen. Damit ist hierzulande nicht zu rechnen. Demnächst wird Siri einfach Anzeige erstatten.
  • FTD.de, 14.01.2012
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