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Merken   Drucken   03.12.2008, 19:50 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Berufspendler  

Mit Entspannungstechniken gegen die Krisenpanik: In New York erleben Hypnotiseure derzeit einen wahren Kundenansturm. Sie sollen Menschen helfen, ihrer düsteren Zukunft gelassener entgegenzusehen. von Sebastian Moll (New York)
Mark Schwimmers Praxis ist nicht gerade auf gehobene Kundschaft eingerichtet. Die Fenster der beiden winzigen Räume sind verschmiert, das Mobiliar sieht nach Flohmarkt aus, überall liegen angelesene Bücher. Der Arbeitsraum des New Yorker Hypnotiseurs wirkt ein wenig wie eine Hippie-WG in den 70er-Jahren.
Schwimmers bisherige Kundschaft an der Upper West Side wird sich daran kaum gestört haben - er bediente vor allem eine eher alternative Subkultur. Die Finanzkrise spült ihm nun ganz unterschiedliche Menschen in die Praxis - darunter auch viele Banker. "Ich muss die Leute schon zu Dutzenden abwimmeln", seufzt Schwimmer. Auch andere Hypnotiseure in New York freuen sich seit zwei Monaten über großen Kundenansturm. Sein Kollege Neil Fiore berichtet eine Verdoppelung seines Geschäfts, Jacob Bimblich, ebenfalls Hypnosemeister, behauptet gar eine Verzehnfachung. "Die Menschen haben Angst um ihr Geld und ihre Zukunft", erklärt sich Mark Schwimmer den Hypno-Hype. "Und Hypnose ist eine der wirksamsten Methoden, um mit Angst zurechtzukommen."
Die finanziellen Probleme seiner Kunden könne er zwar nicht lösen. Er wolle die Menschen vielmehr in eine Lage versetzen, in der sie mit ihren Nöten sinnvoll umgehen können: "Wenn man Angst hat, kennt das Gehirn nur noch zwei Modi: Kampf oder Flucht." Beide Impulse seien völlig ungeeignet, um konstruktiv Probleme zu bewältigen. "In Hypnose kann ich den chemischen Zustand des Gehirns verändern. Man sieht danach die Welt mit völlig anderen Augen."
Eine von Geldsorgen geplagte Patientin, berichtet der Therapeut, bekomme jedes Mal Angstzustände, wenn sie ihre Rechnungen bezahlen muss. "Sie sitzt dann völlig gelähmt da." Durch Hypnose sei sie bald wieder fähig gewesen, ruhig und konzentriert ihre Finanzen zu planen. Ein Patient seines Kollegen Bimblich wurde durch Hypnose von seiner Krisenfresssucht geheilt. "Immer, wenn ich die Finanznachrichten im TV sah, musste ich einen Donut essen", sagt der Tanzstudiobetreiber. 47 Pfund hatte er sich so angefuttert und nun durch Hypnose wieder 15 davon verloren.
Der Vorgang, der derlei bewirken soll, ist dabei erstaunlich unspektakulär. Nach einer konventionellen Tiefenentspannung unterhält sich Schwimmer ausführlich mit seinem Patienten. Zur Sprache kommen dabei Situationen, die den Kunden in Angst versetzen, aber auch solche, in denen er sich besonders wohlfühlt. Schwimmer beobachtet dabei genau die Körpersprache. Im zweiten Teil der zweistündigen Sitzung übt Schwimmer mit dem Patienten, sich selbst durch die Wiederholung bestimmter Gesten oder die Fixierung des Blicks auf bestimmte Punkte in einen Zustand der Gelassenheit zu versetzen.
Derart klarsichtig seien die Menschen dann bereit, nach dem Verlust von Job oder Vermögen gleich ihr ganzes Leben neu zu ordnen. "Die Leute klammern sich oft an ihren gewohnten Lebensstil und an bestimmte Überlebensstrategien, die plötzlich nicht mehr funktionieren", sagt Schwimmer. Die Hypnose lasse sie erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist. "Das kann so banal sein, wie zu begreifen, dass man keinen Mantel für 1500 $ braucht." Oder dass es einem bei Weitem nicht so wichtig ist, im teuren Manhattan zu leben, wie man geglaubt hat.
Den Luxus der Hypnose werden Schwimmer und seine Kollegen ihren Kunden allerdings wohl kaum auszureden versuchen. Für eine Sitzung bekommt Schwimmer 250 $, ein Wochenendseminar kostet bis zu 2000 $.
  • Aus der FTD vom 04.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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