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Merken   Drucken   23.02.2011, 18:25 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Das vielleicht längste Gedicht der Welt

Mit Schreibblockaden hat der Amerikaner Dave Morice kein Problem. Er hat zwar 100 Tage für ein einziges lyrisches Werk gebraucht - dafür ist es aber auch 10.000 Seiten lang. von Christian Lauenstein, Hamburg
Dave Morice zitterte leicht, als er sich nach 36 Jahren erstmals wieder in den Anzug zwängte, der ihn einst zum Dichterfürsten von Iowa machte. Er hatte die Sachen seit damals nicht mehr angerührt, der Schrank, in dem sie hingen, blieb all die Jahre verschlossen. Der Zylinder war verstaubt, das T-Shirt inzwischen am Bauch zu eng und die Schlaghose längst nicht mehr modern. Doch für den Schlusspunkt unter sein Lebenswerk, für die letzten Zeilen seines persönlichen Dichtrekords, sollten die Menschen nicht Dave Morice zujubeln, sondern dem legendären Dr. Alphabet.
Nein, ein Taschenbuch ist das 10.000-Seiten-Gedicht von Dave Morice ...   Nein, ein Taschenbuch ist das 10.000-Seiten-Gedicht von Dave Morice (u.) wirklich nicht geworden. Wer will, kann trotzdem für 5000 Dollar zuschlagen
Und dies sollte sein Triumph sein: das vielleicht längste Gedicht der Welt, 10.000 Seiten lang. Über 100 Tage hinweg schrieb er in der Bibliothek der Universität Iowa täglich jeweils hundert Seiten voll, Ende Januar nun hat die Uni das Opus Magnum gebunden - es ist ein papierenes Ungetüm geworden, das für sich allein ein ganzes Bücherregal füllen könnte.
Morice hat in seinem Leben schon viele verrückte Dinge gemacht, meistens hatten sie mit Gedichten zu tun. Auf der Highschool schrieb der heute 64-Jährige eine Novelle über das Duell zwischen Frankenstein und den New York Yankees, später hat er Gedichte auf Leinwände gesprüht und sich dabei von Cheerleadern anfeuern lassen. Seine größte Leidenschaft ist jedoch poetischer Extremsport, die sogenannten Poetry Marathons.
Im Jahr 1974 fing es an. Während eines Kunstfestivals schrieb Morice binnen weniger Stunden ein Gedicht auf eine 30 Meter lange Plane. Anschließend zerschnippelte er sein Werk, presste die Papiere in kleine Medizinfläschchen und verteilte sie an die Besucher des Festivals - er nannte es Dr. Alphabets Medizinshow. Seine Verkleidung: weißes Hemd, weiße Hose, weißer Zylinder, beklebt mit bunten Buchstaben. Die Menschen waren begeistert von Dr. Alphabet, Fortsetzungen folgten, in Iowa entwickelte sich eine regelrechte Dichterszene. Das Dr.-Alphabet-Outfit landete zwar alsbald im Kleiderschrank, aber eine Legende war geboren.
Während Morice im vergangenen Jahr an seinem härtesten Marathon arbeitete, hatte die Universität ihm zu Ehren das Kostüm in einer Vitrine ausgestellt. "Doch für die letzten Reime vor Publikum wollte ich den Anzug wieder überstreifen und den Menschen noch einmal Dr. Alphabet in Aktion bieten", sagt Morice. "Das war ich den Leuten einfach schuldig."
Das 10.000-Seiten-Gedicht handelt vor allem von ihm selbst, es ist eine fiktive Reise durch sein buntes Leben. Eine Reise, auf der er auch berühmte Kollegen trifft und mit ihnen ins Plaudern kommt, zum Beispiel auf Seite 19 den Meister persönlich: Johann Wolfgang von Goethe.
"Nach dem Schreiben war ich oft erschöpft, aber meine Freundin und ein kühles Bier haben mich wieder auf Touren gebracht", sagt Morice. "Glücklicherweise habe ich mit Schreibblockaden kein Problem, mir muss man nur einen Stift in die Hand geben, und dann geht es los." Damit verdient er übrigens auch sein Geld: Morice lehrt Kindern und Erwachsenen in Seminaren das kreative Schreiben.
Die Originalfassung des Monstergedichts lagert inzwischen in der Unibibliothek. Wer Morices Werk ins heimische Regal hieven will, kann das zwar tun. Er muss dafür aber stolze 5000 Dollar hinlegen - und bekommt dafür trotzdem nur ein unvollständiges Werk. Denn inzwischen hat Morice aufgestockt. "Ich habe, nachdem das Buch gebunden wurde, nachgezählt. Es waren 830.000 Wörter. Das war mir zu wenig." Daheim am Schreibtisch hat Morice weitergeschrieben, inzwischen sind es über eine Million Wörter. "Doppelt so lang wie Tolstois ‚Krieg und Frieden'", so Morice stolz. Dr. Alphabet hat er dabei allerdings im Schrank gelassen. Den will er erst wieder rausholen, wenn ein noch längeres Gedicht in Planung ist.
  • Aus der FTD vom 24.02.2011
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