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Merken   Drucken   01.01.2012, 19:36 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Der große Reibach mit den kleinen US-Bürgern

Ein ganzer Industriezweig schleust Schwangere nach Amerika. Denn jedes Baby, das dort geboren wird, ist automatisch ein Bürger der Vereinigten Staaten. Nun aber formiert sich Widerstand in den USA. von Nina Rehfeld, New York
Als Cornelia S. mit ihrem ersten Kind im siebten Monat schwanger war, reiste sie in die USA. Ihre Tochter, so wollte es die Österreicherin, sollte in Los Angeles zur Welt kommen, sie sollte Amerikanerin werden. Jeder, der auf US-Boden geboren wird, ist automatisch amerikanischer Staatsbürger, mit allen Vorteilen. "Meine Tochter hat jetzt die Möglichkeit, in den USA zu studieren und zu arbeiten", sagt die 33-Jährige, die die Geburt einst selbst organisierte. "Das kann ihr Chancen eröffnen."
Grund dafür ist ein Gesetz aus dem Jahr 1868, das einst die Rechte der Sklaven regeln sollte. Und weil viele Eltern so denken wie Cornelia S., ist dieses Gesetz inzwischen die Grundlage einer ganzen Industrie. Denn längst können schwangere Frauen bei spezialisierten Reiseveranstaltern Geburtspauschalreisen in die USA buchen, Unterkunft, medizinische Versorgung, Kindesbetreuung und Papierkram inklusive.
Komplettpakete für werdende Mütter
Besonders in den koreanischen und chinesischen Vierteln von Los Angeles und New York floriert das Geschäft. Die Dienste reichen von günstigen Krankenhausdeals bis zu luxuriösen Komplettpaketen. Im New Yorker Stadtteil Queens etwa bieten mehrere Geburtshäuser wohlhabenden chinesischen Frauen ihre Dienste an. 2000 bis 5000 Dollar pro Monat kosten die Zimmer in den oft unscheinbaren Privathäusern. Im Preis inbegriffen sind die Betreuung des Kindes durch eine Amme, traditionelle Ernährung, Rückbildungsgymnastik für die Mutter - und Shoppingtrips.
Der Babytourismus boomt in den USA   Der Babytourismus boomt in den USA
Der Babytourismus boomt. Auch türkische Reiseveranstalter bieten Komplettprogramme zwischen 25.000 und 40.000 Dollar an. In New York gilt das Luxushotel Marmara Manhattan, drei Straßenblocks vom Metropolitan Hospital entfernt, als Anlaufadresse. Früher hätten vor allem Prominente ihre Kinder in den USA zur Welt gebracht, sagte ein Reiseveranstalter aus Izmir der türkischen Zeitung "Hürriyet". Wegen der großen Nachfrage versuche man aber, diesen Service einer breiteren Schicht zugänglich zu machen.
Ein Kind auf amerikanischem Boden zu gebären, ist nicht illegal. Streng genommen macht sich allerdings strafbar, wer sich unter Angaben falscher Tatsachen in die USA begibt. Doch für die meisten Schwangeren, die bei der Einreise den Grund ihres Aufenthalts als Urlaub oder Geschäftsreise angeben, ist das eine akzeptable Lüge. Es geht schließlich um die Zukunft ihrer Kinder - und womöglich auch um die eigene. Mit 21 nämlich können die "Ankerbabys" auch für ihre Eltern amerikanische Papiere beantragen und ihnen so zur Einwanderung verhelfen.
In den USA ist das alles derzeit ein großes Thema. Der Geburtstourismus ist ein Teil des aufflammenden Präsidentschaftswahlkampfs. Gerade erst stellte sich der republikanische Kandidatenanwärter, Newt Gingrich, hinter eine aktuelle Gesetzesvorlage zur Abschaffung des alten Gesetzes. Und der Kongressabgeordnete Phil Gingrey aus Georgia wetterte: "Diese Leute nutzen schamlos das System aus. Man sollte sie in den Knast stecken."
Cornelia S. muss das nicht mehr fürchten. Ihre Tochter ist heute vier Jahre alt und lernt jetzt im Englischkurs die Sprache ihres Geburtslands. Einige Freundinnen der Mutter wollen ihre Kinder ebenfalls in den USA gebären, sie erkundigen sich in Internetforen. Und Cornelia S. sagt: "Ich bin froh drüber - und hin und wieder scherze ich, dass ich in 17 Jahren eine Green Card habe." Aber sie würde das Ganze nicht noch einmal machen, es sei zu nervenaufreibend gewesen. Ihr zweites Kind kam in Wien zur Welt.
  • Aus der FTD vom 02.01.2012
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