FTD Sie waren als Hedge-Fonds-Manager sehr erfolgreich. Warum sind Sie ausgestiegen?
Julio DePietro Ich bin zufällig in die Investmentwelt geraten und habe das nicht als Langzeitjob gesehen. Meine Eltern hatten nie viel Geld, aber als ich aus Harvard kam, hatte ich 20.000 $ Studiengebührenschulden. Ich wollte also Geld verdienen, um reisen zu können und die Dinge zu verwirklichen, die ich gern machen wollte.
FTD Sie hatten politische Philosophie studiert und noch nie einen Wirtschaftskurs belegt. Trotzdem haben Sie eine Anstellung im Investmenthaus Citadel erhalten. Wie haben Sie das geschafft?
DePietro Ein Freund von mir schlug mich Citadel-Chef Ken Griffin vor. Ich glaube, aufgrund meines guten Pokerspiels.
FTD Weil Sie pokern können?
DePietro Ein guter Pokerspieler verfügt über ein gewisses mathematisches Verständnis und vermag, sein Gegenüber zu lesen. Das ist an der Wall Street nicht unwichtig, weil nicht alles stimmt, was einem so erzählt wird. Aber es half sicher auch, dass ich aus einem anderen Feld stammte. In der Finanzwelt ist es wichtig, erfassen zu können, was Menschen motiviert. Straßenschläue ist da oft hilfreicher als akademisches Wissen.
FTD Was hat Sie zum Ausstieg bewogen?
DePietro Nach zehn Jahren Wall Street bekam ich das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Ich wollte sechs Wochen Urlaub nehmen - in der Branche eine unerhörte Bitte. Dann überredeten mich Freunde zu einer sechsmonatigen Weltreise. Das war schon sehr unorthodox für den Teilhaber eines großen Investmenthauses.
FTD Citadel-Chef Ken Griffin erlaubte es?
DePietro Ja. Allerdings war ich nach fünf Monaten erst auf halber Strecke. Also rief ich Griffin aus einer Hütte in Kambodscha an und kündigte.
FTD Aus einer Hütte? Sie hätten sich sicher das feinste Hotel am Ort leisten können.
DePietro Stimmt. Aber das Luxushotel in Bangkok sieht genauso aus wie das Luxushotel in New York. Wenn man interessante Menschen kennenlernen möchte - dort findet man sie nicht.
FTD War es schwierig, sich von heute auf morgen vom Powerspiel der Wall Street zu verabschieden?