Thomas Brussig seufzt. Über den literarischen Betrieb, der ja eher eine feminine Welt sei. Dabei sei es für Schriftsteller so wichtig, das Urmännliche, das Gesellige und den Mannschaftsgeist zu erleben, meint der Berliner Schriftsteller. Vielleicht hat Brussig ("Sonnenallee", "Schiedsrichter Fertig") deshalb die Autorennationalmannschaft gegründet. Mit dabei beim urmännlichen Kick: die Dramatiker Moritz Rinke und Albert Ostermaier, Filmregisseur Sönke Wortmann, Spanienautor Ronald Reng, Kulturjournalist Falko Hennig sowie die Schriftsteller John von Düffel und Tobias Hülswitt.
Vor drei Jahren lud Brussig die Kollegen zu einem viertägigen Trainingslager in sein Landhaus in Mecklenburg-Vorpommern ein. Die Autoren schliefen in Armeezelten der NVA und wurden von Brussigs Haushaltshilfe bekocht, eine Fußpflegerin salbte die geschundenen Füße. Als Trainer gewann er Hans Meyer (damals Hertha BSC). Dabei war Brussig erstaunt über Meyers Ernsthaftigkeit. Der Coach, der früher den FC Carl Zeiss Jena, Twente Enschede, Borussia Mönchengladbach und zuletzt den 1. FC Nürnberg trainierte, wollte wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Also ließ er sich die Werke seiner neuen Schützlinge zuschicken. "Das Beste ist: Er hat die Bücher auch noch alle gelesen", sagt Brussig.
"Leidenschaftliche Beziehung"
Beim folgenden Turnier, einer Art WM der Schriftsteller im toskanischen San Casciano, wurden die Literatenbolzer nach einem 1:0 über Italien und einem 0:5 gegen Schweden Zweiter. Albert Ostermaier hofft, dass es irgendwann gelingt, die Skandinavier zu besiegen. Der 40-jährige Dramatiker, der mit "Zephyr" gerade seinen ersten Roman veröffentlicht hat, ist der Torwart des Teams. Er lebt eine "sehr leidenschaftliche Beziehung" zum Rasensport. Als kleiner Junge bekam Ostermaier von Sepp Maier ein Trikot geschenkt. Seitdem spielte er auf einem eigenen Fußballplatz hinter dem Elternhaus am Ammersee. Als er erwachsen wurde, dachte der Münchner, kicken und schreiben sei nicht miteinander vereinbar. "Das ist Unfug, denn für mich ist Fußball inzwischen ein ganz entscheidender und existenzieller Ausgleich. Da kann ich mich vergessen", sagt der Autor. Ähnlich geht es Gründungsmitglied Rinke ("Die Nibelungen"), laut Hans Meyer der beste Mann in der Literatenelf. Der Wahlberliner spielte einst beim FC Worpswede in der niedersächsischen Bezirksoberliga. Sönke Wortmann kickte in den 80ern sogar einige Zeit für Westfalia Herne in der Amateur-Oberliga.
Bei der Autoren-WM 2006 in Bremen wurde das Team unter Uwe Rapolder (heute TuS Koblenz, früher Arminia Bielefeld, 1. FC Köln) nur Vierter. Ein Jahr später in Malmö wurde Deutschland Dritter, den Cup gewann erneut Schweden. Dennoch, das Leistungsniveau ist deutlich angestiegen. Jeder guckt sich von seinen Helden in seinem Lieblingsklub etwas ab. Brussig ist Hertha-Fan, Ostermaier mag den FC Bayern, und Rinke geht bei Werder Bremen ein und aus. Fester Trainer der Autonama, so die Abkürzung, ist seit anderthalb Jahren Uli Kuper vom Hamburger SV.
Im März flog die Autonama auf Einladung des saudi-arabischen Kulturministeriums anlässlich der dortigen Buchmesse zu einem Match nach Riad. Natürlich hat die Intellektuellenmannschaft auch ein eigenes Werk herausgebracht: "Titelkampf", eine Sammlung von Fußballgeschichten, fremder und selbst erlebter Dramen auf dem Platz. Spielen namhafte Autoren anders Fußball als Kfz-Mechaniker oder Anstreicher? Rinke weiß darauf keine klare Antwort. Nur eines hat er gelernt: "Die Cleverness auf dem Feld ist eine ganz andere als die Intelligenz beim kreativen Schreiben."