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Merken   Drucken   11.07.2011, 18:17 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Ganz durchsichtige Auktion

Ein Auto mit transparenter Plexiglas-Karosserie - das war zur Weltausstellung 1939 eine Sensation. Jetzt soll der letzte erhaltene Geister-Pontiac versteigert werden.
© Bild: 2011 Aaron Summerfield ©2011 Courtesy of RM Auctions
Ein Auto mit transparenter Plexiglas-Karosserie - das war zur Weltausstellung 1939 eine Sensation. Jetzt soll der letzte erhaltene Geister-Pontiac versteigert werden. von Daniela Leistikow, Hamburg
Zumindest eine Frage muss er sich wohl nie wieder stellen, der zukünftige Besitzer des Pontiac Deluxe Six "Ghost Car": Ob er einen Ersatzreifen dabei hat oder nicht. Geheimnisse kennt der Wagen nämlich keine - unter seiner transparenten Karosserie aus Plexiglas blitzt der weiß lackierte Motor hervor, die Türverkleidung funkelt silbern. Alles, was sich bei Autos sonst so unter Blech verbirgt, im Kofferraum liegt oder unter der Motorhaube steckt, ist beim Ghost Car komplett sichtbar.
72 Jahre alt ist dieses kuriose Automobil mit Durchblickgarantie. Am 30. Juli soll es nun im Luxushotel The Inn at St John's im US-Bundesstaat Michigan versteigert werden. Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten wird das Oldtimer-Unikat dann den Besitzer wechseln.
Zur Auktion steht damit auch ein Symbol für den Fortschrittsglauben zu Anfang des 20. Jahrhunderts. 1939 war der durchsichtige Pontiac ein Highlight auf der Weltausstellung in New York, danach ging er auf US-Tour. Im Smithsonian Museum in Washington D.C. sonnte sich das Ghost Car anschließend bis 1947 in bewundernden Besucherblicken. Diese Zeit des Ruhms ist lange vorbei: Die folgenden Dekaden verbrachte der Wagen abseits des Scheinwerferlichts im Besitz verschiedener Sammler.
Das Auktionshaus RM Auctions wünscht sich ein Comeback des Auto-Altstars unter neuem Management. "Dieses einzigartige Artefakt der Fahrzeug- und Kulturgeschichte verdient ein größeres Publikum", heißt es im Prospekt. Bis zu 475.000 Dollar könnte der Wagen einbringen, schätzt der Veranstalter. Immerhin war der Plaste-Pontiac bereits ein Vermögen wert, als ihn die Besucher der Weltausstellung vor 72 Jahren bestaunten: Rund 25.000 Dollar soll seine Konstruktion gekostet haben. Zum Vergleich: Einen normalen Pontiac Deluxe Six mit Metallkarosserie bekam man damals für 814 Dollar.
Heute bemisst sich der Wert des Wagens vor allem an ideellen Maßstäben. Kunststoffkarosserien sind - wenn auch blickdicht - technisch längst nichts Ungewöhnliches mehr. Trotzdem bietet das gut erhaltene Geisterauto durchaus handfeste Vorteile: Welcher Zöllner winkt schon einen Wagen mit durchsichtigem Kofferraum zur Kontrolle aus dem Verkehr?
Oberflächlich betrachtet hat der Pontiac übrigens deutsche Wurzeln: Der Chemiekonzern Rohm & Haas Co. war während des Ersten Weltkriegs aus einer US-Niederlassung des deutschen Unternehmens Röhm & Haas hervorgegangen. Gemeinsam mit General Motors  formte die Firma den damals revolutionären Werkstoff Plexiglas zur Hülle des Autos. 1940 bauten die Unternehmen zusammen ein zweites durchsichtiges Fahrzeug: Der Pontiac Torpedo Eight ging zusammen mit dem Deluxe Six auf US-Tour, hat jedoch nicht bis heute überlebt.
Und auch beim erhaltenen Modell raten die Auktionatoren von ausgiebigen Spritztouren ab: Herumfahren sei schädlich für den Plexiglas-Pontiac. Wenn der zu heiß läuft, könnte er nämlich bald endgültig Geschichte sein. "Laut unseren Experten beginnt bei diesem Material eine leichte Erweichung bei über 100 Grad Celsius. Bei Temperaturen zwischen 150 und 170 Grad kann das Acrylglas verformt werden", sagt Alexandra Boy, Pressesprecherin bei Evonik, dem aktuellen Inhaber der Marke Plexiglas in Europa.
Deswegen ist der Oldtimer vermutlich auch zuvorkommende Behandlung gewohnt: Er wird chauffiert, statt seine Besitzer zu transportieren, auf dem Kilometerzähler stehen nur 86 Meilen. Die US-Tour nach dem Ende der Weltausstellung dürfte der Pontiac größtenteils auf einem Anhänger verbracht haben. Wer also mit dem Gedanken spielt, Ende Juli mitzubieten, sollte das nötige Kleingeld für einen zusätzlichen Kleintransporter haben. Das letzte Geisterauto ist und bleibt eine Diva.
  • Aus der FTD vom 12.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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