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Merken   Drucken   13.02.2012, 20:19 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Grammy-Verleihung als Bekenntnis zum Scheitern

Am Tag nach Whitney Houstons Tod werden die Grammys verliehen - die wichtigsten Preise einer Branche, die besser von den Toten zu leben weiß, als Talente aufzubauen.
© Bild: 2012 dpa/Bildfunk/Paul Buck
Am Tag nach Whitney Houstons Tod werden die Grammys verliehen - die wichtigsten Preise einer Branche, die besser von den Toten zu leben weiß, als Talente aufzubauen. von Willy Theobald  Hamburg
Klar, am Tod der Soulsängerin Whitney Houston - einen Tag vor der Grammy-Verleihung - kommt niemand vorbei. Aber das, was letztendlich an Zeit und Respekt für die Sängerin bei der wichtigsten Veranstaltung der Musikbranche vorletzte Nacht in Los Angeles aufgewendet wurde, war doch ziemlich lausig: Immerhin gehörte Houston mit 170 Millionen verkaufter Platten zu den Superstars der Branche.
Moderator LL Cool J, der in mit seinem schwarzen Samtjackett und Schiebermütze aussah, als sei er mittlerweile zum Chauffeur eines Plattenmoguls aufgestiegen, erledigte seinen Trauerjob mehr als routiniert: "Oh, Vater im Himmel, wir danken dir, dass du unsere Schwester Whitney mit uns geteilt hast", las er von einem Zettel ab um die Anwesenden zu einem Kurzgebet zu animieren. Dann war das Thema drei Stunden lang erledigt. Kurz vor Schluss sang Jennifer Hudson noch einen Houston-Song.
Die wichtigsten Preise
Album of the Year "21" (Adele)
Record of the Year "Rolling in the Deep" (Adele)
Song of the Year "Rolling in the Deep" (Adele)
Rocksong "Walk" (Foo Fighters)
Rockalbum "Wasting Light" (Foo Fighters)
Alternative Album "Bon Iver" (Bon Iver)
R&B-Album "F.A.M.E." (Chris Brown)
Rap-Album "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" (Kanye West)
R&B-Song "Fool for You" (Cee Lo Green, Melanie Hallim & Jack Splash)
Auch musikalisch war die 54. Grammy-Verleihung ein großes Bekenntnis zum Scheitern. Die Gewinnerin des Abends, die sechsfach ausgezeichnete britische Sängerin Adele, erklärte erneut den Liebeskummer als Triebkraft ihres Schaffens: "Wichtigste Inspiration für mein neues Album war etwas, das jeder schon einmal durchgemacht hat: eine schlechte Beziehung."
Ähnliche Signale sendete die mit blauen Haaren angereiste Pastorentochter Katy Perry. Sie war zwar nicht nominiert, nutzte aber den Abend zur Vorstellung ihrer neuen Single "Part of Me". Die Zeilen "Du hast mich zerkaut und mich ausgespuckt, als ob ich Gift in deinem Mund wäre. Du hast mich ausgenutzt" waren natürlich ein deutlicher Angriff auf Nochehemann Russell Brand. Dieser Satz kann aber auch für das gestörte Verhältnis zwischen Künstlern und Industrie stehen.
Von Jimi Hendrix über Jim Morrison und Kurt Cobain bis Amy Winehouse pflastern Kollateralschäden den Walk of Fame des Showbusiness. Schon kurz nach dem Tod dieser Superstars machten sich ihre Plattenfirmen an die Ausschlachtung des Backkatalogs. Ein geldwerter Vorteil, von dem die Industrie noch heute prächtig lebt - und für den auch Houston noch etliche Jahrzehnte beitragen wird. Pietät oder Anteilnahme gelten dabei bestenfalls als Werbegag.
Wer so gut von den Toten lebt, kümmert sich natürlich weniger um neues musikalisches Leben: Bis zu 80 Prozent der Neuerscheinungen werden von den kleineren Unternehmen der Musikbranche veröffentlicht. Während Innovationen also fast ausschließlich von unten kommen, kontrollieren die Branchenriesen Universal, Sony, EMI und Wea fast 70 Prozent des Marktes.
Damit schaufeln die Major Labels fleißig am eigenen Grab: Sobald Musiker nennenswerte Umsätze machen, werden sie mit viel Geld von den Großen der Branche abgeworben. Danach steigt der Druck auf die Künstler ins Unermessliche: Im Vordergrund steht nicht mehr die Musik, sondern der Umsatz. "Solche Übernahmen müssen verboten werden", fordert Helen Smith, Geschäftsführerin von Impala, dem Verband der kleinen Plattenfirmen in Europa.
Gute Vorsätze hat Bon Iver. Das Singer-Songwriter-Projekt um den Sänger, Gitarristen und Organisten Justin Vernon erhielt einen Grammy für das beste "Alternative Album". Bislang will der Musiker, der seine erste LP in einer Jagdhütte aufgenommen hatte, noch bei seinem Kleinlabel bleiben.
Doch nur wenige Bands meisterten die Symbiose zwischen Kommerz und Untergrund so gut wie zum Beispiel die Foo Fighters - mit fünf Grammys nach Adele die zweiten Abräumer des Abends. Seit zehn Jahren wird das rustikal auftretende Quartett um Ex-Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl regelmäßig ausgezeichnet - obwohl die Jungs den Großteil ihrer musikalischen Basisarbeit in einer alten Garage verrichten und immer wieder mit politischen Aktionen wie gegen den damaligen US-Präsidenten Georg W. Bush auffielen.
Grohl bedankte sich in seiner Rede hauptsächlich bei seinem Produzenten und den Mitarbeitern im Tonstudio seiner Garage. Es sei nicht wichtig, "perfekt zu sein, sondern ein Instrument zu erlernen und Musik zu machen", sagte er und endete mit dem Satz: "Long live Rock'n'Roll." Immerhin wenigstens ein Bekenntnis zum Leben an diesem Abend.
  • Aus der FTD vom 14.02.2012
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