Ray Wilson ist Immobiliengutachter in New York. Ein Job, um den er derzeit nicht zu beneiden ist. Alleine auf Long Island, einer besseren Wohngegend mit hübschen Einfamilienhäusern in Strandnähe, hat es in den letzten Monaten Hunderte Zwangsvollstreckungen gegeben. "Viele zerstören ihre Häuser, bevor sie rausmüssen", sagt Wilson. Die Ex-Bewohner treten Türen ein, demolieren die Wände oder kappen die Wasserleitungen. Alles aus Wut über das eigene Schicksal, die hoffnungslose wirtschaftliche Lage, die nicht gezahlten Hypothekenraten. "Ich fühle mich schlecht, wenn ich das sehe", bekennt der Gutachter.
Aber heute geht es nicht um Mitleid, sondern um Aufbruchstimmung. Wilson begleitet eine Bustour zu leer stehenden Häusern, auf der Kaufinteressierte von den Immobilien überzeugt werden sollen. Der Gutachter begrüßt ein gutes Dutzend potenzielle Käufer in dem Bus, durch dessen getönte Scheiben kaum Tageslicht nach innen dringt und der beheizt wird, obwohl es ein sonniger Frühlingstag ist.
Keines der Häuser sei perfekt, sagt Wilson, während seine Mitarbeiterin gekühlte Getränke anbietet. "Aber viele sind in überraschend gutem Zustand." Mit so viel Ehrlichkeit wird er es nicht einfach haben.
Die Idee, eine Busfahrt zu zehn Immobilien anzubieten, hatte David Farrell. "Die Hauspreise sind so tief wie seit Jahren nicht mehr", sagt der Leiter der "Long Island Foreclosure Tours". Jetzt sei der richtige Moment, zuzuschlagen und sich Schnäppchen zu sichern. Wer bei der Bustour mitfährt, zahlt 50 $ - und bekommt 500 $ erstattet, falls er eines der besichtigten Häuser kauft.
"Hier ist viel Arbeit nötig"
In einem der Häuser im Stadtteil New Hyde Park hängt sogar noch ein Kronleuchter im Wohnzimmer. Aber der Zustand von Wänden und Teppichen ist nicht gerade einladend. "Hier ist viel Arbeit nötig", sagt Wilson. Askwin Sanakal winkt ab. "Das kann ich doch niemals alles renovieren", sagt er. Der 32-jährige Finanzplaner fährt zum ersten Mal bei der Bustour mit. Dass alle Häuser, die heute angeboten werden, unfreiwillig verlassen wurden, stört ihn nicht: "Ich muss die Leute ja nicht persönlich rausschmeißen."
Der letzte Käufer zahlte für die Immobilie im New Hyde Park im November 2006 noch 595.000 $. Heute wird sie ohne Steuer für 270.000 $ angeboten. Dennoch hat JP Morgan seit der Zwangsvollstreckung vor mehreren Monaten keinen Käufer gefunden - da der vorherige Besitzer seine Hypothek nicht mehr zahlen konnte, ging das Haus zurück an die Bank. Immobilienmakler Farrell wirbt mit einer Faustregel: "Wer ein Eigenheim in Raten abbezahlt und dafür pro Monat weniger ausgibt als für die Miete in einem vergleichbaren Haus, kann nichts falsch machen."
Die 22-jährige Johanna Aguirre denkt darüber nach, sich zusammen mit ihrem Mann eigene vier Wände zu leisten - ein "Traumhaus" soll es sein. Gleich das erste der angebotenen Häuser gefällt ihr. Nur 3000 bis 5000 $ seien nötig, um es einzugsfertig zu machen, rechnet Wilson vor. Wenn er sich mit dem Paar über die Details einig wird, hat er an diesem Nachmittag zumindest einen Käufer gefunden.
James Nash wird er kaum für eines seiner Objekte gewinnen. "Ich habe schon ein Haus und sondiere nur die Marktlage", sagt der 26-jährige Investmentbanker. Nur bei einem wirklich guten Angebot würde er zuschlagen, um die Immobilie dann zu vermieten. Aber die Häuser überzeugen ihn nicht. Die Busfahrten auf Long Island seien vor allem für die Banken eine gute Sache, meint Nash. "Die Institute mussten die leer stehenden Häuser abschreiben und wittern jetzt die Chance, das wieder zu korrigieren."