Dies ist die Geschichte eines Irrtums, und sie beginnt im Studio einer amerikanischen TV-Show, ganz unverdächtig als eine jener Buchvorstellungen, die Autoren nun einmal zum Besten geben, wenn sie auf Verkaufstour durch die Fernsehlandschaft tingeln.
Raj Patel, der Held der Geschichte, sitzt an diesem Tag im Januar im Studio des Comedians Stephen Colbert, er trägt einen dunkelvioletten Anzug, und wenn Colbert einen Witz macht, lacht er - vielleicht ein wenig zu laut, aber im Gegenzug für diese Gefälligkeit hält der Gastgeber Patels neues Buch in die Kamera: "The Value of Nothing". Patel gehört zu den Guten dieser Welt, er kämpft für ein faire Globalwirtschaft, für eine, die endlich den Hunger stoppt, und die 256 Seiten sind seine jüngste Abrechnung mit dem System. Nicht ganz sieben Minuten bekommt Patel, um seine Botschaft zu verbreiten, dann ist das nächste Thema dran.
Was Patel nicht weiß: Der Auftritt im "Colbert Report" wird sein Leben verändern. Die wenigen TV-Minuten - sie reichen aus, um aus dem Buchautor einen Messias zu machen. Einen wider Willen.
Denn was sich nun abspielt, ist eine pythoneske Bizarrerie, die ihresgleichen sucht. E-Mails treffen bei Patel ein, die ihn fragen: "Bist du der Weltlehrer?" Patel glaubt, den üblichen Internetmüll in seinem Postfach zu haben, wirres Zeug, Schwachsinn, Spam, aber da irrt er sich.
Es sind die Anhänger des britischen Sektengurus Benjamin Creme, die sich bei ihm melden. Seit 1974 sagt Creme die Ankunft des Maitreya voraus, des wiedergekommenen Christus, des Heilands, der die Welt erlösen wird. Der Messias, so wollen es Cremes Weissagungen, wird 1977 als Kind von Indien nach London fliegen und dort aufwachsen, er wird leicht stottern und im Fernsehen auftreten und sich für die Rechte der Armen einsetzen - auf Patel trifft all das zu.
Als die E-Mails nicht abreißen, als Patel auf der Promotiontour für sein Buch von Cremes Anhängern bedrängt wird und sie selbst bei ihm zu Hause in San Francisco auftauchen und mit ihrem Heiland sprechen wollen, reicht es ihm: In seinem Blog vergleicht er sich mit der Hauptfigur des Monty-Python-Films "Das Leben des Brian", die fälschlicherweise für den Erlöser gehalten wird. Er endet mit einem abgewandelten Filmzitat: "Ich bin nicht der Messias. Ich bin nur ein sehr ungezogener Junge." Seine Familie bedruckt sogar ein T-Shirt mit dem Spruch, aber es wird ihm nicht helfen: Denn Creme hatte auch geweissagt, dass der Maitreya seine Rolle abstreiten würde.
Patel aber gibt nicht auf. Er ist ein Akademiker, ein humanistischer Weltbürger, und religiöse Endzeitvorstellungen passen nicht in sein Wertesystem. Er war für Nichtregierungsorganisationen in Simbabwe und Südafrika, und von dort hat er mitgenommen, dass jeder Fortschritt hart erkämpft werden muss. Von Menschen. Die spirituelle Schicksalsergebenheit der Creme-Anhänger frustriert ihn.
"Von der Bibel über ,Knight Rider‘‘ zu ,Matrix‘, die Geschichte ist stets dieselbe", schreibt Patel schließlich Mitte April in einem Aufsatz im "Guardian", "in beschissenen Zeiten kommt eine Person und wird alles richten." Das sei zwar gute Unterhaltung, aber keine Lösung für die Probleme der Welt.
Endlich dann, gute eine Woche später, schaltet sich Creme ein, ebenfalls im "Guardian": Der Sektenführer spricht von einer "dummen Verwechslung" und bedauert die "Unannehmlichkeiten". Patel ist wieder Patel; der Kelch, der Weltlehrer zu sein, ist an ihm vorübergegangen. Oder eher: Er ist weitergewandert.
Denn Creme ist sich sicher: "Unerkannt spricht Maitreya bereits zu Millionen im US-Fernsehen, und seine Ideen und Energien erfüllen viele mit neuer Hoffnung." Die Geschichte vom Heiland, der keiner sein wollte, ist offenbar noch nicht zu Ende.