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Merken   Drucken   27.12.2011, 17:11 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Sargenhafte Geschäfte

In Minnesota lässt ein Tischler seine Kunden ihre eigenen Särge zimmern. 700 Dollar kostet der Kurs, deutlich weniger als ein Standardsarg vom Bestatter. Seit der Finanzkrise kann er über mangelnde Nachfrage nicht klagen. von Sebastian Grundke, Hamburg
Der Umsatz von Randy Schnobrich schwankt kaum mit Jahreszeiten oder Moden. Nur ein konjunkturelles Moment gibt es, dem sein Geschäft unterworfen ist: Wenn es anderen schlecht geht, geht es ihm gut. Schnobrich, ein gelernter Tischler mit Glatze und sauber gestutztem Vollbart, baut seit zehn Jahren in Minnesota Särge. Wenn früher die Aufträge einmal längere Zeit ausblieben, musste er zu seinem Gewehr greifen und Rehe jagen gehen. Doch in letzter Zeit schließt er seinen Waffenschrank nur noch selten auf. Schnobrichs Särge sind nämlich billig, das ist es, was zieht. Und billig sind sie, weil er sie von seinen Kunden selbst zimmern lässt.
"Es ist wie beim Autokauf. Wenn man sich den BMW nicht leisten kann, kauft man eben etwas, mit dem man preiswert von A nach B kommt", sagt Schnobrich. Ganz egal, ob das nun von zu Hause zur Shoppingmall ist oder vom Diesseits ins Jenseits.
Die krebskranke Karla Stromgren zimmerte sich bei Randy Schnobrich ...   Die krebskranke Karla Stromgren zimmerte sich bei Randy Schnobrich ihren Sarg. Ein Tag, nachdem er fertiglackiert war, starb sie
Die Finanzkrise, sagt Schnobrich, zwinge die Menschen, ihre Ansprüche grundsätzlich zu überdenken. "Das wirkt sich positiv auf mein Geschäft aus." Die dreitägigen Sargbaukurse, die der 45-Jährige an der North House Folk School für Handwerkskunst in Grand Marais anbietet, einem Küstenkaff am Lake Superior, kosten 700 Dollar. Holz, Schrauben, Werkzeug und Leim sind da schon mit drin. Ein durchschnittlicher Sarg vom Bestatter hingegen kostet in den USA zwischen 3000 und 5000 Dollar. Und so hat in den letzten Jahren, seit mit Lehman auch der amerikanische Traum kollabierte, die Zahl der Kursteilnehmer ständig zugenommen.
Unter ihnen sind viele alte und kranke Menschen, wie etwa Karla Stromgren. "Als sie das erste Mal in meiner Werkstatt erschien, war ihre Leber bereits so vom Krebs zerfressen, dass sie kaum ihren Schraubenzieher halten konnte", sagt Schnobrich. Immer wieder bot er der 63-Jährigen an, ihr Arbeit abzunehmen. Immer wieder lehnte sie ab. Manchmal weinte sie. Am Ende des Kurses war sie stolz, die Arbeit trotz Krebs und Chemotherapie fast allein geschafft zu haben. Zwei Monate später setzte sich Schnobrich in seinen Wagen und fuhr zu ihr - fünf Stunden durch die Nacht, nach Minneapolis. In Stromgrens winziger Hütte lackierte er das noch unbehandelte Tannenholz ihres Sargs. Einen Tag später war sie tot.

Teil 2: Stille bei der Probefahrt mit dem Sarg

  • Aus der FTD vom 28.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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