Antonio Barroso (M.) und Juan Luis Moreno leiten eine Hilfsorganisation, Karina Barbara Catalán ist eine ihrer Klienten
Denn die zwei Freunde waren bei Weitem nicht die einzigen Kinder, die damals an Zieheltern verschachtert wurden. Barroso und Moreno gründeten im vergangenen Jahr eine Opferorganisation, Anadir, bislang hat sie zusammen mit zwei anderen Organisationen rund 1500 Fälle gefunden. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg nahm das faschistische Franco-Regime ganz gezielt Oppositionellen die Kinder weg.
Anfänglich sollten so ausschließlich "rote Eltern" an der Weitergabe ihres Gedankenguts an die nächste Generation gehindert werden, später dann bereicherten sich die katholischen Eliten des Landes auf Kosten derer, die in ihren Augen kein Recht auf Kinder hatten: ledige und damit sündige Mütter. Erfolgte der politische Kinderraub noch offen, wurde er später verheimlicht: Den Müttern wurde erzählt, ihre Kinder wären kurz nach der Geburt gestorben. Über kirchliche Heime wurden die Säuglinge dann an Paare vermittelt, denen gesagt wurde, die Mütter seien minderjährig, drogenabhängig oder Prostituierte. Hebammen, Ärzte, Nonnen, Priester - alle wussten Bescheid, alle wahrten das Schweigen. Ein Schweigen, das auch nach dem Ende der Franco-Diktatur anhielt. Das Regime und alles, was mit ihm verbunden war, wurde in Spanien tabuisiert, damit erkaufte sich das Land den auch personell nahtlosen Übergang zur Demokratie.
Bis Ende Januar Barroso eine Sammelklage von 261 Fällen bei der obersten Anklagebehörde des Landes einreichte. Seitdem kommen immer mehr Fälle an Tageslicht, richten täglich Söhne im Fernsehen Aufrufe an ihre leiblichen Väter, suchen Mütter ihre Töchter, Zwillinge ihre Geschwister. Während sie ihrer Identität nachforschen, reißen sie die Narben der Vergangenheit wieder auf. Es ist, als wäre ein ganzes Land auf der Suche nach sich selbst.
"Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Sie haben mir mein anderes Leben geraubt", sagt Moreno im Anadir-Büro der Küstenstadt Vilanova i la Geltrú. Er ist ein baumlanger Mann, 41 Jahre jung, und doch schon gebrochen. Nur wenige Jahre alte Fotos zeigen ihn mit vollem schwarzen Haar und lebensfrohen Blick, heute sitzt da ein fast grauer, zerfurchter Mann, den Psychologen durchs Leben leiten müssen. Er ist Beleuchtungstechniker, hat kräftige Hände, die gern zupacken, doch in dieser Geschichte findet er keinen Halt.