Den Tanz vom Börsenparkett hat sie noch gut drauf. Wenn Paola Gloder über Wein redet, dann zackig, mit schnellen, abgehackten Wörtern im Mailänder Dialekt. Die ehemalige Brokerin der Mailänder Börse erzählt, wie sie ihre Kellerei international vernetzte und den Brunello di Montalcino in die Restaurants der ganzen Welt brachte. Menschen wie sie machten Montalcino, einen kleinen Ort in der Toskana, zu einem der berühmtesten Anbaugebiete der Welt. Doch nun ist die Region in einen Panschskandal verwickelt. "Das ist nicht gerade die schönste Zeit von Montalcino", sagt Gloder. Sie fürchtet, dass die Marke Brunello Schaden nimmt - auch wenn sie sich um ihre Kellerei keine Sorgen macht.
Sie gehört zu einer neuen Generation von Winzern, die in den vergangenen 25 Jahren nach Montalcino zogen. Es waren Quereinsteiger, die den Wein zum ersten Mal professionell zu vermarkten begannen. Mit Erfolg - die Umsätze schossen nach oben. Mit dem Brunello di Montalcino, einem der teuersten Weine Italiens, setzen die Winzer mittlerweile 140 Mio. Euro um. Wer in den 80er-Jahren einen Weinberg kaufte, kann ihn heute zum 20-fachen des Preises abstoßen.
Doch nun steckt der Ort zum ersten Mal in einer Krise. Winzern der Region wird vorgeworfen, ihren Brunello gestreckt zu haben. Der Begriff ist markenrechtlich geschützt, die Auflagen sind hoch: Es dürfen nur Trauben der Sorte Sangiovese verwendet werden, die in ausgewählten Lagen angebaut wurden. Nun sollen einzelne Produzenten Merlot beigemischt haben, um ihre Tropfen lieblicher zu machen. Das ist zwar gesundheitlich unbedenklich - aber es ist illegal, den Wein dann weiterhin Brunello di Montalcino zu nennen.
Nun drohen die USA mit einem Importstopp. Bis zum 23. Juni hat das Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau Montalcino Zeit gegeben, den Vorwurf zu entkräften und Kontrollen zu verschärfen. Ein Einfuhrverbot wäre eine Katastrophe für den Ort - die Amerikaner kaufen ein Viertel der Jahresproduktion. Wie viele Weingüter sich unter Verdacht befinden, weiß keiner im Ort. Bekannt wurden nur die Namen der Güter Antinori, Frescobaldi, Argiano und Banfi. Die Staatsanwälte sollen bereits 800.000 Flaschen des Jahrgangs 2003 konfisziert haben.
Manche Käufer reagieren bereits verunsichert. "Die Händler warten ab, wie sich die Situation entwickelt", sagt Claudio Basler, Leiter des Weinguts Altesino. Der 62-Jährige ist ebenfalls Mailänder und wie Gloder in den 80er-Jahren nach Montalcino gekommen. Davor war er Manager der Kinderbekleidungskette Prénatal. Er fordert von seinen Kollegen nun Antworten.
Für Antworten ist Patrizio Cencioni zuständig. Er leitet seit wenigen Tagen das Konsortium der Brunello-Produzenten. Sein Vorgänger war zurückgetreten, weil auch sein Weingut in der Kritik stand. Cencioni verhandelt derzeit mit Labors. Er will herausfinden, ob man den Brunello analysieren könnte, um zu beweisen, dass er zu 100 Prozent aus Sangiovese besteht. Die Chemiker sind aber noch ratlos. Der Regierung in Rom hat zudem eine Expertenkommission eingesetzt, die über die Qualität des Brunello wachen soll. Mit welchen Methoden, ist allerdings unklar.
Ob sich die USA davon überzeugen lassen? Cencioni zuckt mit den Schultern. Er habe letzte Woche mit einer US-Delegation in Siena verhandelt, sagt er. Sein Eindruck sei gut. Ein anderer Winzer sagt unter der Hand, wenn sich die Amerikaner querlegten, dann verkaufe man künftig einfach mehr an die Russen und Chinesen. "Unseren Wein kriegen wir immer los."