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Merken   Drucken   07.02.2011, 14:30 Schriftgröße: AAA

Zukunftsforschung: Das Orakel von Brüssel

Sehr gern würde die EU-Kommission mal einen Blick in die Zukunft werfen. Deshalb hat sie den Ökonomen Rafael Popper beauftragt: Ausgestattet mit 1 Mio. Euro Fördergeld soll er herausfinden, was so alles auf die Menschheit zukommt. von Teresa Goebbels
FTD Herr Popper, Sie als Zukunftsforscher - jetzt mal im Ernst: Haben Sie schon mal was vorausgesagt, das dann auch eingetreten ist?
Rafael Popper Ja. Ich habe etwas vorausgesehen, das mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Als Monika und ich uns das erste Mal geküsst haben, habe ich sie gefragt, ob sie mich heiraten möchte - und sie hat Ja gesagt. Seither haben sich unsere Leben vollkommen verändert - und zwei neue hervorgebracht, die unserer Söhne Ricardo und Samuel.
Sie haben Ihrer Frau nach dem ersten Kuss einen Antrag gemacht? Ganz schön flott!
Popper Na ja, wir haben uns am 1. Mai geküsst, und am 12. trug sie meinen Ring. Aber das ist nur eine persönliche Erfahrung. Es gibt andere Vorhersagen, die das Leben vieler verändern.
Zum Beispiel?
Popper Ein sehr trauriges Beispiel war das Erdbeben im italienischen L'Aquila. Ein Forscher, Giampaolo Giuliani, hatte zahlreiche Hinweise dafür, dass die Erde sehr heftig beben würde. Er lief also mit einem Megafon durch die Stadt und rief: "Wir müssen etwas unternehmen!" Man hielt ihn für einen Spinner. Ein paar Tage später: das Erdbeben. Hunderte starben, Häuser wurden völlig zerstört. Eine sehr traurige Geschichte darüber, wie taub Politiker manchmal sind, wenn sie etwas nicht hören wollen.
Blickt für Brüssel in die Zukunft: Rafael Popper   Blickt für Brüssel in die Zukunft: Rafael Popper
Hört denn jemand auf Sie? Nimmt man Sie überhaupt ernst?
Popper Die EU-Kommission nimmt mich jedenfalls ernst. Immerhin bekomme ich 1 Mio. Euro für das "I Know Futures"-Projekt. Das hier ist kein Scherz.
Aber einige Ihrer Zukunftsszenarien klingen so. Wir heiraten Roboter und sprechen mit Tieren.
Popper Unsere Sammlung für die Datenbank haben wir in keiner Weise beschränkt. Ich kann Ihnen noch ein Beispiel nennen: die Cyber-Kreuzzüge. Massive Sabotage durch Hacktivisten. Das Szenario haben wir in Zeiten vor Wikileaks und den zugehörigen Mastercard-Sabotagen aufgeschrieben.
Wie bekommt man überhaupt so einen EU-Auftrag? Bewirbt man sich da einfach um Fördergelder, oder kommt Brüssel auf einen zu? Ich meine: Was Sie da tun, klingt so ... unorthodox.
Popper Zu dem Projekt bin ich über eine Ausschreibung der EU-Kommission gekommen. Mehr als zehn Gruppen haben Vorschläge eingereicht, wie man Anzeichen künftiger Entwicklungen ausfindig machen kann, die auf dem politischen Radar unentdeckt bleiben, aber Auswirkungen für die Zukunft haben werden. Also habe ich mein Konzept eingereicht ...
... und damit offensichtlich die richtigen Leute überzeugt. Wie funktioniert sie denn nun konkret, Ihre Zukunftsforschung?
Popper Nun ja, zunächst braucht man eine Menge Fantasie. Dann organisieren wir Workshops, interviewen Experten weltweit - es ist eine herausfordernde Arbeit. Einige Szenarien entstehen durch bloße Fortschreibung der Gegenwart. Die sind nicht sonderlich interessant, aber ein guter Ausgangspunkt. Dann überlegen wir: Was könnte noch passieren? Wir erdenken uns die alternative Zukunft. Wir haben festgestellt, dass es Ereignisse gibt, die Menschen normalerweise nicht sehen und untersuchen, deren Eintritt unwahrscheinlich ist, aber extreme Auswirkungen hätte - sogenannte Wildcards.
Zum Beispiel?
Popper Da gibt es viele. Man könnte sagen: 2010 war das Jahr der Wildcards. Etwa bei Naturkatastrophen. Es gab eine nie da gewesene Zahl von Überschwemmungen in Europa, auch in Deutschland. Wildcards sind einfach unerwartete Ereignisse oder deren Konsequenzen - wie die Entdeckung des Penizillins.
Sie erforschen aber nicht nur Wildcards, sondern auch sogenannte schwache Signale. Was muss man sich darunter vorstellen?
Popper Das sind Hinweise auf Ereignisse, die jeder überall entdecken kann. Schwach nennen wir sie, weil sie auf unterschiedliche Weise interpretiert werden können. Wenn diese Hinweise nicht angemessen analysiert werden, können sie sich zu Wildcard-Szenarien mit dramatischen Folgen auswachsen.

Teil 2: "Ich liebe alle Szenarien"

  • FTD.de, 07.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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