Blickt für Brüssel in die Zukunft: Rafael Popper
Hört denn jemand auf Sie? Nimmt man Sie überhaupt ernst?
Popper Die EU-Kommission nimmt mich jedenfalls ernst. Immerhin bekomme ich 1 Mio. Euro für das "I Know Futures"-Projekt. Das hier ist kein Scherz.
Aber einige Ihrer Zukunftsszenarien klingen so. Wir heiraten Roboter und sprechen mit Tieren.
Popper Unsere Sammlung für die Datenbank haben wir in keiner Weise beschränkt. Ich kann Ihnen noch ein Beispiel nennen: die Cyber-Kreuzzüge. Massive Sabotage durch Hacktivisten. Das Szenario haben wir in Zeiten vor Wikileaks und den zugehörigen Mastercard-Sabotagen aufgeschrieben.
Wie bekommt man überhaupt so einen EU-Auftrag? Bewirbt man sich da einfach um Fördergelder, oder kommt Brüssel auf einen zu? Ich meine: Was Sie da tun, klingt so ... unorthodox.
Popper Zu dem Projekt bin ich über eine Ausschreibung der EU-Kommission gekommen. Mehr als zehn Gruppen haben Vorschläge eingereicht, wie man Anzeichen künftiger Entwicklungen ausfindig machen kann, die auf dem politischen Radar unentdeckt bleiben, aber Auswirkungen für die Zukunft haben werden. Also habe ich mein Konzept eingereicht ...
... und damit offensichtlich die richtigen Leute überzeugt. Wie funktioniert sie denn nun konkret, Ihre Zukunftsforschung?
Popper Nun ja, zunächst braucht man eine Menge Fantasie. Dann organisieren wir Workshops, interviewen Experten weltweit - es ist eine herausfordernde Arbeit. Einige Szenarien entstehen durch bloße Fortschreibung der Gegenwart. Die sind nicht sonderlich interessant, aber ein guter Ausgangspunkt. Dann überlegen wir: Was könnte noch passieren? Wir erdenken uns die alternative Zukunft. Wir haben festgestellt, dass es Ereignisse gibt, die Menschen normalerweise nicht sehen und untersuchen, deren Eintritt unwahrscheinlich ist, aber extreme Auswirkungen hätte - sogenannte Wildcards.
Zum Beispiel?
Popper Da gibt es viele. Man könnte sagen: 2010 war das Jahr der Wildcards. Etwa bei Naturkatastrophen. Es gab eine nie da gewesene Zahl von Überschwemmungen in Europa, auch in Deutschland. Wildcards sind einfach unerwartete Ereignisse oder deren Konsequenzen - wie die Entdeckung des Penizillins.
Sie erforschen aber nicht nur Wildcards, sondern auch sogenannte schwache Signale. Was muss man sich darunter vorstellen?
Popper Das sind Hinweise auf Ereignisse, die jeder überall entdecken kann. Schwach nennen wir sie, weil sie auf unterschiedliche Weise interpretiert werden können. Wenn diese Hinweise nicht angemessen analysiert werden, können sie sich zu Wildcard-Szenarien mit dramatischen Folgen auswachsen.