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Merken   Drucken   13.03.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Bahnfahren mit Unbekannten: Auf Gruppenreise mit dem Untergrund-Reiseleiter

Fröhliche Freundeskreise, die für Stimmung im Abteil sorgen: So sieht die Bahn die Käufer ihrer Ländertickets. Tatsächlich kennen viele Gruppenreisende ihre Mitfahrer nicht - sie sind Kunden von Untergrund-Reiseleitern. von Malte Brenneisen, Hamburg
"Drei. Zwei. Eins." Ba-dumm, da war er, der Buckel im Gleis. Björn kann die Sekunden zählen, bis es rappelt im Abteil. Ein Blick aus dem Fenster, und er weiß, wie viele Minuten es noch sind bis zum nächsten Bahnhof. Hamburg-Flensburg, Bremen-Osnabrück, Göttingen-Hannover - Björn kennt die Strecken in Norddeutschland auswendig. Er fährt sie täglich. Geschäftlich. 2500 Euro pro Monat verdient er mit seinem Ein-Mann-Reiseunternehmen für Kleingruppen, die sich noch nie zuvor gesehen haben.
"Bahnhopping" nennt Björn das, was er macht. Die Bahn nennt es anders: Verstoß gegen die Beförderungsbedingungen. Jeden Tag ist Björn mit einem Länderticket unterwegs. Für 29 Euro darf er 24 Stunden im Nahverkehr durch ein Bundesland rollen. Mit vier Mitfahrern. Die Gruppe muss vor dem Reiseantritt festgelegt werden und darf sich unterwegs nicht ändern.
Hab mein Wagen vollgeladen: Auch deutsche Bahnfahrer wissen die ...   Hab mein Wagen vollgeladen: Auch deutsche Bahnfahrer wissen die praktischen Vorzüge einer Gruppenfahrkarte zu schätzen
Björn hat heute schon die dritte Schicht dabei. Vier Mann sind von Hamburg bis Bremen mitgefahren, vier von Bremen bis Osnabrück, in Osnabrück hat er seine Kunden für die Rücktour eingesammelt. Das ganze dreimal am Tag. Von jedem Mitfahrer kassiert er 6 Euro. "Ich bin heute gut gebucht", sagt Björn. 200 Euro wird er heute Abend in der Kasse haben, im Schnitt kommt er am Monatsende auf steuerfreie 2500 Euro. Zusätzlich zu den Hartz-IV-Bezügen. "Wenn ich so weiter mache", sagt der 30-Jährige, "bin ich mit 70 Jahren Millionär." Aber eigentlich hat er ja eine Mission: "Ich verstehe mich als Samariter im Dienste der kleinen Geldbeutel", sagt Björn und lächelt.
Das Geschäft mit den Gruppentickets boomt und schlägt der Deutschen Bahn auf die Kasse. "Bei kommerziellem Missbrauch behalten wir uns rechtliche Schritte vor", sagt ein Bahn-Sprecher. Wie viel Geld der Staatskonzern durch die Bahnhopper verliert, welche Maßnahmen er gegen sie ergreift, sagt er nicht.
Wie viele andere hat Björn auf einem Mitfahrportal angefangen, wo Nutzer täglich Plätze in Bussen, Privatautos oder eben Eisenbahnen anbieten. Bis zu 3000 Bahnmitfahrten werden allein auf Mitfahrgelegenheit.de täglich vermittelt, schätzt Geschäftsführer Michael Reinicke. Mit der Deutschen Bahn habe man schon häufiger zusammengesessen und über das Problem gesprochen. In der Szene munkelt man von Algorithmen, mit denen die Portale professionelle Bahnhopper erkennen.
Björn ist schon lange nur noch offline unterwegs. Er hat einen festen Kundenstamm, junge Familien, Studenten, Arbeitslose wie er selbst. An den Automaten und Bahnsteigen, wo sich Bahnreisende spontan zu Gruppen zusammenfinden, sieht er sich nur um, wenn ihm noch Mitfahrer fehlen. Bei Neukunden ist er vorsichtig, manchmal seien darunter "neue Kollegen von den alten Bekannten": Bundesgrenzschutz, Zoll. "Ich habe ein Auge für die Jungs in Zivil." Auf den Bahnhöfen meidet er Videokameras, Fahrkarten kauft er nie am Schalter, nur am Automaten.

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  • FTD.de, 13.03.2011
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