Der Autor und Bergsteiger Reinhold Messner
FTD: Herr Messner, wenn Sie morgens wach werden, denken Sie dann manchmal überrascht: Ich lebe ja noch?
Reinhold Messner: Nein. Ich weiß, dass ich viel Glück gehabt habe. 50 Jahre lang Grenzgänge zu überleben lässt das Leben nicht als selbstverständlich erscheinen.
FTD: Sie haben als Extrembergsteiger den Tod oft herausgefordert. Was ist der Reiz daran, sich in solche Gefahren zu begeben?
Messner: Reiz ist das falsche Wort. Ein Abenteurer geht in die Wildnis, um das Überleben zu fühlen. Das Bergsteigen ist interessant, weil es anarchische Züge hat: Ich gehe in eine Welt, in der die Regeln und die Gesetze unserer modernen Zivilisation nicht mehr gelten. Ich lebe dann mit meinem Partner zusammen in dieser archaischen Welt der Gesetzmäßigkeiten, die in uns Menschen stecken, und der Gesetzmäßigkeiten, die in der Natur stecken.
FTD: Was sind das für Gesetzmäßigkeiten?
Messner: Das reicht von der Gravitation bis hin zur Selbsterhaltung. Also: Wenn ein Stein oben am Berg liegt, ist das gefährlich wegen der Gravitation. Denn alles, was oben liegt, kommt früher oder später herunter. Und dem habe ich mich unterzuordnen.
FTD: Testen Sie das Überleben?
Messner: Nein. Die Urmotivation ist der Versuch, an der Grenze des Möglichen zu überleben. Früher befanden sich die Menschen ununterbrochen in dieser Enge zwischen: Geht das, oder geht das nicht? Sie hatten immer zu kämpfen - gegen Hunger, wilde Tiere, Naturgefahren. Heute haben wir das Gefühl, wir würden relativ sicher leben. Wir haben eine Altersvorsorge, wohnen in einem Haus, neben uns ist eine Bar oder ein Café. Uns fehlt nichts, glauben wir. Aber das ist eine Pseudosicherheit. Die Gefahren heute sind unsichtbar. Die Gefahren in der Natur dagegen kann ich riechen oder sehen, wenn ich erfahren bin. Ich kann mich darauf vorbereiten. Ich halte das heutige New York für gefährlicher als den Gipfel des Mount Everest.
FTD: In dem Südtiroler Dorf Villnöß, aus dem Sie stammen, sieht man das vermutlich anders. Dort hieß es früher: Jeder, der über 2000 Meter hochgeht, ist verrückt.
Messner: Ja, und das ist auch vernünftig, denn das Land weiter oben ist nicht mehr bewohnbar oder nutzbar. In den Alpen ist man gewöhnlich nicht über 2200 Meter hochgegangen, so haben es auch die Villnösser gehalten.
FTD: Sie sind aber viel höher gestiegen, und die Villnösser fanden Sie ziemlich verrückt.
Messner: Natürlich. Was die Bergsteiger in den letzten 200 Jahren gemacht haben, zeigt unsere viktorianische Vorstellung vom Dasein: Wir haben angefangen, diese Bergwelt, diese Gipfel, die ja unnütz sind, zu erobern. Im Grunde ist das lächerlich.
FTD: Vielleicht geht es darum, die letzten Flecken unberührte Natur zu erobern?
Messner: Es geht beim Bergsteigen nicht um die Natur draußen, sondern um die menschliche Natur. Das Bergsteigen ist nicht eine Reise in die Berge, sondern eine Reise zu sich selbst.
FTD: Genießt man nicht einmal das Panorama, wenn man oben ist?
Reinhold Messner: Das Panorama spielt eine sekundäre Rolle. Oft dient es nur als Ausrede.
FTD: Das Gefühl auf dem Gipfel soll auch gar nicht so toll sein. Der Mensch verträgt die dünne Luft nicht.
Messner: Richtig. Das Atmen tut weh, jeder Schritt ist mühevoll, Appetit hat man nicht, und der Zustand ist Apathie. Der Mensch wird auf seine Überlebensfähigkeit reduziert.
FTD: Ihr nächstes Buch befasst sich wieder mit dem Nanga Parbat, einem der anspruchsvollsten Achttausender im Himalaja. Sie sind bei der Besteigung 1970 fast gestorben, Ihr Bruder Günther ist umgekommen. Wie hat dieses Drama Sie verändert?