Stilettos klackern nervös auf dem Kopfsteinpflaster, der Abendwind föhnt blonde Mähnen, Dekolletés glitzern. Seidenschals werden gezupft und knappe Capes noch etwas enger gezogen. Albert Morris' schwarz-graue Strickjacke ist die mit Abstand schlichteste Kutte in der Endlosschlange vor Sydneys Cargo Theatre. Miro, Platzanweiser und Regent der ersten Reihe, winkt den Herrn im Cardigan gleich nach der Fotografenhorde in den Saal. Morris ist erschöpft, aber gut gelaunt. Für den Einkäufer von Londons trendsicherem Modehaus Browns ist es die letzte von über 60 Schauen der Rosemount Australian Fashion Week (RAFW), und er sitzt nur noch aus reiner Lust im Saal. Schwärmerisch rollt er mit den Augen, nach Maßstäben britischen Understatements fast ein Ausbruch an Emotionalität. "Akira Isogawas Sachen sind wunderbar", raunt Morris. "Ich habe schon gekauft." Er grinst, als sei ihm ein besonderer Streich gelungen: "Alles." Dann lehnt der Gentleman in Grau sich auf seinem Klappstuhl zurück und sieht zu, wie halb Sydney mit König Miro um die besten Plätze flirtet.
Der Engländer ist 12.000 Kilometer weit geflogen, um Australiens Modefest zu sehen. Jedes Jahr im Frühling zeigen sie dort die Mode der nächsten Sommersaison, die in Australien im europäischen Winter beginnt. Das, was er sah, hat ihn fast ausnahmslos begeistert. "Manches war mir etwas zu dunkel", sagt Morris. "Aber die meisten der Designer sind umwerfend unbeschwert und offen. Sie haben viel Sinn für Humor und sind dabei wunderbar selbstbewusst."
Das war längst nicht immer so. Als Simon Lock, langbeiniger Visionär, Skilehrer und PR-Genie, die Australian Fashion Week 1995 gründete, hatte der Rest der Welt von den meisten der Modemacher noch nie etwas gehört. Mit Ausnahme vielleicht von Collette Dinnigan, deren Entwürfe es damals schon nördlich des Äquators gab. 13 Jahre später ist die Fashion Week ein Spektakel: Aus einem Dutzend Shows wurden mehr als 60, über 100 Designer aus Australien und Neuseeland zeigen ihre Kollektionen. Und mehr als 100 Einkäufer aus aller Welt gucken zu. Dazwischen tummeln sich nationale Prominenz und Medienvolk. Und dies nicht mehr wie einst in einer öden Messehalle, sondern im Überseeterminal direkt am Wasser: zwischen Hafenbrücke und Oper mit der glitzernden Skyline im Hintergrund.
Dass ein Modeereignis in der ersten Liga angekommen ist, erkennt man nicht zuletzt daran, dass es seine eigenen Skandälchen produziert. Und bitte: Zu dünne Models werden bei der RAFW zum Essenfassen, zu junge nach Hause geschickt, Verdienstkreuze auf coolen Blazern erzürnen Kriegsheimkehrer, TV-Stars halten in der ersten Reihe die falschen Händchen. "We love Fashion Week", jubeln die Klatschblätter, derweil ihre Autoren auf ausufernden After-Show-Partys verloren gehen.
Und natürlich wird Geld gemacht, jedes Jahr ein bisschen mehr. 2 Mio. australische Dollar brachten die Verkäufe anfangs in die Kasse, mittlerweile sind es über 100 Mio. australische Dollar, das sind 60 Mio. Euro. Vergangenes Jahr exportierte Australiens junge Modebranche Kleider für über 146 Mio. Euro. Das blieb auch international nicht ungesehen. RAFW-Erfinder Lock, ganz Visionär, verkaufte die Fashion Week vor zwei Jahren dem amerikanischen Modelkonzern International Management Group (IMG). Die Parade dirigiert er weiterhin höchstpersönlich. Und zieht den Hut vor Australiens Designern, die derlei Erfolg erst möglich machen.
Von Ksubis ultralässigen Surferjeans bis hin zu Alex Perrys pompösen Abendroben: Modekennern fallen beim Stichwort Australien längst nicht mehr nur Billabong und Surferklamotten ein. 60 Label vom fünften Kontinent werden mittlerweile in Europa und den USA, in Hongkong und Singapur ebenso wie in Japan, China und Indonesien verkauft.
Teil 2: Ein wenig Neon um die Augen