Weiße Jachten dümpeln im türkisblauen Wasser der Bucht von Luanda. Auf der geräumigen Terrasse des Cais de Quatro spenden elegante weiße Schirme Schatten, eine frische Brise sorgt für Kühlung, unter dem Fußboden plätschert das Meer. Und die Aussicht! Die untergehende Sonne spiegelt sich in den verglasten Geschäftstürmen und Apartmentblocks wider, streichelt zart die rote Kuppel der Zentralbank, verfängt sich zwischen den Mauern der Festung. Auf der Karte stehen Gänseleber und Käse aus Frankreich, Mineralwasser und Wein aus Portugal, immerhin die Langusten kommen aus heimischen Gewässern. 100 Dollar pro Person sind hier eher knapp gerechnet.
Für Angolas Ölmetropole beinahe billig. Fast über Nacht haben die ergiebigen Quellen vor der Küste die Oberschicht reich gemacht. Seit fünf Jahren liefert sich Luanda ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Tokio um den Titel "teuerste Stadt der Welt". Die Preise steigen in immer absurdere Höhen, seit es Petrodollar regnet in einem Land, das kaum etwas produziert außer einer überbordenden Bürokratie.
Der erste Preisschock trifft den Besucher gleich am Flughafen. Hier zerrt kein Taxifahrer an deinen Kleidern, um dich in sein Auto zu bekommen. Erst nach langem Suchen finde ich zwei Taxis, die abseits auf einem Parkplatz stehen. Die Fahrer dösen auf den zurückgelegten Sitzen und sind sichtlich sauer, als ich ihre Siesta unterbreche. Über den Fahrpreis wollen sie schon gar nicht verhandeln: Für die sechs Kilometer ins Zentrum werde ich 50 Dollar zahlen.
Der Mietwagen, den ich bei Europcar reserviert hatte, sollte 100 Dollar pro Tag kosten. Nur leider ist die Airport-Niederlassung nicht aufzufinden. Und unter der Telefonnummer, die ich bei der Internetbuchung bekommen habe, meldet sich ein Baukonzern. Ja, früher habe die Nummer dem Autovermieter gehört, sagt die Telefonistin. Den neuen Anschluss wisse sie leider nicht. Die Sixt -Niederlassung ist auf Tage im Voraus ausgebucht, die lokalen Reisebüros nehmen 250 bis 300 Dollar pro Tag für ein Auto mit Fahrer, dazu Kilometergeld und Nebenkosten.
Das Taxi schleicht durch den Dauerstau von Luanda zu meiner Unterkunft. Lange, lange habe ich vor der Reise nach einem Zimmer gesucht, das zumindest ansatzweise mit der Spesenordnung vereinbar ist. 150 Dollar werde ich in dem kleinen Gasthaus zahlen, das einem ehemaligen russischen Militärberater und seiner angolanischen Ehefrau gehört. Viel kann ich dafür nicht erwarten: "In Luanda muss man pro Stern etwa 100 Dollar rechnen", sagt ein deutscher Unternehmer, der seit sieben Jahren in Luanda deutsche Maschinen und Ersatzteile vertreibt.
Im ersten Haus am Platze, dem Fünfsternehotel Epic Sana kostet ein Zimmer ab 450 Dollar, Dreisternestandard ist mit Glück für 250 Dollar zu haben. Mit gutem Service braucht man indes auch in diesen Häusern nicht zu rechnen. Warum auch? Es gibt kaum Konkurrenz, und die Preise sind ruiniert, seit die Ölkonzerne vor zehn Jahren nach Luanda kamen. Sie fanden nach fast 30 Jahren Bürgerkrieg kaum Hotels vor und zahlen seitdem jede Summe, um ihre Mitarbeiter unterzubringen. Touristen verschlägt es dagegen bis heute so gut wie gar nicht nach Luanda - kein Wunder bei diesen Preisen.
Wir fahren durch Straßen, die an die Heroen der Weltrevolution erinnern: Lenin, Ho Chi Minh, Che Guevara, Karl Marx. Leider hat der Kommunismus im Land auch noch unschönere Spuren hinterlassen, vor allem einen staatlichen Dirigismus, der bis heute die Eigeninitiative unterdrückt. Vor allem im Dienstleistungsbereich, wie ich am nächsten Morgen bei der Taxisuche lerne. Auf der Straße findet man keins, und wer morgens bei einer Funkzentralen anruft, kommt selten durch. Wenn es mal klingelt, nimmt oft keiner ab. Und wenn einer abnimmt, ist Vorsicht geboten: Auf Luandas chronisch verstopften Straßen wird aus den angekündigten 30 Minuten Wartezeit gern mal eine Stunde. Wer sich an den hohen Preisen stört, hat Pech: Es gibt genug andere, die schon auf dein Taxi warten.
Es sind aber vor allem die Mieten, die Luanda so teuer machen. In der Stadt gibt es nur wenig Wohnraum, der dem westlichen Standard entspricht. Da Stromausfälle zum Alltag gehören, braucht jede Wohnung einen Generator, um die Klimaanlage anzutreiben. Und einen privaten Wassertank auf dem Dach, falls die städtische Wasserversorgung unterbrochen wird. Das treibt die Preise hoch. Ein kleines Apartment in Zentrum kostet gut 5000 Dollar im Monat, ein Haus auf der Ilha 15.000 bis 20.000 Dollar. "Das schlagen wir alles auf den Preis der importierten Waren drauf", sagt der deutsche Unternehmer, der selbst auf der Ilha residiert. Und weil alles eingeführt wird, sind die Lebenshaltungskosten extrem hoch. Der Kreis schließt sich.
Wer es sich leisten kann, der zieht in die moderne Trabantenstadt Luanda Sul, von der Regierung für die neue Oberschicht aus dem Boden gestampft. Die Villenviertel dort sehen aus wie die Wohnanlagen in Florida: Einstöckige Häuser sind von Hecken und Palmen umgeben, gleich nebenan befinden sich Swimmingpools, Tennis- und Basketballplätze. Man kann es sich im Country Club gut gehen lassen, wo die Mitgliedschaft 5000 Dollar pro Jahr kostet, oder im Belas Shopping, dem ersten modernen Einkaufszentrum des Landes, überteuerten Chic aus Brasilien und Portugal einkaufen.
Eine Villa in Luanda Sul ist ab 1,5 Mio. Dollar zu haben, erklärt mir eine elegante Maklerin in ihrem eisig klimatisierten Büro. Sie mustert mich vom Kopf bis Fuß, und wendet sich mit schlecht verhohlener Enttäuschung wieder ab. Meine leicht abgewetzten Mokassins verraten sofort, dass ich nicht der Mann bin, der solche Summen aufbringen kann. In Angola können sich nur hohe Staatsbeamte und Parteifunktionäre, Militärs und Ölmanager so ein Haus leisten. Dennoch sind die meisten Villen bereits ausverkauft.
Ach, Luanda! "Aus der Ferne ist Luanda schön, strahlend und anziehend", schreibt der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa. Doch wer sich hineinbegibt, erlebt Chaos und schreiende Gegensätze. Sechs bis acht Millionen Menschen drängen sich hier auf einem Areal, das die portugiesischen Kolonialherren einst auf maximal 500.000 Einwohner ausgelegt hatten.
Im Schatten der verspiegelten Bankpaläste und Hotels wuchern armselige Slums, die immer noch nicht an die Kanalisation angeschlossen sind. Blechlawinen verstopfen die Straßen, Stoßstange an Stoßstange kämpfen sich neue Range Rover und klappernde japanische Minibusse durch das Zentrum. An jeder Kreuzung schwärmen Händler mit Plastikspielzeug aus China, gefälschten Markenbrillen und Bananen umher. Ein Kilo 5 Dollar.
"Senhor", sagt die Kindfrau mit einem Baby auf dem Rücken. "Mein Baby hat Hunger." Ein Burger bei einer der lokalen Ketten kostet 10 Dollar, denn auch das Fleisch und das Mehl für die Brötchen müssen importiert werden. Und die Konkurrenz schläft auch in der Gastronomie: Luanda gehört zu den wenigen Hauptstädten, die immer noch kein McDonald's haben.
Wer in Luanda nur über ein kleines Budget verfügt, muss in die Viertel der aufstrebenden Mittelklasse eintauchen, in Samba oder Sambizanga. Weiße verirren sich selten hierher, aber das Leben ist preiswerter, und die Angolaner sind gastfreundlich. Hier gibt es keine verspiegelten Wohntürme, sondern schlichte ein- und zweistöckige Betonhäuser mit Wellblechdächern, die sich dicht an dicht drängen. "Hier kennt jeder jeden", sagt China, die als Barfrau in Sansibar arbeitet. "Nichts entgeht den Blicken der Nachbarn."
Und das Hühnchen vom Grill mit Kochbananen schmeckt auch nicht schlechter als die Languste im Luxusschuppen auf der Ilha.