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Merken   Drucken   13.10.2012, 09:00 Schriftgröße: AAA

Businessclass: Die Sesselspiele der Airlines

Wie ordnet man im Flieger die Sitze an? Für die Economy ist das selbsterklärend, nicht aber für die Businessclass. Seit Jahren puzzeln die Airlines an einer optimalen Liegesesselchoreografie - mit faszinierenden Ergebnissen.
© Bild: 2012 Getty Images/Stephen Brashear
Wie ordnet man im Flieger die Sitze an? Für die Economy ist das selbsterklärend, nicht aber für die Businessclass. Seit Jahren puzzeln die Airlines an einer optimalen Liegesesselchoreografie - mit faszinierenden Ergebnissen.
von Vera Görgen, Berlin

Früher herrschte noch Ordnung in der Businessclass. Die Sitze standen in Reih und Glied, und wer voraussagen wollte, wie zerknautscht er in Singapur ankommen würde, brauchte nur drei Angaben: Erstens: Sitzlänge. Zweitens: Sitzbreite. Drittens: Wie weit kann ich die vermaledeite Rückenlehne nach hinten kippen?

Heute geht es da vorne zu wie beim Wasserballett. In immer komplexeren Mustern ordnen die Airlines ihre Sitze an, und der Vielreisende muss ein Vokabular lernen, das sich liest wie das Stoffsortiment beim Herrenschneider: Fischgrät. Umgekehrtes Fischgrät. Versetzt. Füßel-Fischgrät. 1-2-1.

Auf Reiseblogs und Buchungswebsites ist die Bestuhlungs-Exegese in vollem Gang: Welche Anordnung bietet den meisten Platz, die meiste Intimsphäre, die besten Bedingungen für Paare und natürlich: den bequemsten Weg um die Beine des schnarchenden Nebenmanns herum?

Grund für die neue Designvielfalt ist der Full-Flat-Seat - der zum flachen Bett ausklappbare Sitz, den British Airways im Jahr 2000 als erste Fluglinie einführte. An dieser Innovation kam die Konkurrenz nicht vorbei - so rüstet auch die Lufthansa seit diesem Jahr Maschinen mit Full-Flat-Sitzen aus.

Was die Innenausstatter vor Probleme stellt: Weil die Reisenden endlich nicht mehr auf Textil- und Lederrutschen schlafen müssen, sondern sich richtig ausstrecken können, passen ihre Beine nicht mehr unter den Sessel des Vordermanns. Womit das klassische Raster ausgedient hat - die Sitze müssten so weit auseinanderstehen wie in der First.

So steht jede Airline vor der Frage: Wie zwänge ich die meisten Sitze in den Rumpf, ohne dass die Geschäftsreisenden meutern? Ständig findet die Branche neue Antworten darauf - je nachdem, was Kundenbefragungen ergeben, welche Strecken sie bedient und was die Konkurrenz anbietet. Und jedes Layout vermittelt ein ganz anderes Reisegefühl.

Versetzt   Versetzt

Wie schön, wenn die Plätze von Sitzreihe zu Sitzreihe leicht versetzt sind, sodass kein direkter Vordermann den Blick auf die Leinwand versperrt! Was im Kino funktioniert, sorgt auch an Bord für mehr Komfort. "Die meisten Optionen bietet die versetzte Konfiguration", sagt Andrew Wong von der Flugratgeberseite Seatguru.com. Die japanische ANA und Brussels Airlines setzen sie ebenso ein wie Swiss in ihrer vielgelobten neuen Businessclass. Durch die versetzte Anordnung kann man seine Beine unter dem Beistelltisch des Vordermanns ausstrecken. Vorteil: "Alle Passagiere haben direkten Zugang zum Gang - auch die am Fenster", urteilt Wong. Nachteil: "Der Sitz ist oft ein bisschen kurz und der Platz für die Füße ein bisschen begrenzt."

In die Boeing 777 passt bei den meisten Fluggesellschaften eine 2-3-2-Anordnung - also zwei Sitze am Fenster und drei im Mittelgang. "Singapore Airlines  aber bietet 1-2-1", sagt Wong. "Sie haben sich für sehr, sehr breite Sitze entschieden, weil sie auf dem Langstreckenmarkt konkurrieren. Dementsprechend sind sie teurer als ihre Wettbewerber." Das Platzproblem löst Singapore mit einer Einbuchtung im Sitz des Vordermanns, in die das Fußende des ausgeklappten Bettes passt.

Vorwärts-rückwärts   Vorwärts-rückwärts

"Entschuldigung, können wir tauschen? Ich kann nicht gegen die Fahrtrichtung sitzen." Dieses beliebte Zuggespräch können jetzt auch die Passagiere von United Airlines und British Airways führen. Hier ist jedes Sitzpaar in Vorwärts-rückwärts-Position aufgestellt, die Hälfte der Geschäftsreisenden wendet dem Bug also den Rücken zu. Mag nicht jeder, ist bei einer Bruchlandung aber tatsächlich die sicherste Position. Fluglinien schätzen diese Konstellation als besonders platzsparend: Weil der Mensch oben breiter ist als unten, fügen sich die Sitze in Liegeposition nahtlos ineinander. Nachteil: Wer den Fensterplatz hat, muss über die Beine des Sitznachbarn steigen.

Fischgrät   Fischgrät

Ein Fischgrätmuster ziert nicht nur den Maßanzug, es erfreut auch im Flugzeug den Alleinreisenden: Die Sitze stehen nicht parallel zum Rumpf, sondern schräg. Das Ergebnis: Mehr Abstand zum Kopfende des Nebenmanns - und freier Zugang zum Mittelgang auf allen Plätzen. "Diese Konfiguration bietet sehr viel Privatsphäre", sagt Wong. Ausprobieren kann man sie bei Virgin Atlantic, Air New Zealand, Delta  und Air Canada - noch, denn die schief stehenden Sitze - auf Englisch: Herringbone - bedeuten für die Fluglinien die unergiebigste Anordnung: "In einen Airbus A330 oder A340 passten ursprünglich in jede Reihe dreimal zwei Sitze, also 2-2-2", erklärt Wong. "Mit Herringbone reduziert sich das auf 1-1-1. Die Airlines nehmen also einen Verlust hin, wenn sie die Preise nicht erhöhen."

Staffel-Fischgrät   Staffel-Fischgrät

Gut, wenn man im Geometrie-Unterricht aufgepasst hat. Mit einem einfachen Kunstgriff hat Virgin Atlantic dem platzraubenden Fischgrät einen zweiten Sitz in der Mittelreihe des A330 abgetrotzt. Wie bei einer Ähre ragen die Betten leicht versetzt nach rechts und links. Hat ein bisschen was von Reihenhaussiedlung, aber wenn Ihnen das zu intim ist, schnuppern Sie doch mal in die Holzklasse rein.

Umgekehrtes Fischgrät   Umgekehrtes Fischgrät

Nicht jeder mag seinen Mitpassagieren ständig auf die Füße gucken. Wohl auch deshalb hat Cathay Pacific letztes Jahr die "Reverse Herringbone"-Sitzordnung eingeführt, bei der die Sitze nicht schräg zum Gang hin, sondern schräg vom Gang weg weisen - das soll sich natürlicher anfühlen, auch wenn die Passagiere den Stewardessen nun die kalte Schulter zuwenden. Am Fensterplatz ist man damit bestens abgeschottet. "Geschäftsreisende schätzen das sehr", sagt Wong. Wer mehr menschliche Wärme braucht: Bei breiten Flugzeugtypen, in deren Mittelgang zwei Sitze passen, laufen dort die Fußenden aufeinander zu. Vielleicht wird ja was draus.

Füßel-Fischgrät   Füßel-Fischgrät

Zum Programm wird das Füßeln bei der neuen Businessclass der Lufthansa , spotten Blogger. Aber es ist ja nicht jeder darauf aus, sich an Bord bestmöglich abzuschotten. Als Luxus-Einzelhaft geißelt etwa Tyler Brûlé, ständig reisender Herausgeber des "Monocle"-Lifestylemagazins, die Schlaf- und Arbeitswaben an Bord mancher Airlines. So ähnlich müssen auch die Passagiere empfinden, die die Lufthansa befragt hat. Offene Sitze statt Kokons wollten die Kunden - und nach vorne gucken. Seit diesem Jahr baut der deutsche Marktführer nun Full-Flat-Sitze ein, in einer eigenen Variante das Fischgrätmusters. Sechs Sitze pro Reihe, je zwei davon stehen schräg mit den Fußenden zueinander. Wie drei V, deren Spitzen zum Bug weisen. Wer also die traditionelle 2-2-2-Anordnung gewohnt ist, muss sich kaum umstellen. Leider auch nicht, was die Nachteile des Fensterplatzes angeht: Wer hier sitzt, muss weiter über den Nachbarn steigen. Kluge Reisende sichern sich also nach wie vor besser den Gangplatz. "Sie haben genug Privatsphäre, können sich aber auch gut unterhalten", sagt Andrew Wong. "Außerdem lassen diese Sitze mehr Platz für Schultern und Arme."

  • FTD.de, 13.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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