In Dubai war's, daran erinnert sich Joachim Bos noch gut. Eine unvergessliche Nacht: Bos schlief in einem Bett, so bequem wie keins vorher. Um das Geheimnis dieses besonderen Schlaferlebnisses zu ergründen, ging der Event-Marketing-Fachmann so weit, das Bett auseinanderzunehmen - und stieß auf eine Matratzenauflage, 15 Zentimeter hoch, "aus weichsten, körperumschmeichelndsten Daunen". Mit einem Etikett dran, darauf stand "Mühldörfer" - eine deutsche Firma, über deren Webseite Bos den Topper schließlich kaufen konnte. Seitdem schläft er auf Dubaier Fünf-Sterne-Niveau - daheim in Hamburg.
Zu Hause ist es eben doch nicht notwendigerweise am schönsten. "Menschen verbringen ihre Zeit, ob beruflich oder privat, gerne in Sternehotels", sagt Stefan Thomsen vom Onlineportal Hotel4home. "Sie erleben dort eine Welt voller Geschmack und schöner Dinge, die sie gerne kaufen würden." So hochwertig und geschmackvoll, dass man sie am liebsten einfach mitnehmen würde. Oder eben kaufen.
Viele große Hotelketten vermarkten daher bereits ihre Betten, Bademäntel, Handtücher oder Körpercremchen nebenher. Inzwischen kann man sogar schon Geschirr, Waschbecken, Weine, Vasen, Lampen, Schränke oder Sessel aus den Zimmern kaufen. Und wo die Hotels dieses Zusatzgeschäft nicht selbst in die Hand nehmen, kümmern sich unabhängige Anbieter im Internet darum.
Hotel4home zum Beispiel arbeitet mit Hotels ab vier Sternen zusammen und mit Herstellern, die für solche Häuser produzieren. Wer immer schon einen randlosen Rasierspiegel haben wollte wie jenen aus dem Badezimmer des Grand Hotel Wien, der wird auf der Website ebenso fündig wie derjenige, der zu Hause mit dem Besteckset aus dem Kurhaus Binz speisen und dazu den Winzersekt aus dem Hotel "Die Sonne" in Frankenberg schlürfen will. Zu den Topsellern bei Hotel4home gehören übrigens die Kissen und der Kaffee der Hotelkette Travel Charme.
"Für unsere Kunden sind diese Produkte eine Erinnerung an einen besonders schönen Urlaub - oder einfach ein Stück der exklusiven Hotelwelt, das sie sich nach Hause holen können", sagt Thomsen. Dazu kommt, dass Hotelprodukte - vom Profi ausgesucht, von Hunderten Gästen getestet - idealerweise höchsten Ansprüchen genügen. "Qualität ist für mich das allein selig machende Kriterium", sagt Hotelgast Joachim Bos. "Und über die Qualität erfahre ich nur etwas, wenn ich das Produkt sehe, anfasse und ausprobiere." Genau das ist im Hotel möglich, wo man auf der Matratze nicht nur Probe liegen, sondern eine ganze Nacht unter Realbedingungen schlafen kann.
An Hotelprodukten interessiert sind dann auch hauptsächlich Menschen, die sie viel in ihrer natürlichen Umgebung erleben, sprich: die viel reisen. Um an die begehrten Requisiten heranzukommen, brauchen sie allerdings etwas Hilfe - entweder vom Hotel selbst oder von Shoppingportalen im Netz. "Vor ein paar Jahren hat sich meine Frau mal in einen Zahnbürstenhalter in Indonesien verliebt", erzählt Bos. "Aus Edelstahl. Es war ein Heidenaufwand, den zu bekommen." Auf Englisch radebrechend beim indonesischen Hotelpersonal die Herkunft eines Zahnbürstenhalters zu erfragen ist nicht für jeden das perfekte Urlaubserlebnis. Wer darauf keine Lust hat, kann diese Aufgabe aber auch delegieren. Zum Beispiel an das Team von Discover & Deliver.
Der britische Onlineshop handelt mit Designermöbeln und Einrichtungsgegenständen aus Hotels mit besonders ausgefuchster Innenarchitektur. Jeder, der schon einmal den Stuhl, die Lampe oder die Kommode seines Lebens - das Stück, das wie kein zweites ins heimische Wohnzimmer passt - in einem Designhotel entdeckt hat, kann hier fündig werden. Eine ganze Reihe von Hotels kooperieren bereits mit Discover & Deliver. Die schönsten Stücke aus diesen Häusern werden auf der Webseite vorgestellt und können direkt dort gekauft werden. Und falls das Designobjekt aus einem anderen Hotel kommt, recherchiert das Team für 30 Euro Gebühr nach Fotovorlage Designer, Hersteller und Händler. Wenn es nicht erhältlich ist, schlagen die Rechercheure eine Alternative vor.
Zehn bis zwanzig solcher Rechercheanfragen erreichten Discover & Deliver in der Woche, sagt Isabel Rutland. Sie hatte die Idee für den Onlineshop, als sie sich auf der Suche nach Möbeln für ihr erstes Haus an all die schönen Tische, Sessel und Betten aus Hotels erinnerte, in denen sie mal zu Gast gewesen war. "Hotels sind Designlaboratorien, in denen man außergewöhnliche Stücke entdecken kann", sagt sie. "Der Trend der Boutiquehotels, die Zimmer möglichst gemütlich und geschmackvoll einzurichten, ist auch auf die größeren Häuser übergesprungen."
Zu den Verkaufsschlagern von Discover & Deliver gehören die Sessel des brasilianischen Designers Sergio Rodrigues. Sein Safari-inspirierter Kilin-Sessel aus dem Jahr 1973 schmückt die schlichte Lobby im The James New York genauso wie die poppig-moderne Sitzecke des Belgraves in London. Kunden können sich so inspirieren lassen, wie sie den Designklassiker am besten in die eigene Innenarchitektur integrieren. Oder sie können sehen, wie im Hôtel Recamier in Paris das Rokoko des Beistelltischs "Calista" mit dem ausgeflippten Coco-Spiegel von Ochre kombiniert wurde - und beide Stücke anschließend online bestellen.
Dass Edelhotels den Exklusivitätsvorsprung einbüßen, wenn sich jeder Rodrigues' Kilian-Sessel oder die hauseigene Konfitüre des Kameha Grand Bonn nach Hause ordern kann, glauben die Portalgründer nicht. "So einfach geht Exklusivität nicht verloren", sagt Rutland. "Wenn die Hotels ein teures Gemälde in der Lobby hängen haben, halten sie ja auch nicht geheim, wer es gemalt hat." Es sei ein Vorteil, wenn Kunden auf diesem Wege erführen, wie viel die Häuser in Ausstattung und Service investieren. Für ihn als Gast sei die Einrichtung auch eher eine Inspiration als eine Kopiervorlage, sagt Hotel4home-Kunde Bos. "Zu Hause will ich mich ja trotzdem nicht wie im Hotel fühlen. Aber das Zusammenspiel verschiedener Stile und Gegenstände in der Gestaltung kann sehr anregend sein."
Ein Fall für das Rechercheteam von Discover & Deliver wären vermutlich auch die Ledersessel in der Lobby des 25 Hours in Hamburg - Originale aus den 60er- und 70er-Jahren. "Nach denen werden wir oft gefragt - aber das ist alles Vintage und nicht mehr erhältlich", sagt Marketingmanager Moritz Böhlke.
Stattdessen können Gäste im Hotelkiosk die Produkte kaufen, die sie während ihres Aufenthalts kennengelernt haben. Zum Beispiel die Seife, die in jedem Badezimmer des 25 Hours bereitsteht. Gern genommen werde auch Elbgold-Kaffee oder der Tee der Firma Samova vom Frühstücksbuffet, verrät Concierge Marten. Kein Wunder: Alles wird in Hamburg hergestellt oder verarbeitet - und eignet sich damit ideal als Mitbringsel.
Für die Hotels hat das Vermarkten der Produkte aus dem laufenden Betrieb - ob über Onlineportale oder in Eigenregie - gleich mehrere Vorteile. "Für uns ist das einerseits eine gute Absatzmöglichkeit; andererseits stärken diese Produkte die Kundenbindung", sagt Andrew Flack, Vizepräsident der Marketingabteilung von Hilton Hotels & Resorts. Einen weiteren netten Nebeneffekt verrät 25-Hours-Manager Böhlke: Ein Renner im Kiosk sei das Schlafschaf, ein Kuscheltier, das auf jedem Zimmer zu finden ist. "Seit die Gäste sehen, dass sie das Schaf ganz einfach im Kiosk kaufen können, geht es sehr viel seltener mit ihnen auf Reisen."
Anders gesagt: Wer weiß, dass er den flauschigen Hotelbademantel bequem von zu Hause ordern kann, gerät nicht in Versuchung, ihn zu klauen.