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Merken   Drucken   29.04.2012, 11:00 Schriftgröße: AAA

Japanisches Mikrobier: Ein Kanpai* der Gemütlichkeit

Japan war nie berühmt für seine Biere. Das ändert sich gerade: Mikrobrauereien sind dank ihrer Kürbis-, Kirschblüten- oder Grapefruitbiere groß in Mode. Nirgends kann man diese obskuren Kreationen schöner genießen als in Tokio.
von Sonja Blaschke, Tokio

Hoffentlich halten die Pfeiler! So ohrenbetäubend laut rattert die Bahn über die Brücke, dass man zusammenzuckt und ängstlich den Blick auf die mit Graffiti vollgesprühte Stahlkonstruktion richtet. Nein, es ist keine sehr gemütliche Ecke, in der sich die Dry-Dock-Bar verbirgt. Direkt unter den Gleisen der Tokioter Ringbahn, in Neonlicht getaucht, neben einem der vielen Fahrradparkplätze am Bahnhof Shimbashi. Als "Paradies der Salarymen" gilt das Viertel hier. Wer wissen will, warum, braucht nur an einem beliebigen Abend unter der Woche durch die Gegend zu schlendern - immer den torkelnden Männern im Büro-Outfit hinterher.

Kaum irgendwo in der japanischen Hauptstadt ist es so einfach, sich gleich nach Feierabend hemmungslos volllaufen zu lassen. Aber auch feiner justierte Gaumen zieht es in letzter Zeit nach Shimbashi: Braumeisterin Tomoko Sonoda zum Beispiel kommt regelmäßig her - und besucht das wohlig warm beleuchtete Dry-Dock. Denn unter der Brücke am Rand des Vergnügungsviertels verbirgt sich ein Kleinod der japanischen Braukunst. Sein Besitzer liebt Schiffe, unschwer erkennbar an bullaugenartigen Fenstern und einem Steuerrad im Untergeschoss. Im Stockwerk darüber stehen gedeckte Tische, vier japanische Office-Ladys genießen dort bei gedämpftem Licht ein Feierabendbier. Nicht irgendeins natürlich - sondern ein Craft-Beer, die Spezialität.

Unter der Brücke fließt das Gold: Zwar liegt das Dry-Dock nicht ...   Unter der Brücke fließt das Gold: Zwar liegt das Dry-Dock nicht recht idyllisch - dafür bekommt man dort grandiose Mikro

Craft-Beer, so nennen Japaner die Erzeugnisse von Minibrauereien - Kleinstunternehmen, die in Konkurrenz stehen zu Japans "großen vier" - den Brauereien Asahi, Kirin, Suntory und Sapporo. Pro Jahr brauen die Kleinanbieter nur wenige Hundert Hektoliter, aber mit viel Hingabe und originellen Geschmacks- und Geschäftsideen. Mitunter kleben sie sogar noch die Etiketten in liebevoller Handarbeit auf die Flaschen.

Dass es solche Mikrobrauereien in Japan überhaupt gibt, ist nichts Selbstverständliches: Lang geizte der Staat mit Lizenzen, Bier herstellen durften nur Unternehmen mit einem Ausstoß von mindestens 20.000 Hektolitern. Erst 1994 wurde diese Hürde auf 600 Hektoliter gesenkt, kurioserweise, um mit lokalen Biersorten den Tourismus in ländlichen Gebieten anzukurbeln. Der Hype um abenteuerliche Kreationen wie Milch-, Lachs- und Jakobsmuschelbier vom Land nahm ziemlich zügig wieder ab - was blieb, ist eine ganze Reihe professionell gemachter, ungewöhnlicher Independentbiere. Craft-Beer eben.

Im Dry-Dock stehen davon acht Sorten vom Fass zur Auswahl, dazu über 30 in der Flasche. Längst ist der Laden eine Anlaufstelle für japanische Bier-Aficionados. "Wir haben aber auch immer mehr Kunden aus dem Ausland, die gerne Craft-Beer probieren möchten", sagt Barmanager Hiroyuki Inoue. Besonders stolz ist er auf die Kühleinrichtungen samt Eisbad, in denen das Bier so gelagert wird, dass sein Geschmack besser erhalten bleibt.

Dry-Dock-Stammgast Tomoko Sonoda ist eine der bekanntesten Brauerinnen Japans. Sie führt die Mikrobrauerei Harvestmoon in Maihama, 15 Minuten vom Bahnhof Tokio entfernt - und direkt neben Disneyland. Auf etwa 100 Quadratmetern stehen im Nebenraum des Restaurants Roti's House ein Dutzend Biertanks und zwei kupferne Sudkessel. Seit 2000 stellt Sonoda dort Kreationen wie Trauben- oder Kürbisbier her. Dafür schüttet sie tatsächlich Kürbispüree in den Maischebottich - der Geschmack werde dadurch herbstlich-würzig, sagt sie. Für ihr Yuzu-Ale, für das sie die Schale der gleichnamigen südjapanischen Zitrusfrucht verwendet, wurde die Braumeisterin bereits international ausgezeichnet.

Braumeisterin Tomoko Sonoda (am eigenen Zapfhahn) gehört zu den ...   Braumeisterin Tomoko Sonoda (am eigenen Zapfhahn) gehört zu den Stammgästen im Dry-Dock

Das Aushängeschild von Harvestmoon jedoch ist ein Klassiker, ein Dunkles mit dem ebenso schönen wie naheliegenden Namen "Schwarzbier". Sonoda vergleicht es mit dem deutschen Köstritzer, es sei nur weniger hopfig. Daneben braut sie regelmäßig Pilsener, Pale Ale, Brown Ale und Belgian Wheat sowie monatlich wechselnde Sorten wie Coffee-Stout im Februar oder das fruchtige Grapefruit-Ale im Juni. Dass das Ganze nicht viel mit dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516 zu tun hat, muss man wohl nicht gesondert erwähnen.

Der Craft-Beer-Szene von Tokio freilich sind solche lebensmittelrechtlichen Germanismen schnuppe. Seit Jahren wächst der Freundeskreis der Mikrobiere, wohl auch dank Leuten wie Tim Eustace. Vor sechs Jahren gründete er die Beer Enjoyment, Education and Research Society (Beers). Die bunt gemischte Truppe aus Expats und Einheimischen trifft sich regelmäßig in immer anderen Kneipen - "Wenn da 30 Leute in eine Bar kommen, die Craft-Beer nachfragen, dann hat das schon einen Einfluss aufs Angebot", sagt Eustace, der im richtigen Leben Personalvermittler für Finanzmarktjobs ist. Bei den Beers-Treffen wird dann auf Englisch gefachsimpelt, es gibt Brauereitouren und zuweilen lädt sich die Gruppe auch Braumeister für Vorträge ein.

Auch im Ushitora im trendigen Viertel Shimokitazawa im Westen Tokios waren Eustace und seine Freunde schon öfter zur Bierprobe. Eigentlich handelt es sich dabei um zwei Kneipen, die sich denselben Namen teilen: links das etwas schickere Restaurant mit Kellnern im Garçon-Stil, rechts die gemütliche Stehkneipe, wo es frittierte Gemüse-, Fleisch- und Fischspieße zum Bier gibt. Verdientermaßen krönte die Fachzeitschrift "Japan Beer Times" die beiden Ushitora-Bars zu den "Königen des Craft-Beer in West-Tokio": Zusammen bieten sie fast 40 verschiedene Sorten an, auch solche, die nirgends sonst in der Metropole zu finden sind.

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Die fachmännische Beratung gibt es gratis dazu: "Wenn Sie ein Bier ohne starken Hopfengeschmack wünschen, dann empfehle ich Ihnen das Weizen der Brauerei Swan Lake", sagt der freundliche Kellner im akkurat gebügelten weißen Hemd mit Krawatte. Kuriose Alternativen auf der jeden Tag wechselnden Karte sind das Kirschblütenbier der japanischen (!) Sankt-Gallen-Brauerei sowie die Ushitora-Eigenkreation Luzifer. Im Hintergrund läuft übrigens europäische Musik der 90er, Roxette und dergleichen: Die Zielgruppe im linken Ushitora ist Mitte 30 aufwärts.

Wer es ein bisschen lebhafter mag, ist entweder in der Stehkneipe rechts daneben oder im Craftheads in Shibuya gut aufgehoben, keine zehn Zugminuten entfernt. Die Kneipe wirbt mit dem Slogan "Extreme Beer & Whiskey" und serviert neben über 20 Bieren vom Fass mehr als 80 Craft-Beer-Sorten, darunter ein Honig-Zimt-Gebräu der Firma North Island aus Hokkaido sowie das preisgekrönte, sehr süffige Süßkartoffelbier Beniaka der Brauerei Coedo. Nun schaudert es Puristen sicher, wenn sie von Bier aus Süßkartoffeln lesen - aber es ist wirklich sanft im Geschmack, trinkt sich gut und schmeckt kein bisschen mehlig!

Um sich nach der obligatorischen Tempeltour nach Asakusa im Osten Tokios ein wenig zu erholen, ist der Craft-Beer-Pub Devil Craft am Bahnhof Kanda eine gute Adresse. Auf der Karte steht zum Beispiel das Baird Second Strike Apple Ale, das wenig hopfig und dafür etwas nach Apfel schmeckt. Das beliebte Minoh Dark Lager wird von drei Schwestern in Osaka gebraut, die von ihrem Vater eine Brauerei geschenkt bekamen.

Ergänzt wird das Sortiment durch US-Sorten wie Ballast Point Sea Monster Imperial Stout oder das nach braunem Zucker riechende, geschmacklich etwas eigenwillige He'Brew Bittersweet Lenny's R.I.P.A. der New Yorker Brauerei Shmaltz. Dazu wird Pizza "à la Chicago" serviert. Weitere Lokale sind in Planung, erzählt Bierexperte Eustace. Denn der Laden läuft enorm gut, ohne Reservierung bekommt man nur einen Platz am kurzen Tresen im Erdgeschoss. Der zweite und der dritte Stock sind mit Tischen belegt, im vierten befindet sich die Küche, und im fünften soll eines Tages mal eine eigene Mikrobrauerei entstehen, die den Namen dann wahrhaftig verdient haben dürfte - auf kaum mehr als zwölf Quadratmetern.

Wer nach dieser Biertour durch Tokio noch Kapazitäten in Magen und Leber hat, der kann rund zehn Zugminuten weiter den Tag im Popeye ausklingen lassen - der vielleicht bekanntesten Craft-Beer-Kneipe der Stadt. Der hemdsärmelige Wirt Tatsu Aoki wirbt mit 40 Bieren vom Fass. Ein Muss ist der Besuch für alle, die ihr soziales Biernetzwerk in Tokio ausbauen und Trinkkumpane fürs Leben finden wollen: Tatsu Aoki kennt alles und jeden. Nur Platzangst darf man in der meist überfüllten Kneipe keine haben.

Falls Sie übrigens einen Vorwand für die kleine Extratour nach Ryogoku brauchen, wo das Popeye liegt: In unmittelbarer Nachbarschaft der Kneipe entsteht gerade der höchste Fernsehturm der Welt, der 634 Meter hohe Tokyo Sky Tree. Eröffnung des Ungetüms ist im Mai, der Turm ist also fast fertig und sieht bereits heute beeindruckend aus. Um ihre Deckung später nicht auffliegen zu lassen, sollten sich Bierselige nur eine Sache unbedingt merken: Der Tokyo Sky Tree besteht aus einem Turm - und wirklich nur einem.

* Prosit

  • FTD.de, 29.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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