Mitten in Kioto, zwischen uralten Palästen und Kaufhäusern, die die Bürgersteige mit quäkenden Verkaufsangeboten beschallen, liegt die Zukunft des Schlafens. Es ist ein Ort, der nur zwei Farben kennt: viel Schwarz und noch mehr Weiß. Fast gleißend setzt das Licht die klaren Formen der Lobby in Szene, und Ablenkung gibt es kaum: Keine Blumenvasen, keine Bilder, kein Chichi. Es geht ums Wesentliche, worauf schon der Name des Hotels anspielt. "Nine Hours" steht für die Zeit, die der Durchschnittsgast hier verbringt. Eine Stunde duschen, eine Stunde ausruhen, sieben Stunden schlafen - und das in einem Raum, der kaum mehr Platz bietet als ein Sarg. Zwei Meter lang, 1,20 Meter hoch. Nebeneinander und übereinandergestapelt passen so 20 Menschen in einen fensterlosen Schlafsaal, getrennt durch dünne Plastikwände.
"Du willst ins Kapselhotel?", hatte meine Freundin Saki aus Tokio gefragt und in diesem Moment fast ihre japanische Fassung verloren. In den typischen Häusern dieser Art dürfen nur Männer übernachten. Sie liegen an Bahnhöfen und in Vergnügungsvierteln. Sie nehmen Pendler auf, die ihren Zug verpasst haben, und betrunkene Geschäftsleute, die es nicht mehr ins eigene Bett schaffen. "Gepäckstück", nennt man diese Gäste in Japan, weil die Frauen ihre stinkenden Kerle am Morgen wie ein Paket aus dem Schlafschrank holen.
33 Jahre nach Eröffnung des ersten Kapselhotels in Osaka wird das Modell in Japan gerade neu entdeckt. Alles, was man zum Übernachten braucht, auf so wenig Raum wie möglich zusammengefasst - das passt in die Zeit. Nur das Schmuddelimage stört. So investieren jetzt immer mehr Anbieter in moderne und schicke Schlafwaben, lassen Frauen rein und übersetzen ihre Websites auf Englisch, um Touristen zu überzeugen. An der Spitze des Wandels stehen edle Designkapselhotels wie das Nine Hours. Die Investoren wollen das Konzept national ausrollen, Kioto ist der Testlauf.
Und der sieht ein bisschen so aus, als hätte man ihn dem Kubrick-Film "2001 - Odyssee im Weltraum" entlehnt. Oder "Matrix". Wie Brutkästen wirken die Kapseln von außen; Waben, in denen neue Menschen gezogen werden. Morgens frühstücken die Zukunftstouristen in der Lobby an einem langen weißen Tisch. Vor jedem Gast steht ein Laptop und ein in Folie eingeschweißtes Frühstück aus dem Automaten. Mit einer Hand tippen sie, mit der anderen greifen sie nach Reisbällchen oder süßen Teilchen und Tee.
Immerhin, räumt meine Freundin Saki ein, sei das Prinzip Kapselhotel ja auch gar nichts Schlechtes. Wenn man mal die Betrunkenen weglässt. Billiger schlafen könne man nicht - für 25 bis 50 Euro gibt es in Japan sonst gerade mal ein, zwei Stunden im Liebeshotel. Und: Wer in der Kapsel übernachtet, braucht an nichts zu denken: Zahnbürste, Duschzeug und Pyjama sind inklusive.
So funktioniert das auch im Nine Hours, wo Symbole und Pfeile den Weg vom Eingang bis zur Kapsel weisen. Zunächst geht es zu den Schuhschränken - es herrscht nämlich Pantoffelpflicht. Dann zur Rezeption und zu den Schließfächern für die Koffer. Männer und Frauen haben je einen eigenen Fahrstuhl und eigene Stockwerke. Es gibt ein großes, weißes Gemeinschaftsbad, nach Geschlechtern getrennt. Die Duschen und Waschbecken sind blitzsauber - und es gibt so viele davon, dass man nicht warten muss. An jedem der 20 Schminktische liegen ein Fön, Creme und Watte; zudem hat jeder Gast einen eigenen Schrank mit Hausanzug (schwarz), Handtüchern, Zahnbürste, Kamm und Duschzeug (alles weiß).
So ziemlich alles im Nine Hours wird mit Symbolen erklärt, sogar das Kopfkissen. Bei Letzterem ginge es aber auch nicht ohne: Sechs Kissenzonen sind eingezeichnet und beziffert, sie sollen durch unterschiedliche Härtegrade für eine optimale Ruheposition sorgen. Es ist die einzige Extravaganz, die sich mein Kapselzimmer leistet - ansonsten gibt es darin nur das Bett, eine Steckdose und das schwarze Bedienpanel des Wecksystems. Es funktioniert tonlos - mit Licht, das langsam immer heller wird. Trotz dieser puristischen Einrichtung ist der Brutkasten bequemer als er aussieht, jedenfalls im Liegen. Bis zur gewünschten Weckzeit um acht Uhr morgens verläuft die Nacht völlig ruhig, offenbar schnarchen Japanerinnen nicht und vermögen zudem, sehr, sehr leise ins Bett zu schleichen.
Nach diesem Erfolg wage ich den nächsten Versuch. Das First Cabin liegt direkt im Terminal 1 des Flughafens Haneda in Tokio, von hier starten die meisten Inlandsflüge. Für umgerechnet 44 Euro klingelt der Wecker am Reisetag erst um acht statt um sechs Uhr morgens. Kann man sein Geld besser anlegen als in Schlaf? Der nächste Tag wird mit einem Spaziergang zum Check-in beginnen.
Yusaku, Empfangsdame in blauer Uniform, mit Halstuch und Hütchen, lächelt und öffnet mit einer Plastikkarte eine weiße Schiebetür. Das ganze Hotel ist rund ums Thema Fliegen gestaltet, die Bilder und Symbole, die Sessel, die Uniformen der Mitarbeiter. Nun: Wer träumt nicht davon, von einer Stewardess ins Bett gebracht zu werden? Yusaku zieht die Schuhe aus und tippelt auf Strümpfen über den Fußboden, von dem man essen könnte, bis zum Frauentrakt und der First-Class-Kabine mit der Nummer 505. Einsteigen und fertig machen zum Übernachten.
| Traum ist in der kleinsten Hütte |
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| Nine Hours Kapselhotel in Kioto, Teianmaenocho, Nummer 588, pro Nacht 4900 Yen (umgerechnet etwa 47 Euro), tagsüber ab 400 Yen/Stunde. |
| First Cabin betreibt Filialen am Flughafen Haneda, in Osaka und am Bahnhof von Kioto. First-Class-Kabinen ab 4800 Yen, Businessclass (2,5 Quadratmeter) ab 4500 Yen. |
| Napcab am Flughafen München (Terminal 2, Level 4 und 5), ab 10 Euro pro Stunde, Bitte hier klicken |
Mit vier Quadratmetern Platz und Standhöhe ist die Kabine schon mehr Karton als Wabe - das First Cabin nennt sich deshalb auch "Compact Hotel". Neben dem Bett bleibt sogar genug Platz, um sich umzuziehen. An der Wand hängen drei Kleiderbügel und ein großer Flachbildschirm, auf dem Bett liegt ein bodenlanges Nachthemd bereit. Nicht einmal auf das traditionelle japanische Bad müssen Kapselschläfer verzichten: Im sogenannten Onsen stehen an der Wand Bänke und Duschen, wo man sich einseift und abspült, bevor man ins Wasserbecken in der Mitte des Raumes eintaucht. Das Onsen im First Cabin ist zwar klein, aber 40 Grad warm, wie es sein soll. Danach schläft es sich wunderbar - und am nächsten Morgen geht es ausgeruht und frisch geföhnt direkt zum Gate.
So könnte man immer reisen. Das haben endlich auch Flughäfen in anderen Teilen der Welt entdeckt. Am Moskauer Airport wurden im Mai schalldichte Schlafboxen aufgestellt. In München können Reisende ab 10 Euro die Stunde eine "Napcab" mieten. In Schiphol, Heathrow und Gatwick betreibt Yotel Kapseln. Das berühmteste Waben- und Minizimmerhotel der britischen Kette eröffnete aber 2011 am Times Square in New York - das Gepäck wird dort von einem Roboter aufbewahrt, auch das Check-in läuft automatisch. Wer kurzfristig bucht, zahlt allerdings rund 300 Euro für eine Nacht. Dafür darf es dann doch lieber ein Zimmer sein und echte Menschen am Empfang.