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Merken   Drucken   02.05.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Ines Zöttl - Touristen, Plage der Neuzeit  

Premium Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Städte her, grasen sie ab und ziehen weiter. Nichts hilft gegen die Touristen.

Ines Zöttl leitet das Team Internationale Politik der FTD. Sie schreibt jeden zweiten Donnerstag an dieser Stelle. Früher kamen die Wespen, und dann wusste man, dass der kurze Berliner Sommer begonnen hat. Heute sind die Touristen schneller.

Oder vielleicht waren sie auch immer da, den ganzen Winter, während sich der Berliner mit seinen zwei übereinandergezogenen Pullovern in der zugigen Altbauwohnung verkrochen hat. Verpuppt verbargen sich ihre Larven in Hinterhöfen und Kellern. Beim ersten Sonnenstrahl schlüpften sie und fallen nun zu Millionen über die Stadt her. Grasen sie ab und ziehen weiter.

Es gibt für dieses Phänomen verschiedene Erklärungsansätze, ein Zusammenhang mit der Klimakatastrophe darf vermutet werden. Stoiker betrachten Touristen als die Art Naturkatastrophe, die man in dicht besiedelten Gebieten hinnehmen müsse: So wie in den USA regelmäßig während der Hurrikansaison Stürme toben und die Schäden für die Anrainer mal größer, mal kleiner sind.

Oder wie in Köln: Wer am Rhein wohnt, muss damit leben, dass ihm das Hochwasser in die Stube schwappt. Der Hauptstadtbewohner hat sich nach dieser Lesart dafür entschieden, seine Lebensqualität abzutreten an Leute, die dafür mehr bezahlen.

Touristen warten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin   Touristen warten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

Touristen fallen ein mit Flugzeugen, Zügen oder mit Bussen, die mit sanitären Anlagen ausgestattet sind, bei denen es der Fahrer ungern sieht, dass sie benutzt werden. Sobald sie die Anreise der Moderne hinter sich gebracht haben, drängt es sie zurück in die Vergangenheit. Je ungeeigneter ein Gefährt für den Großstadtverkehr ist, desto beliebter ist es: Es begann mit den Fahrradrikschas, die den reichen Reisenden ihr gutes Gewissen gegenüber den geschundenen Entwicklungsländern zurückgaben: Auch in Berlin können nun übergewichtige Amerikaner die Welt bestaunen, während vorn ein drahtiger junger Mann japsend seinen Lohn erstrampelt und die Kunden dabei in bestem Englisch unterhält.

Dann folgten die Bierbikes, die sich nur als Abberation menschlicher Natur erklären lassen oder als das, was die Medizin Anankasmus nennt, einen krankhaften Zwang, für den der Teilnehmer nichts kann.

Der sanfte Tourismus fand seinen Höhepunkt schließlich im Kutschverkehr. Die Pferdchen schaffen es nicht nur, den Hauptstadtverkehr binnen Kurzem zum Erliegen zu bringen und so den Berlinern die dringend benötigte Zeit zur Besinnung zu geben. Nein, Batzen von Pferdescheiße auf den Straßen stillen auch die Landlust, die Städter gelegentlich überfällt.

Leider haben Kutschen zwar eine große Wirkung auf den Verkehrsfluss, aber wenig Stauraum. Anders als die Berliner S-Bahn, die zwar unregelmäßig verkehrt, aber stets Platz hat, um noch eine weitere Reisegruppe und in deren Schlepptau rumänische Musikanten aufzunehmen. Besonders morgens im Berufsverkehr: Ein Tourist, der etwas auf sich hält, achtet darauf, sich im Gleichklang mit den Einheimischen zu bewegen. In der Bäckerei zum Beispiel lässt sich auf diese Weise ein bisschen Ostalgie erzeugen: Während man auf Italienisch mit der netten Verkäuferin über den Cappuccino verhandelt, baut sich die Schlange der Wartenden bis weit in die Straße hinein auf. Und vor der Sprachhürde kapitulierend ist die Verkäuferin dann auch bereit, 99,10 Euro herauszugeben. Das Kleingeld kommt schon mit den Berlinern rein.

All das haben wir lange klagend ertragen. Oberbär Wowereit hat schließlich die totale Kapitulation zur Berlin-Räson gemacht. Tourismus ist unsere Lebensversicherung. Aber dann passierte es: Irgendein skrupelloser Unternehmer entschied, ohne Rücksicht auf Moral und Gesellschaft seinen Profit zu maximieren. Er verlieh Fahrräder an Touristen. Die Spree ist damit so was von überschritten. Es fing an mit einzelnen orientierungslosen Gestalten im Tiergarten, von denen man annehmen konnte, dass sie sich so verfahren, dass eines Tages irgendwo ihre Überreste entdeckt werden. Es wurde daraus eine Plage, die nicht mehr einzudämmen ist.

Fahrradfahren in Berlin ist Krieg, und die Touristen sind die Stadtguerilla wider Willen. 20-jährige Spanierinnen, die ihre letzte Erfahrung mit dieser Art von Fortbewegung auf dem Dreirad gemacht haben, schlingern über Bürgersteige. Italiener, die in Gruppen mit weniger als 30 Teilnehmern vereinsamen würden, wälzen sich im Pulk über die Friedrichstraße. Schweden, die sich den rasenden Fahrtwind um die Ohren wehen lassen, verstehen auch nach der zweiten Kollision nicht, dass sie bei zehn Stundenkilometern überholt werden könnten. Plötzliches Abbiegen gehört zum Touristen wie der Stadtplan, den man nicht lesen kann.

Hat Tucholsky das gewollt? "Trudele durch die Welt. Sie ist so schön, gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben." Berlin hat sich hingegeben, jetzt ist die Schlampe müde. Deshalb ein Vorschlag, der beiden Seiten dienen würde. Verlegen wir Berlin aufs Land. Überlassen wir die Stadt denen, denen sie längst gehört - nach dem Vorbild der Histotainment-Parks.

Für die Touristen würde sich nichts ändern, im Gegenteil. Berliner, die sich hier nützlich machen können, bekommen eine Bärchenanstecknadel und klar zugewiesene Aufgaben: als Orientierungshelfer in Mitte, als zeitunglesender Einheimischer im Kreuzberger Kiezcafé, als Taxifahrer mit Berliner Schnauze. Wowereit hat keine Wahl, er muss bleiben, sein Büro steht für Gruppenführungen zwischen zehn und 17 Uhr offen, Anfassen mit Aufpreis.

Die anderen dürfen gehen, um sich irgendwo in Brandenburg niederzulassen, um dort zu leben und zu arbeiten. Gewerbeflächen gibt es dort reichlich. Der Deutsche Bundestag etwa zieht in die Cargolifter-Halle, Tropical Islands siedelt in die Hauptstadt um und ergänzt den Friedrichstadt-Palast.

Mir jedenfalls reicht es. Noch ein Wochenende, erdrückt von den Millionen, ist mir nicht zuzumuten.

Ich fahre nach Paris für ein paar Tage. Flanieren in den Tuilerien, ein Gläschen Wein nach Büroschluss im Bistro. Und dann hab ich noch diesen Geheimtipp von einer Freundin, die mit ihren Freundinnen gerade für ein Wochenende da war. Ein Viertel, bislang kaum entdeckt von Touristen, ursprünglich, echt und günstig.

  • Aus der FTD vom 03.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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