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Merken   Drucken   16.08.2012, 21:25 Schriftgröße: AAA

Luxuriös Bahn fahren: Feiner Zug von Ferrari

Ledersitze vom Designer, Kino an Bord, Prosecco am Platz - wer mal richtig luxuriös Bahn fahren will, braucht ein Ticket für den Italo. Auch wenn der Schnellzug von Ferrari-Chef Luca di Montezemolo nicht ganz ohne Pannen auskommt.
© Bild: 2012 NTV
Ledersitze vom Designer, Kino an Bord, Prosecco am Platz - wer mal richtig luxuriös Bahn fahren will, braucht ein Ticket für den Italo. Auch wenn der Schnellzug von Ferrari-Chef Luca di Montezemolo nicht ganz ohne Pannen auskommt.
von Sandro Mattioli, Mailand

"Darf ich Ihren Koffer auf die Ablage heben?", fragt der Mann in der eleganten Dienstkleidung. Er habe Angst, dass der Sitz sonst beschädigt werde, sagt er, wuchtet das Gepäck in die Höhe und bedankt sich. Ein springender Hase prangt an seiner Brust, das Logo der Betreibergesellschaft Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV). Es soll wohl zeigen, dass das neue Bahnunternehmen in Italien weiter hoppelt als die Konkurrenz, die träge dahinzuckelnde ehemalige Staatsbahn Trenitalia.

So ziemlich alles am Italo ist ein Angriff auf den Mitbewerber. Edel soll es zugehen an Bord des neuen Schnellzugs; seine Ausstattung ist außergewöhnlich, der Service an Bord ambitioniert. Gerade Letzteres erregt in Italien Aufsehen, schließlich sagt man den Bediensteten der pannenträchtigen Trenitalia eine gewisse Beamtenmentalität nach.

Gegründet wurde NTV unter anderem von Ferrari-Chef Luca di Montezemolo und Diego Della Valle, dem Mehrheitseigner des Schuh- und Modelabels Tod's. Weitere Beteiligte: die Großbank Intesa Sanpaolo, der Versicherer Generali  und die französische Staatsbahn SNCF. Vor fünf Jahren hatte das Konsortium angekündigt, in den italienischen Eisenbahnmarkt einzusteigen - seit Ende April ist der Italo nun tatsächlich unterwegs, zunächst mit 25 Zügen auf der 800 Kilometer langen Strecke zwischen Mailand und Neapel. Seit Monatsanfang geht es noch weiter nach Süden, bis Salerno, mehr Verbindungen sollen folgen. Aber wie fährt er sich denn nun, der rote Luxuszug des Ferrari-Chefs?

Der Italo mit Betreiber Luca di Montezemolo   Der Italo mit Betreiber Luca di Montezemolo

Zunächst mal ist das Rot gar nicht so testarossagrell, wie man es vielleicht erwarten könnte: Der Italo ist in einem dezenten Bordeauxton lackiert. Trotzdem verpasste ihm die Presse natürlich sofort das Etikett "Ferrari auf der Schiene", und tatsächlich hat der Zug etwas Sportwagenhaftes, wenn man auf ihn zugeht: die lange Schnauze tief heruntergezogen, vier Lichtaugen funkeln angriffslustig. Nur der Sound ist eben ein ganz anderer - kein Ferrari-Fauchen, stattdessen: lautloses Anrollen.

Kaum hat der Italo um kurz nach fünf am Nachmittag den Bahnhof in Mailand verlassen, gibt der Zugführer auch schon Vollgas. Von null auf 300 Stundenkilometer in wenigen Minuten, dann ist das Tempolimit erreicht. Theoretisch könnte der Italo noch schneller. Von der Geschwindigkeit spürt man aber kaum etwas, hörbar ist sie ohnehin nicht.

Italien liegt jetzt, Anfang August, ruhig da: kaum Menschen auf den strohgelben Feldern der Poebene, die Gutshöfe verlassen. Ab und an scharen sich ein paar Häuser um einsame Kirchtürme. Beinahe allein fühlt man sich auch im Wagen der ersten Klasse (Ambiente Prima): Lediglich drei Menschen sitzen hier, betüddelt werden sie von einem Fahrgastbetreuer. Solche Servicekräfte gibt es überreichlich an Bord, Betreiber NTV setzt pro Waggon einen Zugbegleiter ein. Als der Italo sich auf dem Weg nach Bologna macht, gehen die Kellner zum ersten Mal durch die Reihen der ersten Klasse und bieten Getränke an. Der Wein ist gut, der Prosecco besser, dazu gibt es Gebäck. Bezahlen muss man dafür nichts, und der Rausch kommt schnell: Während der viereinhalbstündigen Fahrt schauen die Betreuer gleich mehrfach vorbei. Für Nachschub.

In Bologna schließlich steigen viele Passagiere zu, doch im Ambiente Prima bleibt es ruhig. Besser ausgelastet ist der Ambiente Club - die allererste Klasse sozusagen, der Luxusbereich, abgestimmt auf die Bedürfnisse von Geschäftsreisenden mit üppigem Spesenrahmen. Nur 19 Sitzplätze gibt es dort, und etwa zehn davon sind heute besetzt. Schon am Bahnsteig wurden diese Fahrgäste in Empfang genommen, wie zu Großvaters Zeiten haben eifrige Schaffner ihnen beim Verstauen des Gepäcks geholfen und ihnen dann einen Espresso an den Platz gebracht.

Hochgeschwindigkeitszug Ferraris neues Zugpferd

Exklusivität ist dem Unternehmen wichtig, auch im eigentlichen Wortsinn: Ein Betreuer sorgt dafür, dass keine Holzklassenpassagiere ihre Nasen in den Club-Waggon stecken. Sie müssen draußen bleiben - schließlich wollen die Fahrgäste ungestört sein.

Von innen wirken die geräumigen Abteile der Club-Klasse wie eine Mischung aus Zigarrensalon und gehobenem Besprechungsraum: Männer in dunklen Anzügen, Frauen im Businesskostüm, breite Fenster, große, voluminöse Ledersitze in Hellbraun, angenehm gepolstert. Selbst an eine Garderobe haben die Zugplaner gedacht. Überhaupt, die Sessel: In allen drei Klassen wurden sie vom italienischen Möbelhersteller Poltrona Frau gefertigt - das Unternehmen belieferte früher Fürstenhäuser und näht heute die aufpreispflichtige Innenausstattung für Maseratis und Ferraris. Besitzer der Firma ist über einen Investmentfonds praktischerweise Ferrari-Mann Montezemolo selbst.

Wer das Vergnügen hat, sich auf den Frau-Sesseln in der Club-Klasse breitmachen zu dürfen, genießt immense Beinfreiheit. Aussuchen kann man sich verschiedene Ecken des Waggons: Es gibt einen offenen Bereich sowie Separées mit Vierer-Sitzgruppen, die der Italo für Besprechungen bereithält - die sogenannten Salotti.

Alle Plätze im Club sind mit Touchscreen-Bildschirmen ausgestattet, für Satellitenfernsehen oder Kinofilme; auch im Internet kann man damit surfen (wenn man sein Smartphone verlegt hat, denn W-Lan ist im Zug ohnehin überall inklusive). Heute aber macht von der On-Board-Unterhaltung niemand Gebrauch: In den beiden Separées sprechen wichtige Leute über wichtige Themen (konkret: übers Essen, schließlich ist man in Italien); im offenen Bereich tippen ein paar Männer auf den Tastaturen ihrer Laptops herum.

Das Bordkino des Italo   Das Bordkino des Italo

Gerade deutet sich draußen die Toskana mit ersten Hügeln an, da wird es plötzlich dunkel. Den Apennin, jenen Gebirgszug, der sich längs des italienischen Stiefels zieht, sieht man weitgehend nur von unten, der Italo braust in einem Tunnel darunter durch. Am Ende der Unterführung erwartet einen das Licht der Abendsonne, goldgelb, wie man es nur in Italien findet. Und wie so oft in Italien liegen Schönheit und Niedergang nah beieinander. In Florenz zeigt sich das Land, wie man es als Zugfahrer kennt: als nicht funktionierend.

Ein Ausfall der Stromversorgung sei aufgetreten, verkündet die Anzeigetafel am Gleis, es komme zu Verspätungen in Richtung Rom. Dagegen kann auch Europas modernster Schnellzug nichts ausrichten - der Italo bleibt erst einmal stehen.

Und die Tücken der Moderne bleiben den Zugpassagieren erhalten. So gibt es zwar einen extra Kinowaggon am anderen Ende des Zugs, für die Passagiere der zweiten Klasse (Ambiente Smart) - aber dieser Wagen zeigt heute keine Filme. Irgendein technisches Problem. Ohnehin darf man sich das On-Board-Kino nicht wie ein Lichtspielhaus mit Leinwand vorstellen. Vielmehr gibt es acht Monitore über dem Gang zwischen den 39 Sitzen, ähnlich wie im Flugzeug.

Auch die Bestellung von Essen an Bord (bio, kleine Portionen, schick, teuer) klappt nicht auf Anhieb. Der Bezahlapparat verweigert sich der Kreditkarte. Immerhin bleibt das Personal freundlich und organisiert schließlich doch noch ein funktionierendes Gerät - außerdem gibt es obendrauf wieder leckeren Prosecco.

In Rom ist es draußen bereits dunkel, doch das macht überhaupt nichts. Eine weitere Runde Perlwein, Woody Allen erzählt einem über das Bord-Entertainmentsystem, was man schon immer über Sex wissen wollte - so macht Reisen Spaß. Inzwischen fühlt man sich fast etwas heimelig in der ersten Klasse, in die immer noch niemand zugestiegen ist, wie bei einem DVD-Abend auf dem Sofa. Dass man nicht den zentralen römischen Bahnhof ansteuert, sondern zwei Knotenpunkte ein paar U-Bahn-Stationen entfernt - geschenkt.

Auch in den anderen Waggons herrscht inzwischen weitgehend Stille, selbst im feudalen Club mit seinen Fahrgästen aus der Businesswelt. Viele schlafen, als es auf Neapel zugeht - das großzügige Prosecco-Catering hat seine Wirkung getan.

Das Erfolgsgeheimnis für ein Bahnunternehmen, vielleicht liegt es ja genau hier: Am Ende hat eben derjenige die glücklichsten Kunden, der ihre Bedürfnisse zu stillen weiß.

  • Aus der FTD vom 17.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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