Stellen wir uns einen erfolgreichen Geschäftsmann vor, der viel in der Welt herumreist. Eines Tages hat dieser Geschäftsmann es satt, abends immer allein im Restaurant zu hocken. Er wünscht sich eine Reisebegleiterin. Die soll schön, unkompliziert und spontan sein. So stößt er auf Misstravel.com.
Die Datingwebsite aus den USA verkuppelt laut Eigenwerbung "großzügige Reisende, die nicht gern allein unterwegs sind, mit attraktiven Reisenden, die die Welt gerne gratis bereisen würden". Seit die Seite Anfang April online gegangen ist, haben sich mehr als 100.000 Reisende angemeldet, 25.000 davon großzügig (also fast immer Männer), 75.000 attraktiv (also fast immer Frauen).
Das ist doch nichts anderes als ein Escortservice? Aber nein, beteuert Gründer Brandon Wade. Eine sympathische Telefonstimme hat der 41-Jährige, höflich, fröhlich, ein bisschen scheu. Passt gar nicht zu dem Mann, den eine CNN-Moderatorin neulich "einen der ganz wenigen Zuhälter mit Elite-Uni-Abschluss" nannte. Nur ein Missverständnis zwischen ihm und dem prüden Amerika, sagt Wade. "Ich glaube, dass die Paarung 'schönes Mädchen und reicher Mann' ganz natürlich ist. Das liegt uns in den Genen, so sind wir programmiert. Schon in der Urzeit haben Frauen immer nach dem besten Jäger gesucht, damit er sie gut versorgen kann."
Der Sohn chinesischer Einwanderer hat ein ganzes Onlinedating-Imperium auf dieser Theorie aufgebaut: Auf Seekingarrangement.com suchen Damen einen Sugar Daddy, der ihnen einen schönen Abend, das Studium oder gleich ein ganzes luxuriöses Leben finanziert, auf Whatsyourprice.com werden Dates versteigert, und bei Seekingmillionaire.com ist der Name Programm.
Das Prinzip ist immer dasselbe: Er gibt Geld, und sie gibt - ja, was eigentlich? Liebe, sagt Wade. Im Idealfall. Natürlich könne Geld keine Liebe kaufen, aber es erhöhe die Chance, dass welche entsteht. Aber noch mal, das sei kein Escortservice, steht ja auch ganz groß auf der Seite. Der Herr spendiert die Reise, mehr nicht, sagt Wade. Verlangt die Dame Geld, fliegt sie raus, sagt Wade.
Liebe also. Ausgezeichnet. Also meldet sich unser Geschäftsmann bei Misstravel.com an und gibt sich den verheißungsvollen Benutzernamen LordLove. Was er da alles über sich erzählen muss: Wie alt? Verheiratet? Wie viele Kinder? Rauchen Sie? Trinken Sie? (zur Auswahl stehen "nie", "in geselliger Runde" und "viel"). Sogar Angaben zu Religion und, oh weh, Körperbau sind Pflicht. Nur beim Einkommen darf er sich bedeckt halten. Jetzt die mögliche Reiseziele aus einer Liste auswählen. Alles Topdestinationen: New York, Hawaii, Seychellen, Dubai. Nach Oberlin, Ohio, oder an den Plattensee zieht es die Attraktiven offenbar nicht.
LordLove surft durch Tausende Bikinifotos: Frauen und Mädchen aus den Staaten, Asien, Deutschland. BeachGirl522 schreibt, dass sie gern mal nach Paris würde, LolitaCherryBomb ist das Reiseziel egal, Hauptsache, sie kann sich mit ihrem Reisesponsor "gut unterhalten und ein bisschen wild sein". Bella44 besticht durch Offenheit: "Aufmerksamkeit eines reichen Mannes gesucht." Gerade diese Offenheit macht den Reiz des Online-Datings aus, sagt die Ethnologin Julia Dombrowski, die seit Jahren das Phänomen erforscht: "Keiner hält Ihnen da das romantische Ideal vor, dass Liebe auf wahren Gefühlen und nicht auf Äußerlichkeiten beruhen sollte." Und Geld ist eben eine ziemlich überzeugende Äußerlichkeit.
Inzwischen hat LordLove Gefallen an Suzanna48 gefunden. Er klickt auf "Write Message" - und wird direkt zur Kasse weitergeleitet. Eine Nachricht kostet Großzügige zehn "Credits". Für 50 Dollar bekommt man 100 Credits, es gibt auch ein Vorteilsangebot mit 1000 Credits für 250 Dollar. Preise, die überzeugen: 500.000 Dollar will Wade schon an den Großzügigen verdient haben.
Die Attraktiven schreiben kostenlos. Stellen wir uns also eine hübsche Frau vor, die gerne mal nach San Francisco reisen würde, aber etwas knapp bei Kasse ist. Schnell hat sie unter dem Namen LoveConquersAll ein Profil erstellt. Und jetzt ran an die Sponsoren: Sonnengebräunte Jachtfahrer. Oben-ohne-Jungs im Badezimmerspiegel. Wall-Street-Typen im Anzug, Zigarre rauchende Dickmänner im Pensionsalter. Alle schreiben sie etwas vage von "Spaß" und "Abenteuer", ein paar von "Romantik". Aber "gute Gespräche" scheinen allen wichtiger, als dass es da zur Sache geht.
Was überzeugender wäre, wenn sich die allermeisten nicht hinter großen Sonnenbrillen verstecken würden. Obwohl jeder Nutzer ein Foto von sich hochladen soll, das ihn "deutlich und klar erkennbar" zeigt. Gefälschte oder aus dem Internet geklaute Bilder würden sofort gelöscht, versichert Wade. Und in ein paar Wochen könne man jedes Profil mit einer amerikanischen Verbrecherdatenbank abgleichen lassen - gegen Gebühr.
Bisher soll es aber friedlich zugehen bei Misstravel. Keine Kundin habe von Handgreiflichkeiten berichtet, sagt Wade. Und die Erfahrungsberichte der Referenzkundinnen lesen sich herrlich: "Ich war mit meinem Kerl in Toronto. Tolle Stadt. Und er war sehr großzügig. Tagsüber musste er arbeiten, da war ich shoppen. Ich mach's wieder." Eine andere schwärmt von "Sonne, Strand und Spaß".
Apropos Spaß: Wenn sein Team schon die Bilder prüft, dann kann es doch die, nun ja, weniger Attraktiven aussortieren? Wade lacht sanft: "Aber nein, es gibt doch so viele Arten von Schönheit." Suzanna48 zum Beispiel ist schon etwas älter (64) und hat nicht gerade Modelmaße. Ohne Credits kann LordLove ihr nur ein wortloses "Wink" (Zwinkern) schicken. Wenige Stunden später schreibt Suzanna48 eine Nachricht mit dem Betreff "Danke!". Um die ganze Nachricht zu lesen, müsste LordLove bezahlen.
LoveConquersAll hingegen könnte zwar die Antworten der vielen Millionäre, die sie mit einem neckischen "Hey, Sir!" angeschrieben hat, lesen - nur kommt da wenig bis gar nichts. Was wohl daran liegt, dass sie ein eher verwaschenes Foto in nicht allzu aufreizender Garderobe hochgeladen hat, das schon bald vom Misstravel-Team ausgemerzt wird.
Erst als sie LuckyPhill (geschieden, zwei Kinder, römisch-katholischer Gelegenheitstrinker) anschreibt, der im Misstravel-Blog von seiner Reise geschwärmt hatte, bekommt sie eine Antwort. Wie denn so eine Reise abläuft, fragt sie ihn. "Ich war ziemlich nervös beim ersten Treffen", schreibt er. "Es fühlt sich an wie ein erstes Date. Das Mädchen war noch nie zuvor in L.A., und ich habe ihr alles gezeigt, wir waren bei einer Weinprobe. War schön. Vielleicht verreisen wir auch noch mal zusammen." Vielleicht? "Ich habe hier schon ein Dutzend Mädchen zwischen 18 und 28 kennengelernt. Und ich mag Abwechslung." Dann würde LuckyPhill gern erstmal ein Foto sehen, bevor sie weiterplaudern. Klare Ansage. Sollte man immer so halten, rät Wade: "Es ist wichtig, dass man ehrlich sagt, was man erwartet." Das gehört übrigens auch zu den Pflichtangaben - die Skala reicht von "Heirat nicht ausgeschlossen" bis "Affäre ohne jede Verpflichtung".
35000 Reisen seien in den ersten vier Monaten arrangiert worden, sagt Wade stolz. Was nicht heißt, dass die stattgefunden haben. Auch LordLove hat mit Suzanna48 eine Reise vereinbart - den "Arrange a Trip"-Knopf kann er gratis klicken.
Ob das wohl eine schöne Reise wird, Frau Dombrowski? Das weiß die Autorin des Buches "Die Suche nach der Liebe im Netz" auch nicht: "Aber mit dem Reiseangebot wird ein außeralltäglicher Rahmen geschaffen, in dem zwei Menschen mit amourösen Absichten zusammenkommen." Und für manche kann das ein guter Start sein. Viele aber werden - wie beim "normalen" Onlinedating auch - an zu hohen Erwartungen scheitern. Und dann doch wieder allein auf Geschäftsreise gehen. In eigener Sache:
Liebe Suzanna48, auch wenn Sie das vermutlich nie lesen: Es tut mir leid, Ihnen einen "Wink" geschickt und diese Reise nach New York vorgeschlagen zu haben. Die wird nie stattfinden. Bitte verzeihen Sie, Ihr LordLove. Und lieber LuckyPhill ... na ja, egal. - LoveConquersAll