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Merken   Drucken   06.05.2012, 18:37 Schriftgröße: AAA

Nächster Halt: Reeperbahn: Die S-Bahn als Treffpunkt der Generationen

Wer Bahn fährt, braucht keinen Fernseher. Unser Autor hat seine Mitfahrer in der Hamburger S-Bahn belauscht - und festgestellt, dass Jung und Alt doch einiges gemeinsam haben. Eine Glosse

Neulich abends in der Hamburger S-Bahn: Eine Gruppe betagter Herren und Damen unterhält sich angeregt über die Jubiläumssendung von Hansi Hinterseer. "Das war toll", sagt eine Dame wohl Ende 60. "Der ist so charmant, höflich und zuvorkommend." "Die ,Hörzu‘ hat ja total draufgehauen", sagt die andere Frau. "Der Hansi hat sich viel zu sehr in den Vordergrund gespielt, die Sendung nur für sich selbst gemacht - nicht für die Zuschauer." "Nein", sagt die Dritte. "Das sind diese Kritiker, die mögen solche Sachen eben nicht. Aber sie müssen es ja nicht gleich so verreißen." Brummend meldet sich einer der zwei Männer zu Wort: "Immerhin war die Wencke Myhre da - die ist einfach super!" "Und das nach ihrem Krebs", ergänzt seine Frau.

Es ist befremdlich und spannend zugleich, solchen Gesprächen zu lauschen. Befremdlich, weil auf einmal diejenigen vor einem sitzen, über die man sonst nur mutmaßt: "Wer guckt diesen Scheiß eigentlich?" Spannend, weil sich das Gewissen meldet: "Mach dich nicht lustig. Für Ältere sind junge Menschen doch genauso unverständlich!"

"Hey Alter, haste gesehen, was Dimi gepostet hat?", sagt einer der beiden Halbwüchsigen und betritt den Zug. "Nein, Mann! Muss mich um die Schafe kümmern, Lan", entgegnet sein Kumpan. "Farmville oder was? Ha Junge, echt krass. Ischwör." Daraufhin sieht der zweite aufgeregt von seinem Bildschirm auf und beugt sich zu seinem Kollegen: "Waa - der is jetz mit Ayse zusammen oder was? Isch dachte, Samira wär seine große Liebe gewesen."

Da schaltet sich der Zugführer ein: "Nächster Halt: Reeperbahn." Erregt schauen sich die Senioren an. "Wir sind da, ab zum Hans-Albers-Platz!" Auch die Jungs horchen auf: "Lass ma raus, Digger, Große Freiheit!" Der Zug hält, die Tür öffnet und schließt. Auf einmal ist es still - und langweilig.

  • Aus der FTD vom 07.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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