Das Geschäftsfliegerleben ist voller Rätsel. Warum wird auf Kurzstrecken Tierfutter als "Erfrischung" gereicht? Warum gibt es immer noch keinen Handgepäckscanner, der Rasierwasser von Nitroglyzerin unterscheiden kann? Und warum, warum, warum zwingt uns das Bordpersonal, alle elektronischen Geräte auszuschalten, während wir noch schwitzend die letzte wichtige E-Mail raushämmern vor der langen Funkstille?
Ja, warum eigentlich? Das fragt man sich jetzt auch im Mutterland des Sicherheitsfetischismus. Mit einer groß angelegten Studie will die US-Luftfahrtbehörde FAA (Federal Aviation Administration) überprüfen, unter welchen Umständen elektronische Geräte auch während Start und Landung benutzt werden können. "Im Interesse der Kunden" sei das wichtig, sagt Verkehrsminister Ray LaHood. Im Herbst nehmen Regierungs- und Industrievertreter zusammen mit Luftfahrt- und Mobilfunkexperten die Untersuchungen auf, an deren Ende eine Lockerung des Verbots stehen könnte.
Der Elektronikbann bei Start und Landung ist beinahe so alt wie das Handy selbst, er trat kurz nach dem Aufbau der ersten flächendeckenden Mobilfunknetze Ende der 80er-Jahre in Kraft. Bis heute hält er sich hartnäckig. Aber sind die Geräte tatsächlich eine Bedrohung für die empfindliche Bordelektronik? Tatsächlich strahlen Handys und W-Lan-Laptops elektromagnetische Wellen ab. Und tatsächlich sind Start und Landung die kritischsten Momente jedes Fluges, in denen auch wesentlich mehr Bordelektronik im Einsatz ist, die gestört werden könnte.
Könnte. Es steckt viel Konjunktiv hinter dem Verbot, Gerüchte und Vermutungen ranken sich um die Gesetzgebung. Selbst Physiker wie Manfred Bayer von der Technischen Universität Dortmund tun sich schwer mit einer konkreten Risikobewertung: "Ich dachte immer, dass die zugehörigen Frequenzbereiche ganz andere sind als die, die für die Bordelektronik wichtig sind, sodass ich das Verbot immer für etwas künstlich hielt. Vielleicht übersehe ich aber auch etwas."
Zwar gibt es Erfahrungsberichte von Piloten, laut denen die Navigation durch angeschaltete Handys uneinsichtiger Fluggäste beeinträchtigt wurde. Onlineumfragen legen aber nahe, dass in den USA knapp die Hälfte der Reisenden bei Inlandflügen ihre Handys eben nicht vor Start und Landung komplett ausschaltet. Demnach müsste es fast täglich zu unschönen Ereignissen im Cockpit kommen. Heute würden alle modernen Flugzeuge auch mit eingeschalteten Handys im Passagierraum getestet, sagt Stephan Frei, Experte für Bordsysteme an der TU Dortmund. Aber das Verhalten elektromagnetischer Wellen sei schwer zu bestimmen, gerade wenn viele Quellen zusammenkommen. Sein Fazit: "Ein Verbot ist die einfachste und sicherste Lösung."
Immerhin sind die Vorschriften nicht mehr ganz so streng. Galt früher nach deutschem Recht ein komplettes Nutzungsverbot, ist die "Verordnung zur Regelung des Betriebs von nicht als Luftfahrtgerät zugelassenen elektronischen Geräten in Luftfahrzeugen" inzwischen durchaus gnädig. Sie erlaubt die Nutzung elektronischer Geräte, "soweit sie nicht während des Rollens, des Starts, des Endanflugs und der Landung betrieben werden".
Zusätzlich können Flugzeugbetreiber die Beschränkungen für bestimmte Geräte aufheben, wenn ihnen der Flugzeughersteller oder ein Entwicklungsbetrieb nachgewiesen hat, dass diese sich mit der Bordelektronik vertragen - "unter Berücksichtigung der verwendeten Frequenzen und Sendeleistungen". Solche Nachweise aber sind zeitaufwändig und kostenintensiv. Sie musste zum Beispiel die Lufthansa erbringen, die sukzessive ihre Transatlantikflotte mit Satellitenantennen für den Internetzugang ausstattet - die Passagiere greifen per W-Lan darauf zu. Manche Fluglinien wie Ryanair ermöglichen ihren Passagieren inzwischen sogar Handytelefonate während des Flugs - doch die Start- und Landephase bleibt tabu. Außerdem ist es Flugzeugführern weiterhin freigestellt, den Gebrauch der Geräte jederzeit zu untersagen - "auch unabhängig von Störungen der Bordelektronik". Stewardessen dürfen ihren Passagieren also durchaus den Befehl erteilen, die Handys während des gesamten Fluges ausgeschaltet zu lassen, und stehen damit zumindest rechtlich auf festem Boden.
Die Pilotenvereinigung Cockpit unterstützt das strenge Präventionsprinzip: "Es muss doch gelten: 'Erlaubt ist, was erwiesenermaßen unschädlich ist', und nicht 'Erlaubt ist, was nicht erwiesenermaßen schädlich ist'", sagt ein Sprecher. Solange man nicht die Unbedenklichkeit der verschiedenen Geräte nachgewiesen habe, sei es unverantwortlich, diese erst zu verbieten, nachdem etwas geschehen sei. Diese Logik kritisierten die Psychologie-Professoren Daniel Simons und Christopher Chabris jüngst im "Wall Street Journal": "Nicht Angst, sondern konkrete Belege sollten die Grundlage eines Verbots bilden", schreiben sie in dem Beitrag.
Solche Belege soll nun die von der FAA beauftragte Expertengruppe erbringen. Sie wird die gängigen Testmethoden untersuchen, mit denen das Gefahrenpotenzial elektronischer Geräte ermittelt wird, und über neue technische Standards für den Gebrauch mobiler Geräte während jeder Flugphase beraten: "Wir wollen Informationen zusammentragen, die den Verantwortlichen helfen zu entscheiden, ob sie in den Flugzeugen von heute einen umfassenderen Gebrauch von elektronischen Geräten erlauben können", so Behördenleiter Michael Huerta. "Außerdem wollen wir solide sicherheitstechnische Daten zusammentragen, damit zukünftige Flugzeugdesigns gut vor Störungen geschützt sind."
Als ersten Schritt bindet die FAA auch die US-amerikanische Bevölkerung ein. Bis Ende des Monats darf jeder Bürger Stellungnahmen zu Elektronik im Flugzeug einreichen: Gefragt sind etwa Meinungen zu ungelösten Sicherheitsfragen, über die Notwendigkeit neuer Zertifizierungsregeln oder nötige technischen Entwicklungen. Auf Basis der so gesammelten Daten will die FAA ihr weiteres Vorgehen in der Expertengruppe planen. Eine Lockerung der FAA-Vorschriften würde sicherlich auch in die europäische Gesetzgebung einfließen, sagt der Cockpit-Sprecher, - wenn auch mit einiger Verzögerung.
Bis auf Weiteres bleibt es also bei sämtlichen Fluglinien beim vorsorglichen Elektronikverbot bei Start und Landung. Womit der Crew auch die undankbare Aufgabe erhalten bleibt, renitente Passagiere zum Ausschalten zu nötigen.
Bis vor etwa acht Jahren konnten die mit dieser Mission beauftragten Flugbegleiter bei der Lufthansa noch freundlich auf das Risiko durch die elektromagnetischen Wellen hinweisen. Damals erklärte der Konzern das Verbot in seinen Ansagen noch mit der potenziellen Störung der Bordelektronik - und gab so den Passagieren eine scheinbar einleuchtende Begründung für den Handybann.
Heute gilt bei der Lufthansa aber ein sehr viel profanerer Grund für das Handyverbot: Denn bei den umfangreichen Tests, die der Konzern im Rahmen der W-Lan-Einführung an Bord durchführte, habe sich gezeigt, dass die Bordelektronik auch gegen Handys gut abgeschirmt sei, sagt ein Lufthansa-Sprecher. Ein Sicherheitsrisiko durch sendende Geräte könne bei der Fluglinie seitdem definitiv ausgeschlossen werden. Dennoch müssen sämtliche Geräte während Start und Landung nach geltendem Gesetz ausgeschaltet werden - auch technisches Equipment, das gar keine Kommunikationsverbindungen aufbaut: Digitalkameras, Gameboys, DVD- und MP3-Player bleiben ebenso aus wie Handys, Tablet-PCs und Laptops.
Denn die Passagiere sollen einfach während des Fluges nicht mit so vielen kleinen, harten Gegenständen herumhantieren, die bei Turbulenzen durch die Kabinen fliegen könnten - und von den Ansagen des Bordpersonals ablenken, wenn es bei Start und Landung wirklich einmal zu Problemen kommen sollte.