Irgendwann, so etwa auf 2500 Metern, fragt man sich ernsthaft nach dem Warum. Was hat einen geritten, in dieses Flugzeug zu steigen? Warum sitzt man hier auf dem Boden, eingepfercht zwischen einem Dutzend anderer Menschen, in einem flatternden Müllsack von Ganzkörperanzug? War es unten nicht auch schön? Draußen brausen die Propeller, unten wackeln Queenstown und der spiegelglatte Wakatipu-See. An meinem Rücken ist mit Karabinerhaken ein riesiger Holländer befestigt. An seinem Rücken ein Fallschirm. Hoffentlich. In ein paar Minuten steigen wir aus. Warum? Ist mir gerade entfallen.
Bungee, Rafting, Paragliding - bislang hat alles Sinn ergeben, was man als Urlauber hier so macht. Neuseeland, das Land für Abenteurer. Oder für Stubenhocker, die ihrem Bürotrott entkommen wollen. "Die meisten fangen langsam an", hat Derek Melnick gesagt. Derek arbeitet bei der Firma, die mich gleich aus dem Flugzeug schmeißt.
In Queenstown auf der Südinsel buchen viele erst mal eine Tour mit einem Sportboot, das durch beängstigend enge Canyons rast. Danach gehen sie Klettern, Wildwasserpaddeln oder rollen in aufblasbaren Kugeln Hänge hinunter. Und später starren sie vielleicht mit mir auf die höchsten Gipfel rund um Queenstown, die gerade auf Augenhöhe durchs Flugzeugfenster grüßen. Aufgepasst, jetzt werden Fotos gemacht. Wichtig ist, immer zwei gereckte Daumen in die Kamera zu halten, das lenkt von der Angst in den Augen ab. Hinten am Heck der Maschine wird die Tür geöffnet. Ich hätte in meiner Lodge bleiben sollen. Da war es friedlich, einsam, und die einzige Grenzerfahrung bestand in der überragenden Köstlichkeit des Abendessens.
"Alles okay?", fragt André, der riesige Holländer. Die Hälfte des Jahres arbeitet er als Krankenpfleger in Groningen, die andere Hälfte jagt er Touristen einen Schreck ein. Tandemsprung heißt die Disziplin. Eigentlich ist es eher so, dass man von einem Profi unter den Arm geklemmt wird, und der springt dann raus. André strafft die Gurte, die uns zusammenhalten. Wir sind die Letzten in der Reihe. Zu viel Zeit, um zuzusehen, wie vor mir die Paare zur Tür rutschen. Der vordere (Tourist) panisch, der hintere (Profi) recht locker. Dreimal schaukelt jedes Paar vor und zurück, dann springt es und ist nur noch ein Punkt im Abgrund. Und jetzt sind wir dran.
Auch ich habe mich mit kleineren Mutproben an den Fallschirmsprung herangetastet. Unangenehme Sache zum Beispiel: im offenen Meer schwimmen. Also nicht am Strand hineinwaten und ein bisschen hinausplanschen, sondern vom Boot ins Meer springen, wenn man das Ufer bereits vor einer halben Stunde verlassen hat. Selbst Profischwimmerin Britta Steffen hat zugegeben, dass sie Angst vor offenem Wasser hat und immer nah am Strand bleibt. Man braucht sich dafür also nicht zu schämen.
Delfine haben keine Angst vor dem Meer. Ständig umkreisen sie Neuseeland, und man kann mit ihnen schwimmen - wenn sie Lust dazu haben. Ich habe es letzte Woche auf der Nordinsel probiert, wo es etwas wärmer und tropischer ist als im schottisch anmutenden Hochland von Queenstown. Es hat mich ein bisschen Überwindung gekostet, meine schnieke Villa am hügeligen Ufer der Bay of Islands zu verlassen, aber dann stand ich doch an Deck, mit Schnorchel und Flossen. Sehr, sehr dunkles Wasser, leichter Wellengang. Ich musste an den Film "Open Water 2" denken, in dem ein paar junge Leute von einer Jacht aus schwimmen gehen, ohne die Leiter herunterzulassen. Fast alle kommen um, es ist keine Komödie.
"Go, go, go!", rief ein Bootsmann, als plötzlich Rückenflossen das Meer teilten. Sekunden später paddelte ich aus Leibeskräften einem Delfin hinterher, der mich nicht einmal ignorierte. Als ich den Kopf das erste Mal aus dem Wasser hob, war das Boot 50 Meter entfernt. Ich schwamm noch schneller zurück. Fünf-, sechsmal ging das so, danach war mir das mit dem Boot auch egal. Ich war ein bisschen stinkig, dass die Delfine sich nicht um mich scherten. Dafür scherte mich das offene Meer irgendwann nicht mehr, insofern bin ich ihnen dankbar.
Abends, zurück in meiner gläsernen Villa an der Bay of Islands, pendelte ich zwischen meinem Infinity-Pool und dem beheizten Whirlpool hin und her und dachte: niedlich. Die Villa ist eine von fünfen im Resort Eagles Nest. Jede wartet mit gefülltem Kühlschrank und Zugang zum Privatstrand auf, die Architektur ist spektakulär. (Jedoch Vorsicht: Wer Angst vor großen, leeren Räumen hat, dem wird der Aufenthalt zur Mutprobe!)
Ein Flugzeug brachte mich am nächsten Tag ins eine Stunde südlich gelegene Rotorua. Beim Blick aus dem Fenster wurde mir klar, warum der Urlauber in diesem Land zu grenzüberschreitendem Aktionismus neigt. Diese unbehauene, atemberaubende, lächerlich dünn besiedelte Landschaft fordert zum Kräftemessen zwischen Natur und Mensch heraus. Keine Museen von Weltruhm, keine Eiffeltürme und Metropolen, die besichtigt werden wollen. Stattdessen fast 16.000 Kilometer Küstenlinie, Gebirge, die sich auf mehr als 3500 Meter aufschwingen, grüne Hügel, Regenwald und ewiges Eis. Man kommt hierher, um unberührte Schöpfung in sich aufzusaugen. Und wenn man sie genug durchwandert und beradelt hat, dann kommt die Abenteuerlust.
Die zweite Mutprobe erwartete mich unter der Erde. "Black Water Rafting" nennt sich das Erlebnis in den Waitomo Caves, etwa 150 Kilometer westlich von Rotorua. Das Labyrinth aus Höhlen und unterirdischen Flüssen ist nass und dunkel. Neoprenanzug, Gummischuhe, Helm mit Stirnlampe - für fast jedes Abenteuer gibt es eine Ausrüstung, in der Profis sehr gut, Touristen aber recht dämlich aussehen. Mit einem prall aufgeblasenen Lkw-Schlauch soll man sich durch die Dunkelheit treiben lassen und dann einen Wasserfall hinunterspringen. Rückwärts, Arsch und Reifen voran. Weil das nicht jedermanns Sache ist, wird vorher geübt. Ein Sprung vom Steg in einen See, der kalt wie Gin Tonic ist.
Vor dem schmalen Eingang zur Höhle stand Nicola mit einer Kamera. "Neulich hat ein Pärchen so geguckt, als wäre es auf dem Weg zur Hinrichtung." Sie grinste. Hinter dem Spalt herrschte gähnende Finsternis. Ich bin als Sechsjähriger mal in einem selbst gebuddelten Tunnel am Strand stecken geblieben, mein Vater musste mich an den Füßen rausziehen. Hoffentlich ist hier einer so stark wie er.
Kopf und Schultern einziehen, Helmlampen an. Ein Bach plätscherte, und wir stiegen in unsere Schläuche. Unter niedrigen Felsdecken, an denen man sich fast die Nase stößt, trieben wir hinein in weite Höhlen, größer als Kathedralen. Die Angst vor engen Räumen heißt Klaustrophobie, die vor Dunkelheit Achluophobie, und hier unten kann man beide vergessen. Die Expedition macht zu viel Laune. Wie auf einer endlosen Wasserrutsche sausten wir vorwärts. Zwischendurch ging es zu Fuß über Felsen und Vorsprünge, wir kletterten, sprangen und standen plötzlich vor dem Wasserfall. Der Bach rauschte über eine Kante in ein schwarzes Loch. Ich drehte mich um, drückte den Schlauch an den Hintern, holte Luft - und Nicola gab mir einen Schubs. Keine zwei Meter tiefer platschte ich auf. Halb so wild, hätte man's vorher gewusst. Wir schalteten die Helmlampen aus. Auf den Höhlenwänden saßen winzige Glühwürmchen. Zehntausende Männchen lockten mit ihrem fluoreszierenden Hinterteil die Weibchen an. Mit gelöschten Lampen trieben wir durch ein nasses Planetarium.
Zwei Stunden dauerte der Spaß, von dem ich mich in der Treetops Lodge mit einem Sherry vor dem Kamin erholte. Man kann sich dort, zwischen dunklem Holz, Billardzimmer und Jagdtrophäen, sehr gut vorstellen, wie sich Neuseelands Nationalheld, der Bergsteiger Edmund Hillary, gefühlt haben muss, wenn er nach einer Expedition in ein gepflegtes Landhaus zurückkehrte.
(Jedoch Vorsicht: Wer Angst davor hat, allein in einem Haus im Wald zu schlafen, dem wird der Aufenthalt zur Mutprobe!)
Ich flog weiter auf besagte Südinsel und trieb mich wandernd und paddelnd um Queenstown herum. Bis ich in der Stadt einen Laden betrat, der Fallschirmsprünge verkauft. Man warnte mich davor, mit Erkältung oder Durchfall zu springen, weil das schmerzhafte oder unappetitliche Folgen beim Druckausgleich in Nebenhöhlen oder Darm haben könnte, und ließ mich eine Vereinbarung unterschreiben, die sehr sachlich auf die Möglichkeit meines Todes hinwies. Ein Bus brachte mich auf das Rollfeld vor den Toren der Stadt.
Und nun sitze ich hier in der offenen Flugzeugtür. Hinter mir André, vor mir meine Füße, die in einem Nichts baumeln, das erst 5000 Meter weiter unten endet. Weniger als fünf Minuten dauert der Fall.
Ich habe Einwände. André schaukelt einmal vor und zurück. Ich würde ihm gern sagen, dass ich doch kein Held sein will. Hey, bezahlt ist ja schon, wir fliegen einfach mit der Maschine zurück. Aber es ist zu laut. André schaukelt zum zweiten Mal. Ich denke an meine Lodge am Wakatipu-See. Sie heißt Blanket Bay und liegt so einsam, dass man das Gras wachsen hört. (Jedoch Vorsicht: Wer schon beim Vorspann von Stanley Kubricks Hotelhorrorfilm "The Shining" eine Gänsehaut kriegt, dem wird der Aufenthalt zur Mutprobe. Die Fahrt am Seeufer entlang gleicht dem ersten langen Kameraflug bis aufs Haar!)
André schaukelt zum dritten Mal. Dann ein Ruck, und plötzlich Stille. Der zweitschlimmste Moment eines Sturzes ist immer der erste. Wenn das Fallen beginnt. Der Flugzeugboden, letzter Halt, ist weg. Eine vergleichbare existenzielle Erfahrung habe ich nur als Kind gemacht, als ich beim Anblick meines toten Meerschweinchens begreifen musste, dass manche Dinge unwiederbringlich verschwinden. Wie jetzt das Flugzeug. Es ist so unerreichbar wie eine Seele im Jenseits.
Der Klang des Motors schon ein fernes Flüstern. Die Tiefe saugt mich an. Der Wind dreht auf. Mein Magen beschleunigt schneller als mein Hirn. Der Wind schwillt zum Orkan an, er brüllt mir mit 200 Stundenkilometern ins Ohr, zerrt an Brille und Mütze. Die Erde trudelt uns entgegen, und das Entsetzen verdichtet sich in meinem Kopf zu einem einzigen Gedanken. Und der muss raus. Ich schreie: Uuuuuuaaaaaaaarrrrrrggghhhhh!
Zehn Sekunden später habe ich mich mit der neuen Lage arrangiert und stoße freudige Achterbahnjuchzer aus. Die Aussicht! Ich fliege! Wahnsinn! Der schlimmste Moment eines Sturzes ist für gewöhnlich das Aufschlagen. Aber André zieht die Reißleine, ein Ruck bremst uns ab, und wir segeln sanft zu Boden, den anderen Fallschirmen hinterher. Meine Mitspringer grinsen mir schon entgegen. Ich grinse glücklich zurück. Das Land für Abenteurer hat mich doch noch zum Helden gemacht.