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Merken   Drucken   31.08.2008, 15:00 Schriftgröße: AAA

Schippern in Venedig: Auf allen Kanälen

Während auf dem Lido die Filmfestspiele gefeiert werden, ist auf den Wasserstraßen Venedigs die Hölle los. Aber gondeln kann jeder - zum Abenteuer wird die Lagunenstadt erst im Kanu.
von Inke Suhr

Wer bisher seine Paddeltouren in menschenleeren Naturparadiesen unternommen hat, fühlt sich bei Venice Kayak an die erste Fahrstunde erinnert: Zwischen dem Campingplatz San Nicolò auf dem Lido und dem Zentrum von Venedig liegt der Canale di San Marco. Er ist die Einfallstraße in die Lagune. Das Wasser ist vom Schiffsverkehr aufgewühlt, Wellen spritzen. Von rechts stampft eine Autofähre heran, links dröhnen Motorjachten. "Die Lücke ist groß genug - schnell rüber!", ruft Marco Ballarin. Der gebürtige Venezianer und sein dänischer Partner René Seindal bieten seit diesem Sommer erstmals Kajaktouren durch Venedig an. Nun haben sie mich in ihrer Mitte und starten durch. Ich paddele um mein Leben. Anders als in der Fahrschule können Kajakguides nicht im Notfall auf die Bremse treten, um die sichere Querung einer Schnellstraße zu gewährleisten. Hier sitzt jeder in seinem eigenen Boot. Das trauen sich noch nicht viele.

Nach dem 50-Meter-Sprint stellt sich Idylle ein. Da die Lagune für Schiffsverkehr zu flach ist, konzentriert sich das Getümmel auf wenige Fahrrinnen, die mit in den Boden gerammten Holzbohlen begrenzt sind. Außerhalb der Markierungen fahren nur wir. Das Wasser ist so klar, dass die Seegraswiesen am Boden zu erkennen sind. Fischschwärme glitzern in den Sonnenstrahlen. Wir lassen die Isola di Sant'Elena links liegen, paddeln an einer Reparaturwerft für Haltestellenpontons der Wasserbusse vorbei und erreichen das Kanalsystem der Innenstadt durch einen Hintereingang.

Bella Laguna: Autorin Inke Suhr paddelte unter der Rialtobrücke durch   Bella Laguna: Autorin Inke Suhr paddelte unter der Rialtobrücke durch

In diesen Teil Venedigs kommt kaum ein Tourist: Es gibt wenige Fußwege, viele Häuserblocks sind nur über einen der schmalen Kanäle zu erreichen. Vor allen Häusern liegen Boote, bunte Fassaden mit wild wuchernden Balkonpflanzen spiegeln sich in der kaum bewegten Wasseroberfläche. Über unseren Köpfen hängen Wäscheleinen, aus offenen Fenstern weht der Geruch von Mittagessen, man hört Gesprächsfetzen und Radiomusik. Großmütter laden Enkel und Einkaufstaschen in ihr Dingi, schmeißen den Außenborder an und fahren zum Supermarkt. Eine Katze schlummert auf einem Campo, so heißen die vielen kleinen Brunnenplätze mit schiefen Kirchen, deren Putz dahinbröckelt. Sie hebt kurz den Kopf, als wir mit leisem Plätschern vorbeigleiten.

Verkehrstipps

"Genieß die Ruhe, gleich ist sie nämlich vorbei", sagt Seindal, "dann kommen wir nach Gondolaland." So haben die beiden den Teil Venedigs getauft, in dem die beliebten Gondelrouten verlaufen. Wer hier paddelt, sollte wissen: Obwohl auf dem Wasser Rechtsverkehr herrscht, empfiehlt es sich, Gondeln immer links auszuweichen. So haben die rechts ausschlagenden Ruder ausreichend Platz und die Gondolieri Sicht auf den Gegenverkehr. Unter Brücken wird es oft zu eng, da die Fahrer die niedrigen Bögen in der Mitte durchfahren, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Auch die Ohren sollten Paddler aufsperren: Da die Gondolieri hinten auf ihren Booten stehen, können sie abzweigende Kanäle erst spät einsehen. Bekommen sie auf ihre "Oye"-Rufe keine Antwort, nehmen sie an, dass der Weg frei ist.

In den Innenstadtkanälen Venedigs tummeln sich die ...   In den Innenstadtkanälen Venedigs tummeln sich die Kanu-Touristenströme

Hinter der nächsten Biegung wird sogar gebrüllt: Zwei Kanäle kreuzen, Gondolieri und Motorbootfahrer diskutieren mit wilden Gesten, wer zuerst fahren darf. Aus Kajakperspektive wirken die hohen, lackschwarzen Buge der Gondeln mit den traditionellen silbernen Ornamenten bedrohlich. Ich hangele mich an einem glitschigen Mauervorsprung entlang. Winzige Asseln krabbeln über den Stein, eine Strandkrabbe richtet drohend ihre Scheren auf, bevor sie in einem Büschel Algen Deckung sucht. Im Stop-and-go-Verkehr hinter den Gondeln her erreichen wir den Canal Grande, über den sich die berühmte Rialtobrücke spannt. Wasserbusse kurven zu den Anlegestellen, Gondeln und Motorboote weichen einer Ambulanz aus, die mit Blaulicht die Wasserstraße hinunterjagt. Durch das Gewusel scheint eine Gruppe zu schweben: Es sind die stehenden Passagiere eines Traghetto - einer von zwei Fahrern geruderten Gondelfähre, die den Canal Grande im Pendelverkehr überquert. Meine Guides lotsen mich an einer Restaurantterrasse entlang. Das Paar am vordersten Tisch schreckt hoch, als unsere Köpfe neben ihren Stühlen auftauchen.

Glücklich erreichen wir den schmalen Rio del Duca und wählen die Abkürzung unter der Kirche Santo Stefano. Am Ende des Rio di Palazzo hinter der Seufzerbrücke, die das Gefängnis mit dem Dogenpalast verbindet, öffnet sich der Blick über den Canale della Giudecca. Die Piazzetta dei Leoncini, auf dessen Säulen Venedigs Stadtheilige thronen, ist gleich um die Ecke. Die auf der gesamten Länge der Ufermauer geparkten Gondeln werden durch eine weiträumige Abtrennung vor den Wellen geschützt. Wir dümpeln eine Weile in dem ruhigen Wasser und genießen die Aussicht auf Touristengetümmel und Verkaufsstände vor der grandiosen Kulisse, bevor wir uns auf den Rückweg zum Lido machen. Vor der nächsten Tour, schlagen Ballarin und Seindal vor, wollen sie mir eine Trainingsstunde in ruhigeren Gewässern geben. Danach hätte ich die technischen Kenntnisse, um in ihren Klub aufgenommen zu werden. Bisher sind sie die einzigen Mitglieder. Eintreten darf nur, wer eine Eskimorolle unter der Rialtobrücke gemacht hat. Ich bin auf dieser Tour auch ohne durchkentern schon ziemlich nass geworden.

Paddeln in Venedig
Eine Woche kostet 675 Euro, mit Kurs am Lido 750 Euro, Tagestouren um 100 Euro pro Person bei Gruppen bis sechs Personen, www.venicekayak.com
  • FTD.de, 31.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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