Nichts ist schlimmer als fliegen. Nicht allein wegen der vielen Menschen, mit denen man in einer Röhre eingesperrt ist - sondern wegen der unfassbaren Ödnis, die ein Langstreckenflug mit sich bringt. Stunde um Stunde hockt man auf einem Sitzlein, bekommt minderwertiges Essen serviert und romantische Filmkomödien gezeigt, bei denen man im Fernsehprogramm sofort weggeschaltet hätte.
Eigentlich wäre es erstrebenswert, direkt nach dem Start sehr tief und sehr fest einzuschlafen. Die New Yorker Künstlerin Nina Katchadourian indes kennt einen kreativeren Ausweg aus der Fadheit über den Wolken: Sie flieht auf die Flugzeugtoilette und macht dort - Kunst.
Was zunächst eine spontane Zweckentfremdung von Hygienematerial war, hat sich inzwischen ausgewachsen zu einer Serie von "Waschraum-Selbstporträts im flämischen Stil".
So nennt Katchadourian ihre Handyaufnahmen, für die sie sich mit Papiertüchern, aufblasbaren Nackenkissen, Plastikbechern und Klobrillenauflagen im Stil altniederländischer Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts herrichtet. Klingt skurril, ist es gewiss, doch für die Konzeptkünstlerin liegen die Parallelen zwischen Flugzeugklos des 21. Jahrhunderts und den 500 Jahre alten Bildern auf der Hand: Der Waschraum sei an Bord der einzige Ort mit Privatsphäre, darin den alten Gemälden ähnlich, die dem Betrachter das Gefühl gaben, jemanden beim Alleinsein zu beobachten.
Die flämischen Selbstbildnisse sind Teil von Katchadourians Projekt "Seat Assignment". Für das macht sie seit März 2010 aus der Not der Langeweile die Tugend künstlerischen Schaffens. Es gibt nur eine Regel: "Ich benutze nur, was ich dabeihabe, und alles, was ich an Bord auftreiben kann", sagt die Vielfliegerin: Zeitschriften, Bonbons und natürlich das Handy zum Fotografieren.
"Etwas extra zu kaufen wäre schummeln." Grundlage von "Landscapes", der größten Serie innerhalb von "Seat Assignment", sind Bordmagazine der Airlines. Aus ihnen entstanden auf mittlerweile fast 80 Flügen Hunderte Collagen, für die Katchadourian zum Beispiel das gereichte Salzgebäck zerbröselt und auf dem Bild einer Autobahnbrücke zu einem monströsen Erdrutsch aufschüttet. Oder sie macht ein angebissenes Sandwich zum Ufo, das eine Gruppe von Bergwanderern überschattet.
Um bei den Sitznachbarn nicht allzu unangenehm aufzufallen, fotografiert Katchadourian ihre Werke nur mit dem Handy und versucht, bei der Arbeit so gelangweilt wie möglich auszuschauen. Mit Erfolg: Erst dreimal wurde sie angesprochen. "Es ist hilfreich, dass ich eine weiße, weibliche Person bin. Ich sehe nicht sehr verdächtig aus", sagt sie.
Trotzdem war es wohl besser, dass niemand zusah, als sie zwei längliche, quaderförmige Waffeln auf ihrem Klapptischchen zu Twin Towers formierte. "Einen Moment hatte ich gezögert", erinnert sich Katchadourian, "es war eine Woche vor dem zehnten Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center, und ich saß in einem Flugzeug, hatte das im Kopf, und dann sah ich diese Waffeln ... Das hätte richtig unangenehm für mich werden können." Deutlich gefahrloser - auch wenn der Titel anderes vermuten lässt - ist ihre Serie "Sleepers". Dabei fotografiert die Künstlerin ihre Sitznachbarn - genau in dem Moment, in dem sie einnicken.
Sollte auf Ihrem nächsten Flug also eine Frau gelangweilt abgebissene Zitronenscheiben oder Minzpastillen auf dem Bordmagazin drapieren, seien sie auf der Hut. Sollten Sie nach dem Start sehr tief und sehr fest einschlafen, ist es gut möglich, dass Sie sich bald in einer Ausstellung von Nina Katchadourian wiederfinden.
Flämische Klo-Meister im Netz
www.ninakatchadourian.com