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Merken   Drucken   03.11.2012, 17:40 Schriftgröße: AAA

In bester Gesellschaft: Der Traum von einer eigenen Wurstmanufaktur

Eigentlich will unsere Autorin in Berlin an ihrem Roman arbeiten. Doch die Zeit weht an ihr vorbei. Eine Soiree mit bodenständigem Essen ändert das zwar nicht, aber das Nichtstun fühlt sich plötzlich besser an.
© Bild: 2012 Daniel Matzenbacher / www.Matzenbacher.de
Eigentlich will unsere Autorin in Berlin an ihrem Roman arbeiten. Doch die Zeit weht an ihr vorbei. Eine Soiree mit bodenständigem Essen ändert das zwar nicht, aber das Nichtstun fühlt sich plötzlich besser an.

Die Begegnung mit einer Stadt ähnelt oft der Begegnung mit einem Menschen. Man weiß, man mag sich, aber man wird nicht richtig vertraut. Bis der Moment kommt, der den entscheidenden Impuls gibt. Es entsteht eine neue Tiefe, die die bisherige Sympathie bestätigt, erklärt und festigt. Ich habe diesen Moment vor einigen Wochen Bin Berlin bei einer Soiree erlebt, zu der mich mein alter Freund Jacob eingeladen hatte. Sein Anruf kam zu einem Zeitpunkt, an dem ich die Hoffnung, in Berlin eine neue Heimat zu finden, gerade aufgegeben hatte: Es fühlte sich zwar gut und richtig an, dort zu sein, aber mehr auch nicht.

Während der zehn Monate, in denen ich in meiner Berliner Zweitwohnung versucht hatte, die Fortsetzung meines ­Romans "Hinter dem Mond" zu schreiben, war eigentlich nichts passiert. Ich hatte meinem halb fertigen Manuskript keinen einzigen neuen Satz hinzugefügt, weder interessante neue Leute noch heiße Flirtpartner getroffen und auch keine tollen Partys besucht oder eine neue beste Freundin gefunden. Ich hatte nicht einmal etwas richtig Gutes gegessen.

Alkohol und High Heels sind eine gefährliche Kombination

Das mit dem Essen war ein Problem, der Rest war mir egal. Berlin schaffte es einfach nicht, mich kulinarisch zu befriedigen. In einer Stadt zu leben, in der nichts wirklich großartig schmeckt: Man isst das Nötigste und bleibt schlank. So gesehen war mein Dasein ein langer ruhiger Fluss. Bis zu dem besagten Abend nach Jacobs Anruf, an dem ich mir ein grünes Kleid anzog und in das Restaurant Katz Orange fuhr, dem Ort, an dem die Soiree stattfand.

Der Innenhof mit alten Buckelsteinen war so groß, dass in der Mitte ein gigantisches, von 200 Menschen umringtes Büfett Platz fand. Die Leute machten, was man an solchen Abenden so macht: Sie tranken und laberten. Währenddessen lehnten die weiß bemützten Köche lässig an den weißen Tischen und warteten auf ihren Einsatz. Ständig hielten mir lächelnde Jünglinge ein Tablett mit köstlichen Bellinis unter die Nase. Um 7 war ich so blau, dass ich mich auf einen Stuhl werfen musste, um mir mit meinen High Heels nicht genauso unwiderruflich das Genick zu brechen wie die New Yorker Bankierstochter Carlisle Brigham - wobei es sie auf einer Treppe erwischt hatte, ich würde nur Kopfsteinpflaster vorweisen können.

Ich war an diesem Abend un­gefähr sechsmal betrunken. Ich betone das so explizit, weil ich ­eigentlich keinen Alkohol trinke, und wenn doch, dann nur ganz wenig. Zwischendurch wurde ich wieder nüchtern. Jacob und einige Vertreter der Green Music Initiative hielten Reden. Ich hasse und fürchte Reden, ganz klar, aber ­Jacob interviewte einen sympathischen jungen Mann, einen gewissen Ludwig, dem das Katz Orange gehörte. Ludwig erzählte von vergessenen alten Gemüse- und Kartoffelsorten. Ich wollte wissen, was das sollte, und hörte zu. Die Green Music Initiative berät Produzenten, Künstler, Festivals und Klubs, die ihre Musik umweltverträglich an den Mann bringen wollen. Die Soiree sollte beweisen, dass grünes Musikmanagement nichts mit Tofu-Tristesse oder selbst ­gestrickten Socken zu tun hat.

Wurstbrät auf dem schönen Kleid

Nach den Reden wurde das Büfett eröffnet. Eigentlich war es ein Koch-Happening. Jacob holte mich an die Wurstmaschine. Wir produzierten mindestens 20 Meter Brühwurst im Naturdarm. Sie wurde in großen Töpfen erhitzt und schmeckte köstlich. Erwähnte ich an dieser Stelle schon einmal, dass ich Wurstmaschinen liebe und von einer eigenen Wurstmanufaktur träume? Das Brät schmeckte auch roh sehr gut, ich musste es von verschiedenen Stellen meines grünen Seidenkleids und den Ärmeln von Jacobs rosa ­Jackett ablecken.

Es gab gigantische Laibe vom besten und schönsten Brot, das ich je in Berlin essen durfte. Die Soluna Bäckerei in Kreuzberg hatte es gebacken. Und es gab Duroc-Schwein, als Ganzes gesotten. Diese alte Rasse wird seit ­einiger Zeit in Thüringen wieder gezüchtet. Ich aß Havelländer Apfelschwein, das zu Lebzeiten so viel Bio­äpfel fressen durfte, wie es wollte. ­Eigentlich mag ich Schwein nicht besonders, aber das rosa Fleisch aus dem Ofen war so zart und schmackhaft, dass ich an den frischen Schinken dachte, den meine Eltern früher immer in Südfrankreich in der Charcuterie kauften. Er wurde mit einem riesigen Messer vom Knochen geschnitten, und wir aßen ihn einfach so, ohne Brot.

Dann setzte sich Ludwig zu uns und erzählte von Carlo Polland, der in der Uckermark vergessene Kartoffelsorten und Raritätengemüse anbaut. Er beliefert Berliner Gourmetrestaurants damit. Ludwig stellte einen großen Glaskübel vor mich hin, mit Kieselsteinen gefüllt, wie ich dachte. Wie sich he­rausstellte, waren es kleine Kartoffeln. Bamberger Hörnchen, Brüsseler und dunkle Kartoffeln, alle frisch gekocht. Man konnte sie ungepellt in Sauerrahm tunken und essen. Ich bekam eine kleine, zäpfchenförmige, grüne ­Tomate. Auch sie schmeckte köstlich.

Tanzen ohne Musik?

Das Essen machte mich wieder nüchtern, woraufhin der smarte Betreiber des Etablissements seinen Sommelier vorbeischickte, der mir einen Vin Naturel einschenkte. Obwohl er trocken und leicht war, ließ er mich nach dem zweiten Glas wieder leicht schwindeln. Irgendwann tanzten wir Gäste neben der Bar, erst später fiel mir auf, dass keine Musik lief. Gilt ein Abend als gelungen, wenn die Leute ohne Musik tanzen? Man weiß es nicht.

Aber ich weiß jetzt definitiv, dass meine Monate in Berlin nicht vergeudet sind. Ich bin nützlichen Tätigkeiten nachgegangen. Ich habe die Stadt erfühlt und erspürt. Das ist wichtig, wenn man irgendwo neu ist. Ludwig hat es genauso gemacht, wie er mir später, als wir an seiner Bar hingen und Cocktails schlürften, erzählte. Nach seiner Ankunft in Berlin hat er mehr als vier Jahre lang darüber meditiert und nachgedacht, was werden soll. Dann hat er das Restaurant eröffnet, in dem ich saß. Wunderbar, dachte ich.

Ich fühle mich getröstet: Ich habe noch mindestens drei Jahre Zeit, nichts zu tun. Irgendetwas Gutes wird mir trotzdem passieren. Auch wenn es nur eine fantastische Kartoffel ist.

  • FTD.de, 03.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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