Es gibt einen Tag im Jahr, der wird immer schwieriger, je älter man wird. Sie haben es erraten, es ist der eigene Geburtstag. Auch wenn ich diese Phase, in der man schon Wochen vorher eine Krise schiebt, weil man schon wieder ein Jahr älter, eine Frau und immer noch unverheiratet ist, schon lange hinter mir gelassen habe. Ganz im Gegenteil, ich bin froh um jedes Jahr, das ich friedlich hinter mich bringen kann, denn mir kommt das Leben immer mehr vor wie ein lästiger und unglaublich langweiliger Hindernislauf mit vielen Fallen und Tücken, den man sich irgendwann aufgehalst hat - je besser man sich durchschlägt, desto schneller ist man am Ziel und kann endlich chillen.
Aber bevor Sie jetzt schockiert sind, wie man auf etwas so Wunderschönes wie das Leben eine so destruktive Sichtweise haben kann, erkläre ich Ihnen, warum. Jeder normale Mensch spürt früher oder später in seinem Leben, dass er einen Plan hat oder, wenn er es zu spät spürt: hätte haben sollen, und was er tun, erleben, erreichen muss, um irgendwann zufrieden zurückblicken zu können.
Mit "erreichen" meine ich keine materiellen Ziele, sondern Handlungen, denen man Wert beimisst. Ich zum Beispiel wollte als Kind alle Katzen retten, die kein Zuhause haben. Dann kamen andere Ziele hinzu wie zum Beispiel gute Bücher schreiben und Leute anziehen. Also versuche ich, alles, so gut ich kann, schnell zu erledigen, damit ich endlich meine Katzenrestaurants betreiben kann. Natürlich in Ländern, in denen Katzen auf den Straßen leben und nicht in Tierheimen wie bei uns.
Aber zurück zu meinem Geburtstag, den ich dieses Jahr auf eine ungewöhnliche Art verbrachte, nämlich nur mit mir selbst. Ich buchte ein schönes Hotel in der Toskana, einem Ort, der seit Jahrhunderten gleich schön geblieben ist: kein Starbucks, kein Asia-Imbiss, keine Shoppingmalls. Da ich Florenz und seine Umgebung wie meine Westentasche kenne, wusste ich genau, was auf mich zukam. Trotzdem hatte ich große Angst. Allein Geburtstag feiern ist wirklich etwas für Fortgeschrittene, das muss sogar ich zugeben.
Früher waren Geburtstage leicht. Ich meine die Zeit zwischen 20 und 35. An einige gelungene Feiern kann ich mich sehr gut erinnern. Einmal steckte ich so tief in der hochkomplizierten Trennung von meinem damaligen Freund, dass ich die Party auslagern und von München auf ein Floß nach Berlin verlegen musste. Ich hatte Himbeerbowle mit frischem Ecstasy gemacht, alle hatten reichlich davon getrunken, und die Stimmung auf dem zweistöckigen Floß war so ausgelassen, dass das Ding kippte, ein riesengroßer Schwall dunklen Spreewassers die Anlage mitsamt zwei Plattenspielern und sämtlichen Platten (ja, damals legten DJs noch Vinyl auf) umspülte und wie ein Tsunami mit sich in die Spree riss. Ein paar Gäste waren so traumatisiert, als man sie aus dem dunklen Wasser gefischt hatte, dass sie Beruhigungsmittel und Streicheleinheiten brauchten, um wieder klarzukommen.
An einem anderen legendären Geburtstag fragte ich einen guten Freund, den Deutschland-Repräsentanten des lobenswerten Herrenmodedesigners Paul Smith, ob ich eine kleine Party in seinem eleganten Showroom feiern dürfe. Der Showroom befand sich im Parterre eines unbezahlbaren Altbaus in der Münchner City, dessen Bewohner vor Arroganz platzten. Er sagte Ja, natürlich, und ahnte nichts Böses.
Ich lud 70 Leute ein, aber es kamen doppelt so viele. Der DJ, im Hauptberuf ein nicht ganz unbekannter Chefredakteur, brachte die Stimmung auf der Tanzfläche so sehr zum Kochen, dass der Verstärker explodierte und ein neuer organisiert werden musste. Das Partyvolk quoll aus dem Showroom heraus ins Treppenhaus, bis zur Dachetage war alles voller Menschen, und am nächsten Tag war das edle alte Parkett mit Flaschen, Scherben, Zigarettenstummeln und Asche übersät, an den zartgelben Altbauwänden prangten Fußabdrücke. Merkwürdigerweise hatten viele Gäste ihre Kaugummis neben die Fußabdrücke geklebt.
Die letzten Hartnäckigen mussten morgens um sieben unter Androhung von Gewalt hinausgebeten werden, dann wurde der Maler bestellt und alles neu gestrichen. Es war die beste Party meines Lebens. Fast.
Einmal feierte ich meinen Geburtstag drei Tage und Nächte lang auf Ibiza. Ich muss sagen, dass es mir währenddessen und mehr noch danach nicht so gut ging und meine Schwester sich am dritten Tag sogar in die Notaufnahme der Clinic Balear einliefern ließ. Ich könnte jetzt endlos weitererzählen. Aber irgendwann hörte diese Art zu feiern auf, und ich gab stattdessen Dinnerpartys zu Hause oder reservierte lange Tische in irgendwelchen Restaurants.
Diese Abende waren bisher immer eine Enttäuschung für mich. Es liegt nämlich ein Fluch auf mir, der dafür sorgt, dass sich ein Gast immer übel danebenbenimmt. Diesen Freund muss ich dann auf ewig von der Liste streichen. Das ist einer der Nachteile des Älterwerdens: Man wird kleinkariert. Um mich und meine übrig gebliebenen Freunde davor zu schützen, habe ich also dieses Jahr meinen Geburtstag allein verbracht. Es war super, die befürchtete Einsamkeit blieb aus, niemand benahm sich daneben, ich musste keinen Maler bestellen und niemandem die Freundschaft kündigen. Trotzdem muss ich sagen: No risk, no fun. Vielleicht miete ich nächstes Jahr wieder ein Floß.