Neulich lag ich abends wieder mal in meiner Wohnung in Zürich und sah fern. Es lief sogar Schweizer Fernsehen, was ich sonst nie einschalte, denn dort werden meistens ernste Käse-Dokumentationen gezeigt, zum Beispiel brisante Berichterstattungen über den gesunkenen Käsepreis oder die triste Zukunft des Emmentalers, der an Popularität verloren hat, weswegen viele Bauern dem Emmentaler-Business abschwören und lieber Gruyère produzieren, da dieser sich immer noch großer Beliebtheit erfreut und höhere Preise erzielt.
Dazu gibt es dann Interviews mit wortkargen, wettergegerbten Schweizer Bauern, die grundsätzlich nur Drei-Wort-Antworten geben. Ich finde das Emmentaler-Dissen und den Gruyère-Hype vollkommen unverständlich, denn Gruyère hat einen sehr penetranten Geschmack und stinkt etwas nach Männerfuß, wohingegen es nichts Besseres gibt als am Abend ein Knäckebrot mit einer dünnen Scheibe Emmentaler. Aber was wollte ich eigentlich erzählen?
Ach ja, der Käse-Sender brachte diesmal ausnahmsweise nichts über Käse, sondern über Zeltsammler. Die Kamera zeigte einen Haufen braver Schweizer, Männer, Frauen, Kinder, Tiere, die nach einem Open-Air-Festival auf dem verlassenen Gelände herumstöberten und alles sammelten, was herumlag. Anscheinend hatten die Festivalbesucher nach dem tagelangen Saufen und Bedröhntsein keine Lust oder Kraft mehr, ihre Zelte, Schuhe, Gaskocher, Thermoskannen und was man sonst so bei einem Festival dabeihat, einzupacken. Sie hatten einfach alles liegen gelassen.
Und damit die Organisatoren nicht so viel aufräumen müssen, ist es erlaubt, einige Tage nach der Veranstaltung alles einzusammeln und mitzunehmen. Ich fand den Anblick der ordentlich frisierten Mittelschichtsfamilien, wie sie fröhlich zahllose vollkommen verdreckte 40-Franken-Zweimannzelte auf der matschigen Wiese inspizierten und abmontierten, ziemlich betrüblich.
Der Moderator fragte einen Mann, der gerade ein Paar zerlatschter Turnschuhe aufhob, was er damit vorhabe, und bekam die Antwort: Behalten oder verkaufen. Sogar den Moderator schüttelte es an dieser Stelle: Will die denn noch jemand? Der Mann nickte, als stünden vergammelte Sneakers momentan höher im Kurs als frischer Emmentaler. Er hatte schon einen ziemlich großen Schuhhaufen zusammengesammelt.
Da fiel mir der gut aussehende Typ wieder ein, dem ich auf einen Cocktail bei der letzten Berlin Fashion Week begegnet bin. Er hatte sich einfach zu mir gesetzt und mich ausgefragt. "Autorin", beantwortete ich zahm die unvermeidliche Frage. "Und du?" Er sah sich um und sagte dann bedeutungsschwanger: "Sammler."
Ich wich ein Stück zurück. Der Anlass und sein guter Anzug ließen keinen Zweifel zu. Der Typ sammelte Kunst und keine schmutzigen Zelte. "Aha", sagte ich, plötzlich leer und gelangweilt. "Und warum bist du dann auf der Fashion Week?" "Ich will mir hier ein Bild ansehen, das ich kaufen möchte." Hm, dachte ich, der Typ sieht gut aus, hat Geld wie Heu, ist in Genf aufgewachsen, lebt in New York und London - aber ich kann Kunstsammler nun mal nicht ausstehen.
Die meisten haben ein so gigantisches Vermögen geerbt, dass es jede eigene Karriere vollkommen sinnlos macht. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als crackabhängig zu werden wie die Tetra-Pak-Erben oder zu kaufen, was talentierte Menschen produzieren, am besten gleich so viel davon, dass die ganze Branche vor Ehrfurcht in die Knie sinkt. Oft haben sie keinen Schimmer von dem, was sie da sammeln, sondern bezahlen Experten dafür, dass sie ihnen Kaufempfehlungen geben.
Neben mir saß also ein Schmarotzer. Aber er schämte sich nicht, sich als Sammler vorzustellen, sondern sagte es so, als wäre es etwas Elitäres. Hätte er wenigstens gesagt: Ich tue nichts. Es ist immer noch cooler, nichts zu tun, als Sammler zu sein. Ich rutschte auf dem Mies-van-der-Rohe-Sofa noch ein Stück weg und sagte: "Ich sammle auch.2.55-Handtaschen von Chanel, ich habe schon sieben Stück, aus seltenen Materialien und in ausgefallenen Farben. Ich bin also auch Sammlerin. Und ich bin in Berlin, um mir eine Tasche anzusehen, die ich kaufen möchte. Wir sind Kollegen!" Er lächelte mich an, als wäre ich eine nette Irre.
Nun ist es nicht so, dass ich Sammler generell verachten würde. Der Wuppertaler Autor und Komödiant Steffen Möller schreibt in seinem neuen Buch über die Polen, dass sie große Sammler seien. Er kann das beurteilen, denn er hat in seiner polnischen Wahlheimat die Landesversion von "Wetten, dass ..?" moderiert und ist dort der zweitbekannteste Deutsche nach dem Papst.
Möller zufolge ist es in Polen völlig normal, dass Männer und Frauen mit Weidenkörbchen in den Wald gehen, um Beeren und Pilze zu suchen. Ganz große Beeren- und Pilzsammler sind die Polen wohl, Tschernobyl hin oder her. Ich selbst habe einmal auf dem Bielefelder Wochenmarkt polnische Wildheidelbeeren gekauft und Marmelade daraus gekocht.
Ob die Beeren wirklich aus dem Wald kamen, kann ich nicht sagen. Am Ende sind das alles nur Gerüchte. Der einzige Pole, den ich kenne, liegt nämlich die meiste Zeit auf der Couch und starrt wie gebannt auf sein iPhone. Er nennt das Chillen, aber wenn ich ihn frage, ob wir nicht lieber in den Wald gehen wollen, Pilze suchen, sagt er schnell: "Keine Zeit, ich mach grad Business". Nicht so einfach, die Sammlerei.