Die letzten Nadelstiche führen durch violette Pailletten direkt an der Brust des chinesischen Mädchens entlang. "Halt mal fest hier, Sarah", sagt Kathrin von Rechenberg zu ihrer Assistentin. "Nicht, dass ich noch das Model steche." Die Sorge ist berechtigt. In wenigen Tagen ist Modenschau - und in Rechenbergs Atelier fast so etwas wie Hektik ausgebrochen. Erst sind wegen der verflixten Automesse und des internationalen Fotofestivals kaum Models für den Termin aufzutreiben, und dann kommen sie auch noch zu spät zur Anprobe. Und das Wickelkleid, "das sollte auch schon vor Stunden fertig sein!".
Für gewöhnlich ist Rechenbergs Atelier im Herzen von Peking eine Oase. Blaue Straßenschilder mit ihrem Namen auf Deutsch und Mandarin weisen den Weg zu der kleinen, wuseligen Straße voller Geschäfte und Lokale am Rand des Botschaftsviertels. Hinter einem rostbraunen Metalltor tut sich ein stilles Idyll vor roten Ziegelsteinwänden auf: Blumenkübel, Gartenmöbel, ein Weinspalier. Vor sechs Jahren barg der Innenhof noch ein Kohlelager. Dann entwarf Rechenberg dort einen Komplex aus Schneiderei, Showroom, Stofflager und Büro. Ganz allein, ohne Architekturkenntnisse.
Selbst machen, das ist von jeher das Credo der Deutschen. "Ich habe schon als Schülerin Kleider vom Flohmarkt umgenäht und wollte mich immer selbstständig machen", erzählt die Münchnerin. Jetzt ist die 41-Jährige nicht nur selbstständig, sie hat auch in zwölf Jahren einen einzigartigen Stil entwickelt und im riesigen China eine Modenische besetzt. Dabei ist der Markt heiß umkämpft. Das neue Geld lockt westliche Labels und aufstrebende chinesische Marken, die der europäischen Konkurrenz auch stilistisch nacheifern. Das Hongkong-Label Shanghai Tang und die Haute-Couture-Designerin Guo Pei, die Roben für Stars entwirft, gehören zu den wenigen, die umgekehrt chinesischen Stil mit Erfolg in westliche Mode einfließen lassen.
Um asiatische Elemente wieder in Chinas gehobene Mode zurückzuholen, brauchte es eine Deutsche. Rechenberg macht Kleidung nach Maß, schlicht und elegant. Ihre Kleider fallen locker, klassische Schnitte verbindet sie mit Elementen wie weiten Kimonoärmeln oder Stehkrägen.
So schmeichelnd wie ihre Entwürfe ist auch die Teeseide, aus der sie einen Großteil ihrer Kollektionen nähen lässt. "Duftendes Wolkengewebe" nennt man den kostbaren Stoff in China. Ein divenhaftes Material, unberechenbar. Es ist so wetterabhängig wie die Trauben für einen edlen Wein. "Eigentlich sollten wir auf unsere Kleidungsstücke den Jahrgang drucken", sagt Rechenberg, die für eine Hose oder ein Oberteil aus Teeseide zwischen 400 und 1000 Euro verlangt.
Schon die zopftragenden Mandarine, die Ehrenamtsträger im kaiserlichen China, ließen aus der papyrusartigen Seide ihre Gewänder fertigen, lange schwarze Roben mit metallischem Glanz. Teeseide ist leicht, sie kühlt und klebt nicht auf der Haut. Das lebendige Material, das sich durch Waschen mit Tee verändert, geriet bei Schneidern und Modemachern fast in Vergessenheit. Rechenberg verwendet es seit 15 Jahren. "Und ich entdecke es immer wieder neu."
Wenn die Designerin lacht, kräuselt sich ihre Nase. Sie hat Schalk, ist aber auch schüchtern. Es dauert eine Weile, bis sie ins Erzählen kommt - und eine Kammer öffnet, die bis zur Decke mit Stoffrollen in Rot, Anthrazit und Zimtfarben vollgestopft ist. Sie zeigt auf dunkelrote Rollen: "Die liegen seit sechs Jahren dort." Und ärgert sich dann: "Ständig habe ich Engpässe. Wenn es mal einen besonders guten Jahrgang gab, geht mir natürlich genau der aus."
Rechenberg und die Teeseide, das ist eine Geschichte von Liebe auf den ersten Blick, und in der Stadt der Liebe begann sie auch: Paris. Dorthin war sie gepilgert, "weil man nirgends so gut das Handwerk lernt". Sie wollte die schwierigste Disziplin erlernen, die es gibt, die Haute Couture. Sie heuerte bei Jacques Fath an, im Glauben, das Atelier gehöre zu Givenchy - und war enttäuscht, als sie feststellte, dass es nur als Couture firmiert. Dafür hatte sie dort als "Seconde Main" viel Spielraum. "Wäre ich bei Givenchy gelandet, hätte ich im ersten Halbjahr nichts als Schulterpolster machen dürfen", sagt Rechenberg.
Was folgte, waren harte Studienjahre an der Schule des Pariser Modeverbands Chambre Syndicale de la Haute Couture. Das Mantra des Eliteinstituts: Handarbeit. "Zuerst wurde mir gesagt, was ich alles falsch mache. Ich habe falsch gesessen, die Nadel falsch gehalten und den Fingerhut falsch getragen."
Doch die junge Frau mit den schwungvoll zusammengesteckten schwarzen Haaren biss sich durch. Im Anschluss erhielt sie Aufträge als Modellistin und Schnittmacherin bei Chanel, Jean-Louis Scherrer, Christian Dior, Christian Lacroix und Emmanuelle Khan. Und sie traf die taiwanische Designerin Sophie Hong, die Teeseide verwendete. Einige Monate arbeitete sie mit ihr, reiste durch China und Japan, kaufte in Hongkong ihre erste eigene Stoffrolle - und da war es um sie geschehen. "Ich bin für die Teeseide nach China gekommen", sagt Rechenberg.
Auch heute trägt sie selbst nichts anderes als diesen Stoff. Sogar beim Wandern auf der Chinesischen Mauer sieht man Rechenberg in schwarzer Seidenhose. "Wieso nicht? Teeseide ist angenehm auf der Haut und widerstandsfähig." Als Rechenberg vor zwölf Jahren in Peking landete, hatte sie weder Kontakte noch Sprachkenntnisse, nur die Hoffnung auf ein gutes Arbeitsumfeld.
"Ich dachte, Stoffe und Schneider sind ja schon alle da", sagt sie. "Aber so war es nicht." Womit sie nicht gerechnet hatte: Der Werkbank der Welt, die den Globus mit Billigtextilien überschüttet, fehlen Schneider, die ihren hohen Ansprüchen genügen. Drei bis vier Jahre dauert eine fundierte Lehre. Also bildete Rechenberg eigene Mitarbeiter aus - und nähte anfangs viel selbst.
Und was sie in den ersten Jahren ebenfalls nicht ahnte: Auch für den Stoff ihrer Träume würde sie bald selbst sorgen müssen. Denn dem einzigen Pekinger Geschäft, das Rollen mit 15 Jahre alter Teeseide im Lager hatte, ging 2004 der Vorrat aus. Nur eine Färberei im südchinesischen Guangdong stellte noch regelmäßig Teeseide her. Dorthin schickt Rechenberg noch heute ihre besten Stoffe, Maulbeer- und Wildseide. Die Färber weichen sie in Teeblättern und einem Wurzelsaft ein, bedecken sie mit Flusssand und trocknen die langen Stoffbahnen im Freien - 40-mal hintereinander. Wie die Farben am Ende ausfallen, hängt von Wind, Sonne und Regen ab. Auch der fertige Stoff verändert sich noch. "Er lebt", sagt Rechenberg. Je länger das Material lagert, desto mehr gewinnt es an Qualität und Glanz.
Nach der Lagerung geht es zunächst ans Waschen. "Beim allerersten Mal war ich schockiert", erzählt sie. Voll Dreck und Schlamm waren die Rollen, so steif, dass sie von selbst standen. Rechenberg rückte ihnen mit Teewasser zu Leibe, mit Sand und Scheuermitteln für den Stonewashed-Look. Wann ein Stoff zum Waschen reif ist, findet sie bis heute durch Versuch und Irrtum heraus. Hier ein Stück abtrennen und waschen, dort eines - und sehen, was herauskommt.
"Mein Laboratorio" nennt Rechenberg ihren Hof, auf dem sie die 15 Meter langen Stoffbahnen zum Trocknen aufhängt. "Das will ich nicht aufgeben", sagt sie. Doch mit dieser Art zu arbeiten stößt sie an Grenzen. Sie will wachsen, eine Boutique für Prêt-à-porter in Peking aufmachen, Geschäfte in Chinas Metropolen beliefern. Letztes Jahr hat sie ein zweites Atelier eröffnet, um Platz für ihre 20 Mitarbeiterinnen zu schaffen.
Vor allem ihr Mann drängt zur Expansion. "Der Umsatz mit der Maßschneiderei ist zu klein", klagt Zhang Xiangyun alias Klaus auf Deutsch mit Akzent. Schon wenige Monate nach ihrer Ankunft in Peking hat Rechenberg ihn kennengelernt. Zhang ist ein vergnügter kleiner Chinese mit Liebe zum Savoir-vivre. Klaus nannte er sich schon, bevor er Rechenberg traf, sie heiratete und drei Kinder mit ihr bekam: Ende der 80er-Jahre hatte er die von der Hanns-Seidel-Stiftung geförderte Brautechnische Akademie in Wuhan besucht, danach Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Später vertrieb er in Frankreich Brau- und Gäranlagen und absolvierte eine Winzerausbildung in Bordeaux. Jetzt kümmert er sich um organisatorische und buchhalterische Dinge im Unternehmen.
Rechenberg kann mit dem Run auf ihre Couture kaum noch Schritt halten. "Meine chinesischen Kundinnen wollen die Sachen, die ihnen gefallen, gleich mitnehmen." Gleichzeitig verweilen die Damen gern Stunden in Rechenbergs Showroom und lassen sich verwöhnen. In der Adventszeit lädt Rechenberg zu Christstollen und Glühwein ein - deutsche Gemütlichkeit weiß man in China zu schätzen.
70 Prozent ihrer Kundinnen sind Chinesinnen, vergangenes Jahr waren es noch 50 Prozent. Ungewöhnlich, denn in Rechenbergs Wahlheimat haben europäische Designer sonst nur Erfolg, wenn sie sich bereits zu Hause einen Namen gemacht haben.
Doch bei der Münchnerin kaufen Businessfrauen, Intellektuelle, Künstlerinnen - keine neureichen Ehefrauen. Rechenberg bemerkt eine "neue Lust an Individualität". In China läge die Maßschneiderei seit zwei, drei Jahren wieder im Trend, sagt sie. Manche Kundin sei der vom Westen geprägten Markeneuphorie bereits überdrüssig. "Eine hat ihre gesamte Chanel-Garnitur aussortiert und bedient sich jetzt nur noch aus meinem Sortiment", sagt sie stolz.
Und so wird die Deutsche auch weiter auf China zählen - aber nicht wegen der Produktionsbedingungen. Die Löhne, die sie ihren Schneiderinnen zahlt, haben sich seit ihrer Ankunft vervierfacht, die Lebenshaltungskosten sind explodiert. Rechenberg ist sich sicher: "In München könnte ich inzwischen günstiger herstellen."
| Damenmode von Rechenberg: |
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