Regina rattert wie ein Maschinengewehr. "Die ist ein Maschinengewehr", sagt Philipp Süß, 40, Brille, Bauchansatz. Ein Jahr lang hat der Wirtschaftsingenieur versucht, Regina durch moderne Maschinen zu ersetzen. Doch er ist, wie er sagt, "erst einmal gescheitert". Die gusseiserne Regina, Baujahr 1922, stampft noch immer ihre knubbeligen Knötchennähte in das dunkle, äthiopische Haarschafleder. Und Süß, der Beschaffungsleiter von Roeckl, der sie ersetzen wollte, steht fasziniert daneben und sagt: "Das ist wie Tanzen."
Den Rhythmus dieses Tanzes gibt Mariana vor. Die 36-Jährige tritt mit Füßen, die in Gummisandalen stecken, die beiden Pedale. Gleichzeitig dreht sie mit der rechten Hand an einer Kurbel und sorgt so für die rundliche Form der Naht, die nicht nur ein Designelement ist, sondern den Handschuhen auch eine zusätzliche Raffung verleiht. Mit der linken Hand führt sie das Leder freihändig auf der Stichplatte, wobei der Abstand zwischen Außenkante und Naht maximal einen Millimeter betragen darf. Es ist eine Kunst, die so nur sie beherrscht.Was, wenn Mariana krank ist? "Das ist schlecht", sagt Süß. Und wenn Regina ausfällt? "Ein Desaster."
Es ist der Sieg einer alten Handwerkskunst, den man in der Handschuhmanufaktur des Familienunternehmens Roeckl in Timisoara, der zweitgrößten Stadt Rumäniens beobachten kann. Mag anderswo die Tradition immer mehr der modernen Technik weichen, hier wird noch produziert wie im 19. Jahrhundert. Männer in Unterhemden ziehen mit purer Muskelkraft quietschend Lederfelle über die Tischkanten. Frauen bedienen mit wippenden Füßen Maschinen, die so aussehen, als gehörten sie ins Museum.
Das alles, sagt Annette Roeckl im 1000 Kilometer westlich gelegenen München, habe nichts mit Nostalgie zu tun. Sie ist schlicht davon überzeugt, dass so die besten Handschuhe entstehen. Die 45-jährige Chefin führt das Unternehmen mit einem Umsatz von 25 Mio. Euro in sechster Generation. Der Platz in München, an dem das schlichte Firmengebäude steht, nennt sich wie das Unternehmen: Roeckl-Platz. Früher erhob sich hier das prachtvolle Roeckl-Schloss. In den 70er-Jahren wurde es abgerissen. Zu groß, zu unpraktisch. "Aus heutiger Sicht unglaublich", sagt Roeckl. Sie selbst hat als Kind noch auf dem Schlossspeicher gespielt.
Dann aber, als junge Frau, rebellierte sie, trug aus Protest keine Handschuhe. Nie. Um die Familientradition abzuwehren. Nach einer kurzen Ehe fing die alleinerziehende Mutter eher aus praktischen Gründen eine Ausbildung im Unternehmen an. Dann fiel ihre eigene Mutter aus - und sie musste einspringen. Die Verantwortung gefiel ihr. Schließlich übernahm sie die Firma gemeinsam mit ihrem Bruder Stefan. Wobei die Bereiche klar getrennt sind: Er leitet das ausgelagerte Unternehmen Roeckl Sports, sie ist alleinige Geschäftsführerin der Bereiche Mode und Accessoires. Es gibt kein gemeinsames Marketing, keine gemeinsamen Lieferanten - nur den Namen Roeckl, den teilen sich die Geschwister.
Von der einstigen Ablehnung ist heute nichts mehr zu spüren. Annette Roeckl streift im Münchner Roeckl-Laden einen Lederhandschuh über, der ihr bis zum Ellenbogen reicht. Der Handschuh heißt Regina, so wie die Nähmaschine, weil sich deren Knötchennähte den ganzen Schaft hinaufziehen. Sie streichelt ihn glatt, damit er sich anschmiegen darf. Es ist die Demonstration des Roeckl-Phänomens: Man schlüpft hinein, das Leder sitzt wie eine zweite Haut und leiert nicht aus.
Warum das so ist, wird im Erdgeschoss der Manufaktur in Timisoara klar. Hier befindet sich der Zuschnitt. 22 Männer klackern an Holztischen mit großen Metallscheren oder klopfen mit ihnen zwei Lagen Leder fest aufeinander. Vor Silvius Krall, dem Chef der Abteilung, liegt ein dunkles Stück Peccary-Leder. Es ist völlig zerlöchert. "Schwierig, da ein großes Stück herauszubekommen", sagt er. Früher war Krall Kfz-Mechaniker, Barkeeper und Schreiner - bis er 1996 zu Roeckl kam. Seitdem hat ihn das Handschuhmachen nicht mehr losgelassen.
Kein Leder, sagt Krall, sei so weich, zäh und zugleich dehnbar wie das vom Peccary-Wildschwein. Dummerweise lebt es im südamerikanischen Dschungel. Es ist, wie Beschaffungsleiter Süß formuliert, "klein, rundlich und relativ aggressiv". Es reibt sich gern an Baumstämmen und suhlt sich im Schlamm. Dabei entstehen jede Menge Kratzer auf seinem Fell. Schlimmer: Wenn es geschossen wird, nicht wegen des Leders, sondern wegen seines Fleisches, dann meist mit einer streuenden Schrotflinte, weil man es im dichten Urwald sonst kaum erwischt. Das Ergebnis liegt vor Krall auf dem Tisch.
Die Herausforderung liegt darin, ein ausreichend großes Stück Leder zu finden, das nicht komplett zerkratzt oder zerlöchert ist. Darum ist ein Peccary-Handschuh, bei dem Vorder- und Unterseite aus nur einem Stück entstehen, so selten. Süß sagt: "Der 11.013.388 ist der Mercedes unter unseren Handschuhen." Die Artikelnummer steht für den Royal Peccary, Roeckls teuersten Handschuh. Im Laden kostet das Paar 369 Euro.
Süß spricht gern in Artikelnummern. Für einen Royal Peccary ist das Leder auf dem Tisch ungeeignet, es soll für einen 11.013.942 dienen, sagt er. Das ist ein Autofahrerhandschuh, der aus immerhin zwei großen Stücken Peccary-Leder besteht und nur 149 Euro kostet. Das Leder wandert zu Livio Neicomi, der die Kunst des Handschuhmachens mit 15 Jahren unter Ceausescu gelernt hat. Der 61-Jährige zieht es über die Tischkante. Die linke Hand, die oben liegt, ist von dicken Hornhauthügeln überzogen.
Fast eine halbe Stunde wird die Wildschweinhaut hin und her gezogen. Es geht darum, die "richtige Dehnung zu fixieren", erklärt Süß. Zuschnittchef Krall, der sonst nur Rumänisch und Englisch spricht, ruft das deutsche Wort "Zugabe". Und tatsächlich verbirgt sich hinter diesem Begriff das Geheimnis der so angegossen sitzenden Roeckl-Handschuhe.
Das Verfahren, das in Timisoara praktiziert wird, ist der französische Tafelschnitt. Neicomi dehnt das Leder erst "allongé", also längsseitig, anschließend "travers", sprich quer. Dabei definiert er die Zugabe, also das, was er zur eigentlichen Breite des Handschuhs hinzugibt. Bei dem Autofahrerhandschuh ist das ein französischer Zoll. Neicomi misst ihn mit einem Lineal ab, dessen Skala die alte französische Maßeinheit zeigt. Dann markiert er das Material an der entsprechenden Stelle.
Es ist so weich, dass er dafür nur seinen rechten Daumennagel gebraucht. Wie bei allen Männern im Zuschnitt ist er deutlich länger als die Nägel der anderen Finger. Dann zieht er das Leder noch einmal allongé und nimmt mit einer Pikette, einer Art stumpfem Messer, noch mehr Dehnbarkeit heraus. Wichtiger als die Kraft, sagt Neicomi, sei das Gefühl. Zehn Jahre habe er gebraucht, um es zu entwickeln.
Das Ergebnis dieses französischen Tafelschnitts ist ein Handschuh, wie ihn Annette Roeckl in München am Arm trägt. Wenn sie hineinschlüpft, dehnt er sich ein wenig aus und passt sich ihrer Hand an. Legt sie ihn wieder ab, zieht sich das Leder in seine ursprüngliche Form zurück. Roeckl bezeichnet die Manufaktur in Timisoara als "Kern- und Herzstück" des Unternehmens. Rund 105.000 der jährlich 365.000 Roeckl-Handschuhe werden dort gefertigt. Es ist der letzte eigene Produktionsstandort. Der Rest wird in Auftragsarbeit in Indien gefertigt.
Die Entscheidung, die Produktion Mitte der 90er-Jahre nach Rumänien zu verlagern, hat noch ihr Vater getroffen. Aus "wirtschaftlicher Notwendigkeit", sagt Roeckl, die Lohnkosten hätten eine handwerkliche Produktion in Deutschland unmöglich gemacht. In Timisoara waren die Löhne deutlich niedriger. Und es hatte während des Ceausescu-Regimes eine Lederfabrik mit über 2000 Angestellten gegeben. Die Handschuhmacherkunst war noch lebendig.
Inzwischen ist es schwierig, neue Mitarbeiter zu finden. Roeckl hat es in Timisoara selbst beobachtet. Firmen wie Continental, Dräxlmaier und Nestlé haben sich angesiedelt. Die Wirtschaft boomt. Die Arbeitslosigkeit in Timisoara liegt bei nur zwei Prozent. "Die jungen Leute wollen studieren oder irgendwo schnelles Geld verdienen", sagt die Chefin. Das mühselige Handwerk des Handschuhmachens erlerne kaum noch jemand. Sie hat deshalb im 220 Kilometer von Timisoara entfernten Sebes eine Linksnaht-Schule eröffnet. Dort lernen zurzeit fünf Frauen, im September kommen noch vier dazu.
Eine ganze Schule nur für die Linksnaht? Tatsächlich ist jede Frau in der Näherei in Timisoara, zwei Stockwerke über dem Zuschnitt, nur für eine einzige Naht zuständig. Wer die innen verlaufende Linksnaht beherrscht, würde sich nie an der außen verlaufenden Steppnaht versuchen. Zu lange dauert es, bis man die neue Technik beherrscht. Im Durchschnitt schafft eine erfahrene Näherin 40 bis 50 Handschuhe am Tag. In ihrem ersten Jahr sind es nur 15. Noch viel aufwendiger ist die Handnaht. Der Peccary-Autohandschuh wird so gefertigt. Mit 2000 Stichen der geschärften Dreikantnadel, ganz ohne Maschine. Drei Paar am Tag schafft eine Näherin.
Was bedeutet es, einen solchen Handschuh zu tragen? Die Chefin in München überlegt eine Weile. Ein guter Handschuh "hat das Potenzial zum Statussymbol", sagt sie. Wenn sie zu einem schlichten Kleid auffällige Handschuhe trage, bewege sie sich automatisch anders - und werde auf einmal auch anders wahrgenommen. Es heiße dann auf Partys nicht mehr bloß "Hallo, Frau Roeckl", sondern, sie schraubt ihre Stimme ein paar Tonlagen höher: "Uuih, hallo, guten Tag, Frau Roeckl."
"Vielleicht", fügt sie hinzu, "sind wir luxuriöser, als wir es uns zugestehen. Angesichts dieser aufwendigen Handarbeit sind wir eigentlich viel zu günstig."
Dass sich an den Abläufen in der Manufaktur absehbar etwas ändert, ist kaum zu erwarten. Süß hat es versucht. Er hat moderne, asiatische Nähmaschinen gekauft. Sie stehen eingehüllt in Plastik in einer Ecke der Näherei. Regina aber rattert weiter. Vor Kurzem hat Süß gehört, dass demnächst ein alter Handschuhmacher in Rente geht. Er besitzt noch eine Regina. Süß wird wohl zuschlagen.